Chapter Text
“Toshi, bitte! Bitte bleib bei mir! Verlass mich nicht! D-du… du kannst nicht verlieren! Toshi!!!”.
Misaki schreckte in ihrem Bett hoch. Sie saß kerzengerade, ihre Stirn schweißgebadet, ihr Herz raste, ihre Decke halb auf dem Boden. Ihre Atmung war laut und schwer, ihre aufgerissenen Augen voller Angst und Panik. Ihre Pupillen fuhren hektisch durch den Raum, um zu realisieren, wo sie sich befand. Ein ohrenbetäubender schriller Ton hallte durch den mit Sonnenlicht gefluteten Raum. Sie atmete laut aus, schloss ihre Augen für einen Moment und legte ihre rechte Hand auf ihre Stirn. Sofort spürte sie die Nässe in ihrer Handfläche.
“Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, Misaki”, wisperte sie zu sich selbst. Anschließend nahm sie ihr Handy und löschte den Alarm. Nicht nur ihr Vorderkopf war feucht, sondern auch ihre langen schwarzen Haare waren durchgeschwitzt, bis hin in ihre feuerroten Spitzen. “Nur ein Traum…”, flüsterte sie abermals und verließ dabei gemächlich ihr Bett.
Schnurstracks ging sie in ihr angrenzendes Bad und entledigte sich ihrer, auch nassen, Kleidung, um infolgedessen duschen zu gehen. Das warme Wasser prasselte auf ihre fahle Haut und entspannte die Muskeln, die während des Traumes stark gearbeitet haben mussten. So fühlte es sich jedenfalls an, denn alles in ihrem Rückenbereich war verspannt. Auch wenn sie es nicht wollte, und sich dagegen sträubte, hingen ihre Gedanken an dem Traum fest.
Was genau war geschehen, vor 5 Jahren, bei dem Kampf gegen All for One?
Sie konnte sich nur noch daran erinnern, dass sie sich gegen ihn gestellt hatte und verlor.
Sie verlor den Kampf.
Sie verlor ihr Bewusstsein.
Sie verlor ihr Gedächtnis, nach diesem verheerenden Schlag.
Sie verlor ihn.
All Might.
Toshinori Yagi.
Ihren Partner.
Ihre Liebe.
Keiner wusste so recht, was mit ihm passiert war. Nach dem Kampf fehlte jede Spur von ihm. Es gab kein Lebenszeichen mehr. Er meldete sich nie wieder bei ihr, oder bei jemand anderem. Es wurde ihm sogar ein Monument erbaut, denn auch die Menschheit verlor den Glauben an sein Überleben.
Bei den Gedanken daran kamen ihr unweigerlich die Tränen, welche unter der Brause nicht weiter auffielen. Dieser seelische Schmerz war immer noch so stark in ihr verankert. Sie hatte gelernt, damit zu leben, doch weggehen würde er nie.
“Er ist tot…”, sagte sie leise zu sich, mit der Überzeugung, dass er sich damals geopfert hatte.
Es war nur logisch, denn sonst hätte sie es gewusst. Sie hätte gewusst, dass er noch lebte.
Ein weiteres Klingeln holte sie aus ihren Gedanken. Es war ein Anruf. Seufzend bäumte sie sich wieder auf und griff nach ihrem Shampoo. Sie würde zurückrufen, sobald sie fertig geduscht hatte. Erstmal musste der Schweiß von ihrer Haut herunter.
Nach einiger Zeit trat sie aus der Dusche und griff nach ihrem Handtuch. Ein weiteres band sie sich um den Kopf. Sie nahm ihr Handy, tätigte den Rückruf und stellte den Lautsprecher ein.
“Was gibt's?”, fragte sie, als sie hörte, wie er den Anruf annahm.
“Ich wollte nur mal hören, ob du heute auch wirklich zur U.A. gehst. Du weißt dass mir das wichtig ist. Gerade wegen Shoto”, kroch eine dunkle, raue, ja fast schon bedrohliche Stimme durch den Hörer.
“Du musst nicht den Aufpasser spielen, Enji”, seufzte sie laut, während sie sich abtrocknete. “Und ja, ich werde heute meine neue Arbeit antreten und ein Auge auf Shoto haben”.
“Misaki, es ist wichtig, dass du wieder auf die Beine kommst. Das was All Might dir angetan hat…”, fing er seine Moralpredigt an, so wie sie es gewohnt war, von ihrem Bruder, als sie ihn unterbrach.
“Wag es dir, weiterzureden. Das hier ist mein Leben, verstanden und Toshi… ist Geschichte, das weißt du genauso gut wie ich”, zischte sie.
All Might, ein Thema was sie nicht haben konnte und nie haben würde. Sie verlor ihre Liebe und tief im Inneren hatte sie das Gefühl, dass ihr Bruder das auf eine Art sogar genoss. Er mochte Toshi nie. Nur wegen ihm war er die Ewige Nummer 2 und er führte dazu noch eine Beziehung mit seiner Schwester. In seinen Augen manipulierte er sie, obwohl es nicht so war. Auch wenn Misaki Toshi am Anfang für nervig und auf eine Art überheblich empfand, so lernte sie eine andere Seite von ihm kennen. Sie wurden zu einem der besten Teams der Heldenliga und in dieser Zeit sogar mehr. All Might war dem großen Endeavor schon immer ein Dorn im Auge. Mit seinem Ableben kletterte er an die Spitze, doch Misaki litt. Sie litt sehr lange darunter.
“Denk’ außerdem nicht daran, dass ich irgendwann mal wieder als Heldin aktiv werde. Ich werde die Schüler unterrichten, mehr nicht”, erinnerte sie ihn nochmal an ihre Haltung ihrem Heldentum gegenüber und nahm das Badetuch von ihrem Kopf.
Nachdem sie damals aus einem einmonatigen Koma erwachte und sie seitdem nie wieder was von dem Superheld Nummer 1 gehört hatte, hing sie ihre Karriere an den Haken. Ja, noch nicht mal im Heldenbüros ihres Bruders fing sie wieder an, obwohl das ein sicherer Job gewesen war und sie ja nun das Talent dazu hatte. Doch es ging nicht. Sie konnte diese Berufung nicht mehr ausüben.
“Misaki, du wirfst deine Fähigkeit weg und das nur wegen diesem Kerl”, knurrte Endeavor, der stets auf Leistung und Prestige aus war.
Die Frau schlüpfte in ihre Unterwäsche, während sie ihre langen schwarz-roten Haare trocknete, mit Hilfe ihrer Spezialität. “War's das?”, stellte sie sich wieder auf und blickte in den leicht beschlagenen Spiegel vor sich.
“Hinterlasse einen guten Eindruck bei Nezu. Ich habe ein exzellentes Wort für dich eingelegt. Enttäusch’ mich also nicht”, klang er ernst und seine Aussage hatte was autoritäres, was sie noch nie bei ihrem Bruder ab konnte.
Er war nicht immer schlecht, nein. Er half ihr aus ihrem Tief und unterstützte sie finanziell, als sie nichts machen konnte. Dafür war sie ihm auch dankbar, dennoch war es ihr Leben und er hatte nicht ewig das Recht, sich darin einzumischen.
“Keine Sorge, das werde ich schon nicht. Außerdem weiß er was ich kann. Ich muss jetzt auflegen, sonst komme ich zu spät”, zog sie sich eine enge schwarze Hose an.
“Melde dich später”, befahl er schon fast.
“Ja. Bye”, wartete sie nicht mal auf seinen Abschiedsgruß und legte auf.
Ihre Hände legte sie rechts und links an den Waschbeckenrand und beguckte sich weiter in den Spiegel. Ihre Eisblauen Augen dabei etwas von ihrer Mähne bedeckt. Sie atmete mehrmals ruhig ein und aus. Sie wusste nicht, ob dieser Weg, den sie nun einschlug, gut werden würde. Ob sie ihren Job schaffen würde. Ob sie ihren zukünftigen Schülern überhaupt was beibringen könnte. Hatte sie sich zu viel zugemutet? Sie musste endlich weiterleben. Sie hatte schon genug Lebenszeit vergeudet. Außerdem wäre sie nah an ihrem Neffen, was ihr Gemüt etwas erhellte. Sie liebte ihn und war oft nicht mit den Erziehungsmethoden ihres Bruders einverstanden. Nachdem ihre Schwägerin auch noch ihren eigenen Sohn verschandelte und ins Krankenhaus kam, übernahm Misaki etwas die Mutterrolle. Doch auch wenn die beiden die Kraft des Feuers verband, scheute Shoto sich, diese zu nutzen. Er verabscheute seinen Vater und das schon seit klein auf. Und Misaki verstand es.
Nachdem sie sich reguliert hatte, zog sie sich den Rest an und machte sich fertig. Sie packte ihre Handtasche und verließ die Wohnung. Heute sollte sie noch keinen Unterricht ausüben. Sie sollte erstmal ankommen und Nezu wollte ihr vorerst alles zeigen, so seine Worte in der E-Mail. Misaki begrüßte das, so konnte sie langsam starten.
Als sie vor dem großen, eckigen Gebäude der U.A. Oberschule stand, war der Unterricht schon längst im Gange. Sie lief den langen Weg zum Eingang entlang und sah schon von weitem den Rektor der Schule.
"Misaki Todoroki. Schön, dass du gekommen bist. Willkommen an der U.A. Oberschule”, begrüßte er die neue Lehrkraft freundlich.
“Die Freude ist ganz meinerseits, Nezu”, verbeugte sie sich leicht.
“Oh bitte, du brauchst dich nicht verbeugen. Es ist mir eine Ehre, solch eine hervorragende Heldin an der U.A. begrüßen zu dürfen”, winkte er ihre Geste ab, dabei keineswegs respektlos.
“Ex-Heldin”, korrigierte sie die Maus und erhob sich wieder komplett.
“Natürlich. Tut mir leid”, entschuldigte er sich, wollte er nicht so plump sein, kannte er ihre Geschichte. “Ich hoffe der Weg war nicht zu aufwendig”, drehte er ihr den Rücken zu und ging voraus, mit dem Smalltalk beginnend.
“Absolut nicht. Die Schule hat wirklich eine sehr gute Anbindung”, folgte sie ihm und schaute sich dabei stets um.
“Wunderbar. Wie ich schon in der E-Mail geschrieben habe, werde ich dir heute alles zeigen, was du wissen musst, an deinem ersten Tag. Wo dein Büro ist, wo es zur Kantine geht und vieles mehr. Natürlich kannst du auch in deinem Büro essen, wenn dir die Schüler und Kollegen zu viel werden”, führte er fort und schritt zielstrebig seinen Weg voran.
“Das ist gut zu wissen”, antwortet sie darauf nur leise, von den ganzen Eindrücken regelrecht erschlagen.
Die Schule war riesig und ihr wurde jetzt schon bewusst, dass sie sich definitiv nicht alles auf anhieb merken wird. Die Flure waren still und in den Klassen wurde der Unterricht verrichtet. Nezu zeigte ihr alles, wie er zuvor ankündigte.
Nach einiger Zeit, nachdem sie alles gesehen hatten, hielten sie kurz in einem der langen Flure. Dieser verfügte über große Fensterfronten, die Richtung Sportplatz der U.A. ausgelegt waren. Auch hier fand Unterricht statt, was sie nur beiläufig mitbekam, in Form von Geblöke und Jubel. Diese Geräuschkulisse wurde vom Klingeln eines Telefons unterbrochen.
“Wenn du mich kurz entschuldigen würdest”, sprach Nezu, war das sein Apparat, welches angefunkt wurde.
“Sicher”, nickte die Ex-Heldin ab. So ging der Rektor an das Telefonat.
“Hallo? Ah, was gibt es? Hmmm… ja. In Ordnung, ich komme eben”, brabbelte er in den Hörer hinein und legte relativ schnell wieder auf. Misaki blickte fragend auf ihn hinab und wartete darauf, dass er was sagen würde. “Ich muss mal eben schnell was erledigen. Warte bitte hier. Ich komme sofort wieder. Schließlich benötigst du noch deinen Lehrplan und ich deine Unterschrift für die ganzen Formalitäten”, bat er sie um etwas Geduld.
“Natürlich. Ich bleibe eben hier”, schenkte sie ihm weiter ihre Zeit, hatte sie eh nichts anderes mehr vor.
“Vielen Dank. Bis gleich”, freute ihn die positive Antwort und ging dann.
Die Schwarzhaarige guckte ihn noch hinterher, bis die kleine weiße Gestalt irgendwann hinter einer Ecke verschwand. Die Geräuschkulisse draußen füllte wieder den Raum. Doch nicht nur Gerede kroch durch ihren Gehörgang, nein, da war plötzlich was ganz anderes, sehr markantes zu hören. Ihr Puls stieg unaufhörlich und ihre Atmung stieg plötzlich an.
“D-das… nein… das kann nicht sein…”, flüsterte sie wie heute morgen schon.
Erneut hallte diese Lache durch die Glasscheiben. Misaki spürte wie sich eine unangenehme innere Unruhe ausbreitete. Wie sich ihr Brustkorb scheinbar verengte. Langsam drehte sie ihren Kopf Richtung Fenster und blickte zum ersten Mal hinaus, zu der Klasse, welche auf dem Sportplatz ihren Unterricht absolvierte. Ihre Augen wurden dabei immer größer, als sie eine ziemlich große Gestalt erspähte.
“Nein… das… ich muss… ich muss halluzinieren", kam zittrig über ihre Lippen. Sie machte einen Schritt auf die Fensterbank zu.
Da stand ein sehr großer Mann, in einem blau, rot, gelb und weißen Superheldenkostüm. Muskulös, bis in den kleinsten Finger. Seine Haare wirkten schon fast golden und zwei lange Strähnen ragten gen Himmel. Was ihn unverwechselbar machte, war sein breites Grinsen, welches er stets im Gesicht trug.
“Toshi… nein… das kann nicht sein…”, nuschelte sie fassungslos weiter.
Ihre Hand wanderte dabei wie von selbst zu ihrem Mund und legte sich auf diesen, sodass kein Wort mehr herauskommen konnte. Sie spürte, wie sie anfing zu zittern und ihr Körper die Kontrolle übernahm.
Dieser Mann, das Symbol des Friedens, All Might, schien ihr Starren bemerkt zu haben und blickte dementsprechend in die Richtung Misaki's. Er sah sie, klar und deutlich. Sein Grinsen verschwand nicht, aber seine Augen veränderten sich fast unbemerkt, doch die Frau erkannte jede kleinste Veränderung in seiner Mimik.
"Ok, meine jungen Schüler, der Unterricht ist vorbei. Geht euch umziehen. Wir sehen uns morgen, in alter Frische”, beendete er fröhlich und in ganzer All Might Manier seinen Unterricht.
Die Traube an Schülern löste sich auf und der Superheld guckte wieder zu den Fenstern, doch Misaki war verschwunden.
“Es war doch nicht…”, dachte er sich, machte sich dann aber zügig auf den Weg ins Innere des Gebäudes. Dies konnte er so nicht stehen lassen. Er musste sich vergewissern.
Die Frau sagte dem Rektor zwar, dass sie hier auf ihn wartete, doch sie musste raus. Raus aus diesen Fluren, raus an die frische Luft, raus aus der Situation. Eilig ging sie den Korridor hinab, ihre Absatzschuhe schallten dabei durch die leeren Gänge. Als sie um die Ecke bog, rannte sie schon fast in jemanden hinein. Der Körper ihres Gegenübers was so stählern, dass dieser Zusammenstoß schon sehr schmerzte. Auch federte sie ein paar Schritte zurück. Sichtlich aus der Puste blickte sie langsam an den Körper nach oben, bis sie in seinem Gesicht hängen blieb. Dies hier war keine Einbildung mehr. Kein Traum, den sie hätte träumen können. Dies hier war real und ein stechender Schmerz zog sich durch ihre Brust gepaart mit einer unangenehmen Gänsehaut, als er im ruhigen Ton zu ihr sprach.
“Es freut mich sehr, dich wiederzusehen, Misa”.
