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Kohaku

Summary:

Eine Kurzgeschichte in deutscher Sprache, in japanischem Setting.
Der Reisbauer Makoto findet im Wald einen verwundeten Fuchs und entscheidet sich dazu ihn zu retten. Eine Story über Liebe, Verletzung und Einsamkeit.

Work Text:

Makoto sammelte gerade Feuerholz in einem nahen Waldstück. Die Nächte wurden langsam kalt und er musste nun selbst dafür sorgen, dass die Hütte über den Reisfeldern warm blieb.

Von weitem hörte er ein Quieken wie das eines Kleinkindes und ohne nachzudenken lief er darauf zu, immer tiefer in den Wald.

Bereits aus der Distanz konnte er das Rot zwischen den Zypressen erkennen. Ein Fuchs, eine Pfote in einer Schlingfalle, die bereits in die Haut und das Fleisch darunter eingeschnitten hatte. Makoto sah hinab zu dem Tier, das viel zu groß war, beinahe wie ein Hund. Auch die Augen waren nicht normal, leuchteten diese doch in einem grellen Orange, nein, wie Bernstein. Er erinnerte sich an die Geschichten, die ihm seine Eltern erzählten, bevor sie starben und er vor einem halben Jahr mit 19 bereits eigenständiger Reisbauer war.

Geschichten von gemeinen Jägern in Fuchsgestalt, die die Menschen umgarnten und ihnen die Lebenskraft stahlen. Er wusste, er hätte das Wesen erschlagen sollen, doch als es sich vor ihm wand, brachte er es nicht übers Herz, und er kniete sich nieder und arbeitete an der Falle. Kurz darauf war die Pfote frei, der Fuchs zuckte zusammen vor Schmerzen und schnappte nach Makotos Hand. Die spitzen Zähne bohrten sich ins Fleisch und er zog die Hand mit einem Schmerzensschrei zurück. Makoto sah auf, der Fuchs war verschwunden.

Mit pochender, verbundener Hand saß er zu Hause und dachte an das Tier, das Wesen. Er wusste es nicht. Am siebten Tag war die halbmondförmige Wunde bereits verschlossen, doch sie blieb als Erinnerung bestehen. Er ging ins Dorf, weil das Salz ausgegangen war, und in einer Gasse hinter dem Sake-Laden fand er sie. Zusammengekauert und müde an einer Wand abgestützt, hob sie den Kopf, der unter einem löchrigen Umhang hervorschaute.

 

Ein schmales Gesicht und leuchtende Augen, die ihn mit geschlitzten Pupillen erschrocken anstarrten. Sie bleckte die Zähne und markante Reißzähne ragten über die Oberlippe hervor. Fauchend stand sie nun vor ihm, scheinbar in Form einer jungen Frau, doch die Fehler verrieten sie. Auf den Unterarmen und Schienbeinen war dichter rotbrauner Pelz, der fleckig und verfilzt war.
Schützend hob er beide Hände und sie sah die Wunde an seiner Hand, die scharfen Krusten, die sich an der Haut abzeichneten.
Das Fauchen erstarb und sie stand etwas entspannter.

„Ich bin's…", presste Makoto nervös hervor.

Sie starrte noch für ein paar Sekunden, dann drehte sie sich um und rannte davon. Makoto stand im Schatten der Gasse und hörte bald nichts mehr als seinen beschleunigten Atem, der sich nur langsam beruhigte. Er ging nach Hause. Zurück in das Farmhaus, das er bewohnte, als wäre es auf Zeit, doch gab es keinen Anlass für ihn zu denken, dass sich bald etwas ändern sollte. Er öffnete die Tür, alles war so, wie er es hinterlassen hatte, still, leer, beinahe tot.

 

Am Abend saß er bei dem niedrigen Tisch bei einer Schale Reis und einem Stück Rettich, als er aus einer Ecke ein Geräusch wahrnahm. Tonkrüge, die aneinander schlugen, und aus der Dunkelheit seiner Hütte schälte sich der dreckige Umhang mit der jungen Frau darunter, deren roter Pelz noch immer zu sehen war.
Makoto stockte der Atem und für eine kurze Ewigkeit herrschte Stille. Dann schob er seine Reisschale hinüber.
„Setz dich. Iss. Wenn du willst."

„Ich kann euer Essen nicht essen." Sie kniete sich trotzdem an den Tisch und der Umhang staute sich auf dem Lehmboden seiner Hütte.

„Okay. Das wusste ich nicht, tut mir leid."

Sie blickte zu ihm herüber, als er den Reis fertig aß. Ein Blick, den er nicht lesen konnte und der ihm doch vertraut vorkam.

„Wer bist du?", fragte Makoto vorsichtig.

„Kohaku. Tochter der Chiyo. Zumindest war ich das."

Er senkte den Blick, wusste nicht, was er sagen sollte. Verstohlen sah er zu ihr, die Schnurrhaare zitterten an ihren Wangen, die Krallen, die sie an den Fingerspitzen nicht verstecken konnte. Unvollkommen. Weder richtig Fuchs noch richtig Mensch.

„Bleib hier", sagte er. „Heute Nacht oder länger. Wenn du willst."

Sie blieb und an diesem Abend lag sie neben ihm auf dem Stroh, und er hörte ihren Atem schnell und flach. Sie drückte sich näher und er roch sie. Nasses Fell, Erde – es roch wild und nach Freiheit. Darunter jedoch lag etwas Süßes, etwas, das ihn näher zu ihr zog, etwas, das ihn fokussierte auf eine Weise, die er nicht kannte. Sein Körper reagierte. Beide bemerkten es.

„Bist du erregt?", fragte sie, und ihr warmer Atem traf auf die Haut an seinem Hals.

„Ja." Seine Stimme zitterte.

Sie küsste ihn. Verhalten zuerst, dann mutiger. Ihre Zunge war rau und warm, und er erwiderte den Kuss. Ihre Hand öffnete die Kordel an seiner Leinenhose und sie griff darunter. Makoto zuckte zusammen. „Au! Zu fest."

Sie zog die Hand wieder zurück.

„Es ist okay, ich habe mich nur erschreckt."

Ihre Hand umfasste ihn, sanfter diesmal, und ein erstickter Laut entwich ihm.

„Meine Mutter sagt, wir Kitsune müssen so etwas können. Aber sie hat mir nie gezeigt, wie."

Kohakus Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und als sie so neben ihm lag, hob sie ein Bein und schlang es um Makoto. Sie zog ihn an sich heran, sodass sich ihre Unterkörper trafen. Sie zog ihn noch näher und hinter feuchtem Fell spürte er warme und nasse Haut. Er drückte sich ihr entgegen und Zentimeter für Zentimeter umhüllte ihn die Wärme. Sie zog scharf Luft ein, als er in sie eindrang. Sie war trocken und es rieb, aber sie wollte ihn nicht mehr gehen lassen.

Makoto sog den süßlichen Geruch ein, der immer stärker wurde, und er spürte, wie sein Körper sich ohne sein Zutun entspannte. Seine Muskeln wurden weich und jede Pore öffnete sich, machte sich bereit, ihr zu geben, was sie wollte, und zu empfangen, was sie gab.

Mit leuchtenden Augen beobachtete sie sein Gesicht, seine geschlossenen Augen und den leicht geöffneten Mund, den wehrlosen jungen Mann in ihren Armen. Sie begann mit den Hüften zu rollen und Makoto bewegte sich ihr entgegen.
Ein Stoß, ein zweiter, ein dritter und er begann zu zittern, als er sich tief in ihr ergoss. Er spürte, wie sich ihre Krallen fester in seine Schulter bohrten, und noch immer fuhren ihm starke Kontraktionen durch den Unterleib.
Ihre inneren Wände schlossen sich eng um ihn und auf ihrem Gesicht veränderte sich etwas. Die Anspannung löste sich, die Augen fielen halb zu. Als sich ihr Mund öffnete, kam ein Laut heraus, der war erleichtert und traurig zugleich. Ein leises Jaulen, das in ein Seufzen überging.

Der süßliche Geruch klang ab und an seiner Stelle setzte eine überwältigende Müdigkeit ein. Makoto öffnete schwach die Augen und sah sie an. Ihre Wangen trugen jetzt ein zartes Rosa, weniger blass, lebendiger.

„Tut mir leid." Kohaku flüsterte es zwischen zusammengepresste Lippen hervor.

„Ich habe dir etwas genommen."

„Ich weiß." Seine Stimme war rau. „Ich kenne die Geschichten. Aber ich bin jung, ich habe genug Leben für uns beide. Nimm es, ich gebe es dir."
Ihr Schweif wickelte sich um sein Bein und sie presste sich eng an ihn. Sie sagten nichts mehr.

Am Morgen war sie fort.

  • • •

 

Er sah sie nicht wieder. Nicht im Frühjahr, als die Reisfelder geflutet werden mussten, nicht im Sommer, als die Hitze sein kleines Haus in einen Ofen verwandelte und er nachts auf der Veranda schlief und in den Himmel starrte. Nicht im Herbst, als die Ernte mager ausfiel und der erste Frost kam.

Er dachte an sie. Jeden Tag. Nicht weil sie ihn verzaubert hatte. Weil er sich erinnerte, wie es sich angefühlt hatte, nicht allein zu sein.

Als das Grün zuerst zu Braun wurde und schließlich zu Weiß überging, stand sie auf seiner Türschwelle.
Er wusste, dass sie es war, und doch war es ihm, als stünde etwas anderes vor ihm.

Ihre Kurven waren fülliger, doch unter der Haut waren vereinzelte Schatten. Mehrere Narben zogen sich über die Seite bis über den Bauch. Die Spur eines Stricks um ihren Hals, als hätte jemand tagelang daran gezogen. Ihre Brust war voll und schwer und unter der rechten war ein einzelnes Kanji eingebrannt – 畜 chiku.
Er schluckte. Sie wirkte so lebendig und gleichzeitig so kaputt wie nie zuvor.

Er wandte den Blick zu Boden, denn er ertrug es nicht länger. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten wie früher, doch darunter waren dunkle Schatten.

 

Er fragte nicht. Traute sich nicht. Nicht jetzt. Kohaku brach zusammen und er trug sie zum Stroh, legte sie behutsam ab. Er holte klares Wasser, gab ihr zu trinken. Und als er so neben ihr kauerte, roch er das nasse Fell an den Unterarmen, das sie trotz ihrer nun perfekten Verwandlung offenbar nicht verbergen konnte. Er roch Asche und Erde und beinahe hoffte er auf die Süße darunter, die nicht kam.

Stattdessen nahm er die Schärfe von ranzigen Körperflüssigkeiten wahr, die sich in ihre Haut gefressen hatten.
Er holte mehr Wasser, zerrieb ein paar Kräuter und wusch sie behutsam.

Zwei Tage lang lag sie da. Fiebrig schien sie gegen eine Krankheit anzukämpfen, gegen die er nichts ausrichten konnte. Am dritten Tag schlug sie die Augen müde auf, es war bereits dunkel.

„Du bist zurückgekommen."

„Ich wusste nicht, wohin sonst. Auf der Flucht zog es mich hierher." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, rau von Trockenheit.

Er legte sich zu ihr, zog sie an sich, und obgleich sie kühl war, durchdrang ihn eine vertraute Wärme. Ihr Schweif wickelte sich eng um sein Bein und er hielt sie die ganze Nacht über in seinen Armen, hörte, wie ihr Atem zu Beginn noch angespannt langsam tiefer und monotoner wurde. Makoto wachte über ihren Schlaf und am Morgen war sie nicht verschwunden. Kohaku blieb. Nicht weil er es anbot, obwohl er es getan hätte. Sie blieb, weil es der einzige Ort war, den sie hatte, und er jagte sie nicht fort, weil sie das Einzige war, das er hatte.

Die Tage bekamen eine Struktur. Er arbeitete auf den Feldern, sie blieb im Haus, tagsüber in Fuchsgestalt, zusammengerollt auf dem Stroh, weil die Verwandlung Kraft kostete, die sie nicht hatte. Abends nahm sie die menschliche Form an, und sie saßen zusammen, und er aß sein karges Mahl, und sie aß nichts. Ihre rundliche Form nahm ab und sie glich bald wieder der dünnen Frau, die er kannte, einzig das Brandmal unter der Brust erzählte eine Geschichte, nach der er nicht zu fragen wagte.

Als bereits Kohakus Augen matt und die Haut blass wurden, trat ihr Makoto gegenüber.

„Du hast Hunger." Es war eine Frage, eine Feststellung, er wusste es nicht, und sie nickte bloß mit gesenktem Kopf.
Sie legten sich wie damals gemeinsam auf das Stroh. Kohaku drückte ihn sanft auf den Rücken und er ließ es geschehen. Schüchtern blickte er zu ihr hinauf und endlich roch er wieder, was er so lange vermisst hatte. Dieser süße Geruch, der sein Selbst wie in Honig tauchte. Er spürte die Hitze zwischen ihren Beinen, warm, feucht – wie warmer Dampf, der sich zwischen ihnen ausbreitete.

Makoto fasste zögerlich auf ihre Hüfte und sie ließ sich auf ihn nieder. Er glitt widerstandslos in sie ein. Ihr Inneres nahm ihn gierig in sich auf, und obgleich er unbeholfen unter ihr hin und her rutschte, war sie nicht wie früher. Sie kreiste die Hüften, hob und senkte sich sanft, als tanzte sie einen Tanz, den sie verinnerlicht hatte. Er blickte noch einmal auf sie hinauf. Das Mondlicht, das durch die Fensteröffnung hineinschien, spiegelte sich auf ihrer Brust und in den Muskeln ihrer Schultern.
Die Süße war nun allumfassend und er schloss die Augen, gab sich ihr hin, so wie er war.

Kohaku beschleunigte ein wenig, platzierte die Hände auf seiner Brust, und mit jedem Fallen ihrer Hüfte, das durch die Hütte schmatzte, verlor ihre Haut an Blässe. Sie verlor sich im Moment und ritt ihn nun ungehemmt. Schweiß tropfte ihr von der Brust und fing sich auf seiner, und endlich brach der Schmerz aus ihr heraus. Dicke Tränen traten ihr aus den Augenwinkeln und Makoto hielt sie an der Hüfte, ließ sie nicht los. Wenige Stöße darauf kam er in sie, und mit rollenden Bewegungen nahm sie es auf. Trank es, wie es ihre Art tat, und zwischen dem Schluchzen entfuhr ihr ein verletzter Laut, der eine Last von ihr nahm.

An diesem Abend schliefen sie eng umschlungen auf dem Stroh, und obgleich Makoto erschöpft und schwach war, blieb er noch lange wach, um sie zu halten.

  • • •

 

Fortan legten sie sich jede Woche hin und liebten sich. Und jedes Mal gab er Kohaku etwas von sich.
Aus Wochen wurden Monate und Monate wurden zu Jahren.
Sie sah es mit Argwohn, denn seine Schläfen, die bereits mit dreißig silbrig wurden, erzählten eine Wahrheit, die er nie aussprechen würde.

„Ich töte dich …" Sie sprach es eines Abends aus, sie hatten sich gerade geliebt und lagen gemeinsam nackt im Stroh. „… obwohl du mich gerettet hast."

„Du warst es, die mich gerettet hat." Er zog sie fester an sich.

„Vielleicht waren wir einfach beide kaputt und haben uns gegenseitig gerettet." Ihre Stimme war rau, doch es lag Erleichterung darin. Erleichterung, dass sie nicht gehen musste, und das hasste sie.

 

Makoto klagte nie.

Nicht als seine Gelenke schmerzten, wenn er im Wasser des Reisfeldes stand, sie neben ihm, und sie gemeinsam ernteten. Als sie kicherte, wenn das Wasser Blasen formte, wenn ihr Fuß im Schlamm darunter versank.
Nicht als er beim Saatgut-schleppen seinen Rücken rieb und verschwitzt zu seiner Hütte hinaufsah. Als er in der Ferne ein rotes Leuchten sah, wenn Kohaku in Fuchsgestalt auf der Veranda Sonne tankte.
Nicht wenn in den Wintern die Kälte tiefer drang als früher und er sich in ihren Fuchspelz drückte, um nicht zu erfrieren.

Kohaku beobachtete ihn stets. Mit den leuchtenden Bernsteinaugen sah sie, wie er immer gebückter ging und wie sein Rücken knackte, wenn sie morgens aufstanden. Doch immer noch schliefen sie eng aneinander, ihr Schweif um sein Bein geschlungen, und über die Jahre verblasste das Brandzeichen unter ihrer Brust.

 

Und eines Frühjahrs – er fegte gerade Fellbüschel, nachdem sie den Winterpelz abstieß – kam sie zu ihm. Er war 36 Jahre, sein Haar ging bereits von Silber in Weiß über und die Felder lagen jetzt meist brach.

„Hast du es je bereut?"

Makoto dachte nach. Nicht lange.

„Nein", sagte er. „Keinen einzigen Tag."

Sie umarmten sich, und obgleich er wusste, dass er irgendwann sterben würde und sie wahrscheinlich hunderte Jahre leben würde, gab es in dem Moment nichts anderes als sie und diesen süßen Geruch, der immer da war.