Actions

Work Header

Signale aus dem Diesseits

Chapter 8: Gift per E-Mail

Chapter Text

Als Bob nach Hause kam, saß seine Mutter wartend am Esstisch.

„Robert Andrews. Wo warst du?“

„Ich hab bei Peter übernachtet. Das hatte ich dir gestern gesagt.“ er versuchte es mit dieser Lüge, doch seine Mutter kaufte sie ihm nicht ab und musterte ihn kritisch.

„Erstens, hast du nicht bei Peter zu übernachten erst recht nicht, wenn ich nicht Bescheid weiß. Und zweitens, hat mich Mrs. Shaw eben angerufen und über die Heldentat meines Sohnes berichtet. Was habt ihr euch dabei gedacht? Wahrscheinlich nichts, wie immer. Geh auf dein Zimmer!“

Bob tat wie ihm befohlen wurde. Bis zum Abendessen durfte er sich seine Zeit in seinem Zimmer vertreiben. Er konnte diese Zeit sinnvoll nutzen, indem er überlegte, wie er Peter sagen würde, dass er nicht mit in das Gefängnis konnte. Beim essen schob er seine Erbsen nur vor sich her. Sein Vater bemerkte sein seltsames Verhalten und sprach ihn darauf an. Bob erwiderte, dass alles in Ordnung sei und fing sich einen bösen Blick von seiner Mutter ein. Er wurde zum Abwasch mit anschließendem Hausarrest für die nächsten Tage verdonnert. In seinem Zimmer schmiss er sich auf sein Bett und dachte nach. Wie würde er aus dieser Situation hinauskommen? Was würden seine Eltern, eher seine Mutter, sagen, falls irgendetwas davon an das Tageslicht geraten würde? Wie glaubhaft wäre ihr Detektivbüro noch, wenn es einen Kriminellen Detektiv haben würde? Was würde Justus denken, wenn er die ganze Wahrheit wüsste? Bob wusste, wer zwar keine Antworten hatte, ihm aber beistehen könnte. Die Frage war: würde Peter ihn sehen wollen? Der Junge zog sein Handy hervor und wähle Peters Nummer, eine der wenigen, die er auswendig konnte. Sein Daumen schwebte lange über dem grünen Telefon Button, bevor er seinen Finger auf seinen Bildschirm fallen ließ. Es klingelte kurz. Peter ging ran.

 

„Bob, was ist los?“ Plötzlich fühlte sich Bobs Kehle wie zugeschnürt an. Er räusperte sich kurz bevor er mit zittriger Stimme antwortete.

„Ich- Ich glaube wir müssen und aussprechen. Ich will nicht, dass wir weiterhin nicht miteinander reden. Ich vermisse dich.“ Bob schluckte kurz. Peter antwortete nicht direkt. Diese kurzen Momente fühlten sich an wie eine Ewigkeit die sich auf Bobs wärmer werdender Haut zu einem Feuer entwickelte und sich zog bis Peters Stimme wieder am anderen Ende erklang.

 

„Ja Bob, du hast recht. Ich glaube, Justus merkt auch langsam, dass etwas vorgefallen ist.“ Etwas. Etwas ist gut, dachte sich Bob.

„Ich meine… dass wir uns streiten ist nicht der Normalfall. Nun ja. War es nicht bis zu diesem einem Mal am Strand.“ Peter klang bedrückt und Bob fühlte sich als hätte sich ein schwarzes Loch zwischen die beiden gestellt. Es zog und zog sie weiter und tiefer in sich hinein. Der Streit. Das hatte Peter mit „etwas“ gemeint. Bob fühlte sich dumm gedacht zu haben, Peter könnte die anderen Etwas‘ gemeint haben. Das schwarze Loch vergrößerte sich und zog Bobs Herz, welches sich bereits nach dem verheerenden Streit mit seiner Mutter, nachdem er Hausarrest bekommen hatte, in seine Hose verkrochen hatte, mit sich mit. Und dennoch entschied sich Bob seine Zimmertür abzusperren, aus seinem Fenster zu klettern, sein Fahrrad hinter seinem Haus zu nehmen und den weg zu seinem Freund zu fahren.

 

Bob nahm den Weg bei dem ihn Mrs Shaw nicht sehen würde und stellte sein Fahrrad hinter das weiße Bilderbuch Haus der Shaws ab. Er streckte sich zum Boden und hob Kieselsteine auf, die er sehr ungeschickt versuchte gegen Peters Fenster zu werfen. Etwa ein Zehntel der Steine traf tatsächlich das Fenster, der Rest, musste sich mit der Hauswand zufriedengeben. Es reichte dennoch dafür, dass Peter sein Fenster öffnete, und Bob wie Justus zuvor in Peters Zimmer kletterte.

 

„Bist du Irre? Warum kommst du durch das Fenster?“ Peter lachte.

Bob stieß schwer atmend Luft aus und stützte sich auf seine Knie.

„Hausarrest. Man darf mich- nicht. Sehen.“ Bob bekam sich schneller beisammen als Justus und stand schon bald vor Peter.

„Folgende Idee wie ich aus der Situation rauskomme: Wir täuschen meinen Tod vor und ich fliehe nach Mexiko.“ scherzte Bob. Peter blickte ihn ernst an und ergriff seine Hand.

„Bob wir bekommen dich da raus. Wir schaffen das.“ Seltsamerweise beruhigte ihn das ein wenig. Doch es würde ihn nicht vor den nächsten Minuten schützen, die wie ein Hagelschauer auf ihn einprasseln würden.

„Bob. Ich wollte dich das jetzt schon länger Fragen. Aber wir haben uns auseinandergelebt. Also, in den letzten paar Wochen eindeutig nicht. Wobei in der letzten Woche dann doch schon wieder aber worauf ich hinaus will.“ Bob graute es vor Peters Frage, welche er wie ein alter Wahrsager schon vorhersehen konnte.

„Warum bist du damals am Strand gegangen? Wir hatten doch dieses Projekt vor und danach warst du abweisend und ich weiß bis heute nicht was ich falsch gemacht habe.“ Peter zog seine Hand von Bobs weg und begann seinen Kopf zu kratzen. Bob atmete durch.

„Also. Ach man. Ich mochte Jeffrey nicht. Also immer noch nicht aber ihr seid befreundet und ich will da nicht so sein aber. Ja das war es eigentlich. Du hast einfach so viel Zeit mit ihm verbracht. Da wurde ich eifersüchtig. Und ich verstehe jetzt, dass das absolut doof von mir war. Aber diesen Keil, den ich selbst zwischen uns gebracht habe, den hat-“ Bob nahm einen tiefen Atmenzug. Wieder log er Peter an. Es war keine komplette Lüge. Eine Halbwahrheit, wenn man es so nennen möchte.

„Den hat Clarissa genutzt.“

„Okay.“

„Okay?“

„Ja, Okay. Jetzt habe ich wenigstens eine Erklärung. Können wir jetzt bitte einfach wieder zum Normalen zurück? Es ist echt nicht einfach sauer auf dich zu sein. Wirklich nicht.“

„Ja bitte.“ Bobs Schultern fühlten sich um tausende Pfunde leichter an. Dennoch lag ihm dieser eine Stein noch schwer auf den schultern. Nein, dieser Stein müsste dort bleiben. Es war gerade wieder normal zwischen den Beiden. Er konnte es nicht wieder ruinieren.

„Ich meine wir hatten nie Geheimnisse voreinander.“ Bob lachte innerlich. Jeder der drei hatte Geheimnisse vor den anderen Beiden gehabt. Bobs Depressionen, Clarissa Franklin, Justus Brittany Vorfall. Nein, jeder der drei war voller Geheimnisse, auch Peter.

„Ja. Hatten wir nie.“ Bob blickte auf seine Uhr.

„Mist ich muss langsam los.“

„Aber du warst nur zu kurz da.“

„Meine Mutter häutet mich bei lebendigem Leibe, wenn sie merkt, dass ich nicht da bin.“

Bob machte sich auf zu dem Fenster. Ja es waren nur wenige Minuten gewesen, nach Bobs empfinden viel zu wenig, aber was sollte er tun? Seine Mutter würde ihn bestrafen, sollte sie herausfinden, wo er war. Hart. Doch gerade als Bob hinabsteigen wollte, hörte er ein Rascheln in der Ferne.

Panik floss wie zweites Blut durch seine Adern und erinnerte ihn, dass seine Geschichte mit Clarissa Franklin noch nicht vorüber war. Und Bob hasste sich für das, was er jetzt tun würde.

„Peter!", rief er flüsternd in das Zimmer. 

„Ja, Bob?“ Bob atmete aus. Nach dem Mut suchend sprach er seine nächsten Worte mit Vorsicht.

„Kann ich vielleicht… hier schlafen? Ich fühle mich nicht sicher. Da draußen. Zuhause. Nicht alleine.“ Peter trat in das Mondlicht, sein Gesicht war von Sorge und Angst gefüllt.

„Ja. Schnell komm wieder rein.“ Sobald Bob in Peters Zimmer stand, entspannte sich Peters Gesicht und Bobs Panik.

„Hast du noch die Matratze?“

„Äh nein, die hat meine Mutter bei ihrem letzten Frühjahrsputz entsorgt.“

„Oh. Dann schlafe ich auf dem Boden.“

„Sei nicht albern, wir können uns ein Bett teilen. Wäre nicht das Erste Mal. Nebelberg?“

„Tolles Beispiel, da hab ich mir den Fuß gebrochen.“, lachte Bob.

„Gut, dann Schlucht der Dämonen.“

„Da haben wir unter den Sternen geschlafen? Zählt das?“

„Na gut dann Indien und Ägypten.“

„Gut das lasse ich gelten.“

 

In Erinnerungen schwelgend lagen die beiden nebeneinander auf Peters Bett. Kelly hatte hier bestimmt schon drin gelegen, mit Peter. Dachte sich Bob. Doch diesen Gedanken verwarf er schnell, denn während Bob von seiner absoluten Panik um Peter im Fall Toteninsel hatte erzählte, döste Peter ein. Ja, es war ein Schock für Bob gewesen, sein bester Freund alleine auf einem Schiff mit einem Verbrecher Syndikat. Dass Peter mittlerweile mehr als ein bester Freund für ihn war, war Bob damals noch nicht bewusst. Und selbst heute, wie er Peter wie ein absoluter Irrer beim Schlafen zusah, konnte er sich nicht eingestehen Gefühle zu haben, die nicht direkt von dem leeren Inneren seines Hauses kamen. Gefühle die nicht freundschaftlich sind. Gefühle, wie er sie noch nie für einen anderen Menschen empfunden hatte. Nein, für Bob war es zwar eine Qual ein Bett mit seinem Freund zu teilen, denn er konnte ihn nicht berühren, nicht inhalieren, nicht in seinen Armen verschlingen, aber dennoch sah er nicht wie sehr er danach langte Peters Lippen auf seinen zu spüren, seine langen Finger und seinen Locken und seine Arme fest und schützend um ihn gewickelt. Auch Bob begann einzuschlafen.

 

Peter wachte als Erstes auf. Seine Arme hatten sich in der Nacht um Bobs Hüfte gewickelt und den dritten Detektiv an sich herangezogen. Das Bett war groß genug um dies zu vermeiden, doch Peter schrak nicht zurück. Seine Finger begannen instinktiv an Bobs Bauch zu kreisen und seine Nase nahm Bobs Geruch gierig auf. Peter hatte vor mehreren Jahren bereits Bobs Geruch bemerkt und lieben gelernt. Alte Bücher, Öl für seinen Käfer und Kaffee. Jedes Mal, wenn Peter eine dieser Komponenten roch, dachte er sofort an Bob und seine grünen Augen, seine runde Brille die auf seiner Nase thronte, seine Sommersprossen und seine rosigen Wangen und Lippen. Jetzt roch er alle Komponenten zusammen. Direkt an seiner Nase, denn die lag an Bobs Nacken, genau da, wo Peter sie haben wollte. Die Sonnenstrahlen warfen ein warmes Licht auf Bob, welches seine Wimpern beinahe weiß erschienen ließ. Ja, im Morgen war Bob wie ein Engel, dachte Peter.

 

Bob wachte auf. Es war lange her gewesen, dass er eine Nacht durchgeschlafen hatte, geschweige denn gut geschlafen. Es brauchte eine Weile bis er merkte, was das Gewicht auf seiner Taille war. Das Gewicht war Peters Arm, der sich auf seine Hüfte legte und kreise mit seinen Fingern auf Bobs Bauch zog. Bob hätte im Hier und Jetzt dahinschmelzen können. Langsam drehte er sich um. Ihre Gesichter waren näher beieinander als er gedacht hatte. Ihre Nasen berühren sich. Das Sonnenlicht zeichnete sich auf Peters Gesicht und ließ seine blauen Augen leuchten. Seine rotbraunen Haare schienen beinahe Orange und seine Sommersprossen, welche Bob von nahem zählen konnte, wurden durch warmes Licht verstärkt.

 

„Guten Morgen.“ Seltsamerweise, schien Peter keinen Mundgeruch zu haben. Warum war Bob ein Rätsel. Peter nicht, denn er hatte sich bevor Bob aufgewacht war seiner Pfefferminz Bonbons bedient, welche sich in Reichweite auf seinem Nachttisch befanden.

„Guten Morgen.“ Bob rieb sich den schlaf aus den Augen, ohne dabei die Nähe zu verlieren.

„Wie viel Uhr ist es?“, fragte Bob.

Peter warf einen Blick auf sein Handy.

„Zehn Uhr dreiundzwanzig.“

„Mist, meine Mutter bringt mich um. Ich muss los. Wir treffen uns gleich mit Justus in der Zentrale, oder?“ Bob stand auf und zog seine Hose und seinen Hoodie wieder an. Peter hatte ihm zuvor eines seiner Tshirts zum Schlafen gegeben. Es war Bob etwas zu groß und ein blaues shirt mit Bugs Bunny, wie er auf einem Skateboard einen Zug mit Graffiti besprühte, war nicht seine erste Wahl gewesen, dennoch hatte er es dankend angenommen. Hätte er sich ausmalen können oberkörperfrei neben Peter zu schlafen? Vermutlich nicht.

„Ja.“, antwortete Peter auf Bobs Frage, mit einem leicht enttäuschten Tonfall. Er hatte sich gewünscht, der Moment, hätte länger gehalten. Bob hatte es sich auch gewünscht, jedoch hätte er gewusst, wohin es geführt hätte. Und die Beiden waren gerade erst wieder Freunde.

„Bob!“, rief Peter ein wenig zu laut dem aus dem Fenster kletternden Bob hinterher.

„Ja?“, rief dieser zurück. Peter biss sich auf die Zunge.

„Fahr vorsichtig.“

Bob schmunzelte und versicherte Peter Vorsichtig zu sein.

 

Dass Bob unbemerkt durch sein Zimmer Fenster wieder einsteigen konnte, war ein Wunder. Dass er genau pünktlich das Fenster schloss, als seine Mutter unangekündigt in sein Zimmer platze, war ein noch größeres Wunder.

„Du hast Post, Robert.“ sprach sie in einem kalten Ton.

„Von wem?“, fragte Bob verwirrt.

„Bin ich der Briefträger? Mach es doch einfach auf.“ Den Fakt, dass seine Mutter tatsächlich theoretisch gerade der Briefträger war, ließ Bob unerwähnt. Er riss den Brief seiner Mutter aus den Händen. Er lag schwer in seiner Hand. Kein Absender.

„Äh Mom, mrs. Jonas hat gefragt, ob ich helfen kann den Truck heute auszuräumen, Mr Jonas hat eine Hausauflösung besucht.“ er stellte diese Frage abwesend in den Raum und beschäftigte sich eher mit der Frage was in diesem Umschlag war, und wer ihn gesendet hatte.

„Von mir aus. Vergiss aber nicht, dass du noch Hausarrest hast. Sobald ihr fertig seid, kommst du wieder. Verstanden?“ Ihr diktatorischer Ton flog ganz an Bob vorbei.

„Hmh.“, antwortete er gedankenverloren.

Nachdem seine Mutter sein Zimmer verlassen hatte, setzte sich Bob an seinen Schreibtisch und zog seinen Brieföffner aus einem Kästchen vor sich hervor.

Mit Vorsicht zog er das Messer an der Falte des Briefes entlang und enthüllte Stück für Stück seinen Inhalt. Diesen zog er behutsam hervor, und ließ ihn in der nächsten Sekunde fallen. Genauso wie er in der selbigen Sekunde seinen Körper auf den Boden fallen ließ und sich in der embryonalen Stellung verkroch. Sein Herz raste schneller als je zuvor. Schneller als jedes Mal, dass eine Waffe auf ihn gerichtet war, schneller als jedes Mal, dass er niedergeschlagen wurde. Schneller als jedes Mal, dass er entführt, verprügelt, alleine gelassen wurde. Die Panik in seinen Adern versteifte sich wie ein zweites Skelett, dass dich durch seine Blut- und Nervengefäße zog. Und als er sich langsam dem Briefinhalt näherte, und verzweifelt seine Medizin suchte (ob sie gegen Panikattacken half war ihm egal, er musste einfach etwas nehmen, etwas um etwas anderes zu fühlen als blanke Panik) klingelte sein Telefon. Seine Finger zitterten so sehr, dass er kaum auf den grünen Knopf drücken konnte. Und als er es tat, und die, heute Morgen noch so wohlig warme, Stimme von der anderen Seite erklang, voller Panik und Angst, konnte Bob sich nicht Vorstellen, je etwas anderes als Angst zu verspüren. Wie auch? Wenn es das war, womit er aufgewachsen und vertraut war. Wenn sich die Angst, wie ein alter Freund, erneut in sein Leben schob, und mit ihm seinen Freund Panik brachte.