Chapter Text
Der Löffel rutschte Will aus der Hand und fiel klirrend in seine Müslischale. Die Geräuschkulisse an diesem Novembermorgen war laut am Esstisch der Wheelers und Will schrak auf, als wäre er gerade erst aufgewacht.
„Sorry.“, murmelte er und wischte ein paar Milchspritzer mit seinem Ärmel, vom ansonsten immer makellosen Esstisch.
Aus dem Wohnzimmer hörte er das Rascheln von Mr. Wheelers Zeitung – schnell und scharf, wie eine Warnung. Er suchte nach Gründen, um Will und Jonathan aus dem Haus zu werfen. Und nun dessen heilige Morgenroutine zu stören, die daraus bestand auf dem Sofa zu sitzen, Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen, würde Will nicht unbedingt beliebter machen.
Holly ließ ihren eigenen Löffel in ihr Müsli plumpsen und kicherte über das platschende Geräusch. Sie und Mrs. Wheeler waren wie immer früh auf und Will mochte diese Zeit am liebsten – wenn nur sie drei in der Küche waren.
„Du siehst müde aus, Schätzchen.“, sagte Mrs. Wheeler und ihre Stimme übertönte das Klappern von Hollys Löffel in der Schale. Sie verstaute ein Lunch-Paket in Hollys Rucksack. „Schlecht geschlafen?“
Will fischte seinen Löffel aus dem Müsli. „Nein, mir geht’s gut.“
Mrs. Wheeler lächelte. Ihr Lippenstift sah selbst zu dieser frühen Stunde perfekt aus. „Ich weiß, dass es im Winter im Keller kalt wird, also zögere nicht, die Heizung anzumachen, okay?“
Die Wahrheit war, dass die Heizung bereits jede Nacht auf Hochtouren lief und Will sich ziemlich mies fühlte, weil er nicht nur umsonst bei den Wheelers wohnte, sondern auch noch ihre Stromrechnung in die Höhe trieb.
Die Schuldgefühle waren jedoch nicht so stark, wie seine Angst vor der Kälte.
Es gab nur eine Sache, die stärker war, als das, und das war –
„Oder du könntest Mike bitten sein Zimmer im Winter mit dir zu teilen. Im zweiten Stock ist es viel wärmer.“
Aus dem Wohnzimmer ertönte Husten und erneutes Zeitungsrascheln, gefolgt von unverständlichem Murmeln, dass weder Will, noch Mrs. Wheeler richtig verstehen konnten.
„Ist was Liebling?“, rief Mrs. Wheeler, obwohl ihr Gesichtsausdruck verriet, dass egal, was ihr Ehemann antworten würde, sowieso Unsinn sein würde. Sie hatte eine Art ihn weniger furchteinflößend wirken zu lassen, als er selbst gerne wäre.
„Erwachsene Jungs sollten nicht im selben Zimmer schlafen.“, wiederholte Mr. Wheeler diesmal lauter. Und obwohl Mrs. Wheeler die Augen verdrehte lief Will ein kalter Schauer über den Rücken.
„Ich muss Holly zur Schule bringen,“ sagte sie und drückte sanft Wills Schulter. „Wir sehen uns zum Abendessen.“
Nachdem sie mit Holly das Haus verlassen hatte, kehrte wieder Stille ein, die nur durch das gelegentliche Umblättern der Zeitung unterbrochen wurde. Will saß mit dem Löffel über seine Müslischüssel gebeugt da und starrte auf die matschigen Frühstücksflocken. Ein paar Minuten friedliche Ruhe.
Bis die Treppenstufen knarrten.
Er sah nicht auf, sondern rührte nur weiter in seiner Milch, als würde er nicht in und auswendig wissen, wie sich Mike Wheelers Schritte anhörten.
„Mama, hast du -„
Mike blieb im Türrahmen stehen. Seine Haar war zerzaust, als wäre er gerade erst aufgestanden. Es war kürzer, als letztes Jahr, aber die Locken reichten trotzdem bis über seine Ohren. Sein T-Shirt war an einer Seite an der Hüfte hochgerutscht, so als hätte er es sich hastig übergezogen. Als er Will am Tisch erblickte, wirkte er plötzlich angespannt.
„Oh, hey.“
„Morgen.“, murmelte Will.
Zum millionsten Mal fragte er sich, ob er nicht lieber im Keller essen und die übrigen Räume ganz meiden sollte. Egal was, um es Mike und ihm zu ersparen immer wieder daran erinnert zu werden, dass sie keine besten Freunde mehr waren. Sein Löffel kratzte über den Boden der Schüssel.
Mike durchquerte das Zimmer und vermied es dabei Will anzusehen. Er schnappte sich seinen Rucksack und ging dann zur Küchenzeile, um sich ebenfalls Müsli zu holen. Einen Moment lang zögerte er und warf einen Blick zu einem der leeren Stühle gegenüber von Will.
Dann trafen sich kurz ihre Blicke.
Die Stille schien unerträglich laut zu werden.
Möchtest du dich setzen? Die Worte lagen Will auf der Zunge, aber er schluckte sie herunter. Es hatte keinen Sinn zu fragen. Stattdessen starrte er nur auf den Tisch und hoffte, dass sein Gesicht ihn nicht verriet.
Er hatte es satt, etwas von Mike zu erwarten – er hatte es so satt, dass es für den Rest seines Lebens reichen würde.
Mike stand mit sichtlichem Unbehagen unschlüssig herum. Was nun wirklich nicht überraschend war. Denn trotz allem, was er ihm über Teamarbeit und wieder beste Freunde sein zu können, gesagt hatte, sprachen sie kaum miteinander. Um ehrlich zu sein, hatten sie sich schon von einander entfernt, bevor Will weggegangen war. Es war dumm zu denken, sie könnten das wieder in Ordnung bringen.
„Ich, äh…“ sagte Mike, während er unbeholfen mit der Schüssel in der Hand dastand. „Ich werde in meinem Zimmer essen. Ich bin gerade ziemlich von dieser neuen Comic-Reihe geflashed, also … „
Will hätte am liebsten gefragt, welche – wenn es denn eine gab – aber er hielt sich zurück. Sich gegenseitig persönliche Fragen zu stellen, war längst Geschichte.
„Cool.“, sagte er stattdessen und hoffte dabei lässig zu klingen.
Mike blieb noch eine Sekunde länger, so als würde er vielleicht seine Meinung doch noch ändern. Er tat es jedoch nicht. Will hörte wie seine Schritte die Treppe hinauf leiser wurden, bis das Haus seine Geräusche vollkommen verschluckte.
Die Heizung am Fenster rauschte leise. Will lehnte sich in seinem Stuhl zurück und das Holz unter ihm knarrte. Er sah auf seinen Schoß und erinnerte sich daran, wie er vor Jahren auf genau diesem Esszimmerstuhl gesessen hatte, die Beine halb so lang, so dass seine Füße noch nicht bis zum Boden gereicht hatten. Mike und er waren mit den Stühlen über den Dielenboden gerutscht und hatten gekichert, wenn Mrs. Wheeler deswegen mit ihnen geschimpft hatte.
Er erinnerte sich daran, dass es das schönste Gefühl auf der ganzen Welt gewesen war bei Mike zu übernachten: all die Spiele und das Lachen, geflüsterte Geheimnisse und gelegentliche Hoffnungsschimmer, dass jeder Tag ihrer Freundschaft sie einander näherbringen würde.
Sie hatten davon geträumt, wie einer von der Mutter des jeweils anderen adoptiert werden würde, nur damit sie zusammen im selben Haus leben könnten.
Jetzt war es einfach nur traurig mit Mike unter einem Dach zu leben.
Es war eine Sache sein ganzes Herzblut in ein dummes Bild zu stecken, um zu versuchen seinem besten Freund seine Liebe zu gestehen, dabei kläglich zu scheitern und ihm stattdessen dabei zu helfen, wieder mit seiner Freundin zusammen zu kommen. Etwas ganz anderes war es jedoch, dann gezwungen zu sein gemeinsam in einem Haus zu leben und festzustellen, dass man sich nichts mehr zu sagen hatte.
Vor allem war es einsam.
Da Max immer noch im Koma lag, verbrachte Lucas jeden Nachmittag im Krankenhaus. Dustin hing fast ausschließlich mit Steve und Robin ab und El trainierte mit Joyce und Hopper. Derweil versuchte Jonathan die Dinge mit Nancy zu regeln. Es gab nicht mehr viele Leute mit denen Will etwas hätte unternehmen können.
Sie aßen in der Schule immer noch gemeinsam zu Mittag, aber es war nicht mehr so wie früher.
Es schien jetzt so viel Ungesagtes in den Gesprächen zu geben – so wie sie es zum Beispiel vermieden über Max oder Eddie zu sprechen. Und es gab Ungesagtes in jedem Satz, den Mike und Will wechselten… wenn sie denn miteinander reden würden.
„Ihr beide ruiniert den ganzen Abend, wisst ihr das?“ Dustin war einmal ausgerastet, als Mike sich geweigert hatte während eines Filmabends neben Will zu sitzen. Es war eines der wenigen Male gewesen, bei denen Will Dustin wütend erlebt hatte. „Zur Zeit läuft schon genug richtig beschissen und ihr zwei macht es noch viel schlimmer. Worüber streitet ihr euch überhaupt?“
Aber die Wahrheit war, sie hatten nie gestritten. Sie hatten nur aufgehört miteinander zu reden. Will hatte Mike an diesem Abend kaum ansehen können. Mikes Blick war starr auf den Fernseher gerichtet gewesen, die Stirn gerunzelt, während er sich zwischen Lucas und El gezwängt hatte, obwohl der Platz neben Will auf dem Sofa noch frei gewesen war. „Lass es einfach gut sein.“, hatte Will gemurmelt und den Schmerz in Dustins Gesicht aufblitzen sehen, bevor dieser sich abwandte.
Lucas war genauso frustriert gewesen. Und er war es immer noch. Manchmal hatte er Will angefleht Mike zu vergeben, was auch immer dieser getan haben mochte.
Aber es gab nichts zu vergeben. Nichts in Ordnung zu bringen. Nichts zu sagen.
Es gab einfach nichts.
Sie hatten sich einmal sehr nah gestanden, jetzt nicht mehr. So einfach war das.
Es roch leicht nach Staub und Metall, als Will an diesem Abend in den Keller hinab stieg. Die Heizung war so hoch gedreht, dass die Rohre brummten und klapperten. Er schlief gerne so, die Decke fest um die Schultern gezogen, den Rücken gegen die Heizung gedrückt.
Im Laufe des letzten Jahres, hatte er sich hier unten eingerichtet: der Tisch stand genau vor der Heizung, so dass er in behaglicher Wärme malen und zeichnen konnte und die Matratze war an die gegenüberliegende Wand geschoben. Jonathans Sofa blieb meist unberührt – bis auf einen Haufen Decken und eine halbleere Tasse vom letzten Monat … denn er schlich sich normalerweise nach oben, um in Nancys Zimmer zu schlafen.
Der November in Hawkins war schon immer hart gewesen, aber jetzt mit den offenen Portalen und Rissen, die die Stadt durchzogen, lag etwas in der Luft. Sogar der Sommer war kühl gewesen. Fast so, als würde die Kälte von der anderen Seite durch die Risse in ihre Welt herüber sickern.
Die Kälte war tatsächlich eines der wenigen Dinge, an die sich Will von der anderen Seite erinnern konnte.
Manchmal träumte er davon – ohne konkrete Bilder, nur von der Kälte und Dunkelheit. Es war eine andere Art Kälte gewesen, fast so, als wäre sie lebendig gewesen. Als würde sie sich bewegen und lauschen, unter Türen hindurch gleiten und sich gegen seine Haut pressen, bis er keuchend aufwachte, überrascht, dass er noch atmete. Diese Albträume erinnerten ihn ständig daran, dass diese Dunkelheit immer noch irgendwo in ihm steckte.
Wann immer es schlimmer wurde, drückte er sich gegen den Heizkörper, bis das Metall rote Stellen auf seinem Rücken hinterließ. Der Schmerz fühlte sich wie ein Beweis an – ein Beweis dafür, dass er immer noch hier war, die Kontrolle über seinen Körper hatte und es keine dunkle Macht in ihm gab, die versuchte seine Körpertemperatur zu senken.
„Wir müssen es aus dir heraus brennen.“, hatte seine Mutter damals im Herbst 85, nach dem Gedankenschinder zu ihm gesagt. Hitze schwächte die Verbindung.
Und obwohl Will es hasste darüber nachzudenken, wusste er, dass Vecna immer noch da draußen war, neue Kraft sammelte und wartete. Irgendwann würde er zurück kommen. Bis dahin konnte Will nicht viel tun, außer wachsam zu bleiben und sich warm zu halten.
Er rollte sich gegen die Heizung, kniff die Augen zusammen und sagte sich, dass er aufhören musste ein Feigling zu sein. Vecna würde vielleicht irgendwann zurück kommen, aber nicht in dieser Nacht. Draußen musste es so kalt sein – es war schließlich Winter. Alle froren zu dieser Zeit.
Das Haus über ihm war vollkommen still. Irgendwo weiter weg, pfiff der Wind durch die Bäume. Hier unten war nur das gleichmäßige Summen der Heizung zu hören.
An den Abenden und am Wochenende hielt Will sich so oft es ging außerhalb des Hauses auf, um Mike so wenig wie möglich zu begegnen.
Er fuhr überall mit dem Fahrrad hin. Meistens zu Hoppers Hütte oder dem Schrottplatz gleich daneben, den El zum Trainieren benutzte. Er war dort gewesen, als sie das erste Mal geschwebt war. Es war großartig gewesen zu sehen, wie sie der Schwerkraft trotzte und Dinge tat, die eigentlich unmöglich sein sollten. Es gab ihm das Gefühl, dass sie zumindest über ein paar Dinge, die sich ihnen immer wieder in den Weg stellten, ein wenig Kontrolle hatten.
Im Moment schwebte sie mit geschlossenen Augen etwa zweieinhalb Meter über dem Boden, während der Wind mit ihrem welligen Haar spielte. Will streckte die Hand aus und seine Fingerspitzen berührten vorsichtig ihren Knöchel, um ihre Konzentration nicht zu stören. Aber sie war mittlerweile so gut geworden, dass sie einfach die Augen öffnete und ihn anlächelte, ohne auch nur einmal zu schwanken.
„Du bist unglaublich.“, sagte er.
„Ja, oder?“, sie strahlte, während ihre Wimpern das kalte Sonnenlicht einfingen.
Als sich der Himmel purpurrot färbte, fuhr Will wieder auf seinem Fahrrad zurück zu den Wheelers. Am Wald wurde er schneller. Er hasste es, wie sich nach Sonnenuntergang die Schatten zwischen den Bäumen bewegten. Es war fast, als würde sich der Wald an ihn erinnern.
Noch bevor er die Auffahrt erreicht hatte, wusste er, dass etwas nicht stimmte. Das Haus war komplett dunkel. Bis auf ein Flackern, zu schwach, um zu erkennen von wo genau es herkam. Das automatische Licht in der Auffahrt ging nicht an.
Will ließ sein Fahrrad auf den Rasen fallen. Sein Atem ging schneller, als er vor der Tür stand. Seine Brust fühlte sich eng an. Er zögerte einen Moment, dann drückte er die Tür auf.
„Hallo?“
Aus dem Wohnzimmer kam ein warmes orangenes Flackern. Stimmen – gedämpft und leise. Will atmete erleichtert aus und stellte seine Schuhe ordentlich in den Schuhständer, bevor er eintrat.
Aber irgendwas stimmte nicht. Die ganze Familie Wheeler, zusammen mit Jonathan, saßen um den Couchtisch versammelt. Es war ungewöhnlich dunkel, das einzige Licht kam von mehreren Kerzen, die Schatten auf die Wände warfen.
Will drückte den Lichtschalter. Nichts geschah.
„Will!“ Jonathan war bereits auf den Beinen und griff nach seinem Arm. „Hey, gut, dass du hier bist. Der Strom ist weg, wir versuchen -“
„Äh-äh.“ Ted Wheeler hielt ein Walkie-Talkie in der Hand, als wäre es ein Objekt von einem anderen Planeten. Es war seltsam ihn mit einen Gegenstand zu sehen, den Will so sehr mit seinen Freunden assoziierte. „Sie wollen mir also sagen, dass man nichts tun kann?“
Kurz war lautes Rauschen zu hören, dann eine müde, blecherne Stimme, die klang, als hätte sie es bereits eine Millionen Mal erklärt: „Tut mir leid, Sir. Es ist nicht nur ihr Haus, das gesamte Netz ist ausgefallen. Wir tun unser Bestes. Benutzen sie bis dahin bitte Kerzen und Decken, um sich warm zu halten.“
Mr. Wheeler murmelte etwas Unverständliches, bevor er die Antenne ungeschickt wieder zusammen schob und das Walkie-Talkie an Mike zurückgab, der schweigend neben ihm saß. In dem schwachen Kerzenlicht konnte Will nicht anders, als einige Ähnlichkeiten zwischen den beiden zu bemerken. Sie hatten die gleiche Falte zwischen den Augenbrauen, wenn sie die Stirn runzelten. Er fragte sich, ob Mike eines Tages auch so werden würde, wie sein Vater.
„Kein Licht heute Abend?“, fragte Holly aufgeregt.
„Nein, Schätzchen, aber das ist okay – wir machen es uns mit Kerzen gemütlich." Mrs. Wheeler reichte ihr eine Taschenlampe. „Warum gehst du nicht schon mal nach oben und in einer Minute bringe ich dich ins Bett? Sei vorsichtig mit den Stufen!“
Holly huschte davon, der Strahl ihrer Taschenlampe hüpfte auf und ab. Ted Wheeler saß auf der Couch und starrte auf den Fernseher, als würde dieser an gehen, wenn er nur lange genug hinsah. Nancy durchwühlte die Schubladen nach weiteren Kerzen.
„Die Heizungen!“, fiel Will plötzlich ein.
„Funktionieren nicht.“, bestätigte Jonathan. „Aber das ist okay, wir haben viele Decken.“
„Also, Jungs,“, Mrs. Wheeler sah zwischen Jonathan und Will hin und her: „Ich weiß, dass es im Keller sogar recht kalt wird, wenn die Heizung funktioniert. Jonathan, du kannst das Sofa im Wohnzimmer nehmen und Will … vielleicht könntest du bei Mike -“
„Nein.“, sagte Will schnell, bevor Mr. Wheeler, oder noch schlimmer, Mike es tun konnten. Sein Blick traf kurz den von Mike, dessen Gesichtsausdruck nicht zu deuten war, nur seine Stirn war immer noch gerunzelt. Will räusperte sich: „Ähm, nein Danke. Schon in Ordnung.“
„Aber, falls es zu kalt wird -“
„Lasse ich es Sie wissen.“
Die Nacht schritt mit flackerndem Licht und tanzenden Schatten voran. Kerzen, kalt gewordene Essensreste, leises Klappern von Geschirr unter eiskaltem Wasser. Nancy und Mike zündeten den Kamin an. Es dauerte eine Weile, bis es im Raum wärmer wurde.
Ted Wheeler holte ein batteriebetriebenes Radio und schaltete in der Hoffnung auf Neuigkeiten durch die Sender.
„Wir haben uns an Roane County Water Electric gewandt, „ sagte eine Frauenstimme durch das Rauschen hindurch. „Ein Verantwortlicher teilte uns mit, dass der Grund für den Ausfall immer noch nicht bekannt ist.“
Mr. Wheeler grunzte und wechselte den Sender, um sich mit etwas Musik zu begnügen, aber jedes mal wenn ein gutes Lied kam, änderte er die Frequenz. Will und Jonathan wechselten einen gequälten Blick und verdrehten die Augen.
„Hey,“, flüsterte Jonathan und kniete sich neben Will, während Mr. Wheeler das Radio an sein Ohr hielt, um die Worte auf einem rauschenden Sender zu verstehen. „Ich habe nachgedacht. Willst du, dass ich diese Nacht mit dir zusammen unten schlafe?“
„Nee, das ist schon okay.“
„Sicher? Du wirst um Hilfe bitten, wenn du was brauchst, ja? Bitte sag mir einfach, dass du das tun wirst.“ Er drückte Wills Schulter. „Ich weiß, dass ihr euch nicht gut versteht, aber ich bin sicher Mike hätte nichts dagegen, wenn du fragst, ob du mit in seinem Zimmer schlafen kannst.“
Will zögerte, bevor er den Kopf schüttelte.
„Will,“, Jonathans Stimme wurde sanft und er hob die Augenbrauen. „Ich habe keine Lust, dass du da unten erfrierst, nur weil ihr beide zu stur seid, um miteinander zu reden.“
Es war schwer mit Jonathan darüber zu sprechen, denn er war mit ihnen in Lenora gewesen. Er hatte Wills Gesicht im Rückspiegel gesehen, als es noch tränenüberströmt gewesen war. Er wusste vermutlich sehr viel mehr, als er zugab: über das Bild, das gescheiterte Geständnis und wie sehr Will alles vermasselt hatte.
„Das werde ich schon nicht.“, sagte Will. „Mach dir keine Sorgen, okay? Es ist ja nur eine Nacht. Wird schon schief gehen.“
Als er es nicht weiter hinauszögern konnte, trat Will in den Flur, um hinunter in den Keller zu gehen. Auf halbem Weg aus dem Wohnzimmer konnte er plötzlich die Kälte des restlichen Hauses spüren – als würde er durch eine unsichtbare Wand gehen.
Mike saß am Fuß der Treppe und sprach leise in das Walkie-Talkie. Eine Taschenlampe war zwischen seinen Knien eingeklemmt und warf ihr Licht an die gegenüberliegende Wand. Will war gerade dabei an ihm vorbei zu gehen, als er Lucas Stimme aus dem Lautsprecher hörte.
„- die Notstromversorgung sollte einige Tage reichen, danach muss der Generator wieder betankt werden.“
Will erstarrte. Max. Im Koma. Im Krankenhaus. Notstromversorgung.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“, fuhr Lucas fort. Seine Stimme zitterte so, wie Will es noch nie zuvor gehört hatte. „Ich bin sofort hergefahren, als das Licht ausging, ich dachte sie -“
„Ich weiß Lucas,“, sagte Mike sanft. „Es ist okay. Sie wird wieder gesund werden.“
Mikes Stimme klang so sanft, wie Will sie seit Monaten nicht mehr gehört hatte. Er sah auf und ihre Blicke trafen sich. Will wurde bewusst, dass er einfach so da stand und einem Gespräch lauschte, an dem er gar nicht beteiligt war. Er hätte es sein können – wenn Mike und er miteinander klar kommen würden. Er könnte sich einfach neben Mike auf die Treppe setzen, das Walkie-Talkie nehmen und ihrem gemeinsamen Freund etwas Trost spenden.
Vermutlich hatte Dustin Recht – sie ruinierten wirklich alles.
Will wandte den Blick ab und ging schnell an Mike vorbei, um in den Keller zu gehen.
Trotz allem, was er Jonathan gesagt hatte, war es in Wahrheit alles andere als in Ordnung.
Im Keller traf ihn die Kälte wie eine Erinnerung.
Selbst auf den Stufen konnte Will sie durch die Schichten seiner Kleidung kriechen spüren. Aus Gewohnheit drückte er den Lichtschalter. Als er endlich die erste Kerze anzünden wollte, zitterten seine Hände so sehr, dass das Streichholz sofort wieder erlosch. Er fluchte leise und versuchte es erneut.
Er hatte Kerzenlicht immer gehasst. Zu viel Flackern, zu viele Schatten.
Es war nur ein Stromausfall. Alles war gut. Es war nur Winter. Ohne Heizung war es ganz normal, so kalt zu sein.
Will holte sich einen weiteren Pullover aus der Schublade, um ihn über den zu ziehen, den er bereits trug, bevor er sich auf die Matratze hockte. Er prüfte die Heizung – nichts … natürlich. Dann schlüpfte er unter die Decke, die sich so kalt anfühlte, als wäre sie nass und griff nach dem Walkie-Talkie, wie er es schon den ganzen Abend lang vorgehabt hatte. Wahrscheinlich lag sie schon im Bett. „El?“
Es rauschte, dann: „Will?“
Erleichterung durchströmte ihn. „Gott sie Dank. Bist du okay?“
„Nicht wirklich.“, sagte sie und Will konnte ein Rascheln hören, als würde sie sich auf ihrem Kissen umdrehen. „Mama und ich haben unsere Lieblingssendung verpasst, weil der Fernseher nicht geht.“
Will musste lachen und hätte schwören können, dabei seinen Atem in der Luft zu sehen. „Scheiße.“
„Was ist mir dir?“
„Mir geht’s gut.“
„Lügst du mich an?“
Will versuchte das Klappern seiner Zähne zu unterdrücken. Sie kannte ihn einfach zu gut. „Vielleicht. Ich weiß nicht, ich bin nur … angespannt. Denkst du – also, könnte er der Grund für den Stromausfall sein?“
Kurz herrschte Stille. El beantwortete eine Frage niemals unüberlegt, sondern dachte immer gründlich darüber nach. „Ich weiß nicht.“, sagte sie schließlich. „Kannst du ihn wahrnehmen?“
„Nein, nicht wirklich. Schwer zu sagen. Nur – es ist so kalt, es erinnert mich daran, dass -“
„Ich weiß.“, flüsterte sie.
„Ich schätze, ich mach mir einfach zu viele Sorgen. Ich meine, was, wenn er nach mir sucht? Um mich zurück zu holen?“
„Oh, Will.“, ihre Stimme klang weich und warm. „Das würde ich nicht zulassen. Niemals. Soll ich rüber kommen? Oder willst du hier schlafen? Wir könnten mein Bett teilen.“
„Nein, nein.“ Die Vorstellung, wie El mitten in der Nacht Joyce und Hopper aufweckte, damit sie ihn abholten, bereitete ihm Unbehagenn. Seine Mutter hatte sich schon mehr als genug Sorgen um ihn gemacht. „Es ist okay. Ich wollte nur … deine Stimme hören.“
Trotz der Stille wusste Will, dass sie lächelte.
„Gut, dass du dir den Keller mit Jonathan teilst.“, sagte sie jetzt und klang dabei übertrieben positiv, so wie sie es manchmal tat, damit sich andere Leute besser fühlten. Es hatte etwas sehr mütterliches – vielleicht hatte sie es sich sogar bei seiner eigenen Mutter abgeschaut. „Du bist nicht alleine. Wenn irgendwas sein sollte kann Jonathan uns Bescheid geben.“
Will öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, zögerte dann jedoch. Stattdessen schloss er die Augen und machte sich selbst etwas vor. El musste die Wahrheit nicht wissen. Tatsächlich war es besser so. „Ja.“, sagte er. „Ja, du hast Recht.“
Nachdem sie sich Gute Nacht gesagt hatten und das Walkie-Talkie verstummt war, rollte Will sich unter seiner Decke zusammen, die Hände zwischen seinen Knien. Er versuchte sich weiter die Wärme in Els Stimme vorzustellen. Dann zog er die Decke bis über sein Gesicht, so dass sein Atem seine Haut etwas wärmen konnte.
Aber selbst unter der Decke zitterte er. Seine Hände und Füße schmerzten vor Kälte und ihm wurde klar, wie dumm das alles war. So, so, so dumm.
Er stellte sich die Schlagzeilen am nächsten Tag vor. Vielleicht würde er es sogar auf die Titelseiten schaffen:
Junge, der von den Toten wieder auferstand – auch bekannt, als Zombie-Boy – jämmerlich erfroren, weil er es nicht hinbekam seinen besten Freund zu fragen, ob sie in einem Zimmer schlafen könnten.
Das Kerzenlicht flackerte. Will kniff die Augen zusammen, so dass er die Schatten nicht sehen musste, die geisterhaft über die Wände und Möbel huschten.
Konzentriere dich, ermahnte er sich. Es ist nur ein Stromausfall. Nichts Ungewöhnliches. Das passiert in jeder Stadt mal, überall auf der Welt. Ja, es ist kalt, aber es wird dich nicht umbringen. Und nein, die Kälte bedeutet nicht, dass Vecna vor dem Haus lauert. Es ist einfach nur Ende November.
Vielleicht – wenn er lange genug wartete, bis Ted Wheeler zu Bett ging – könnte er auf dem Sofa schlafen. Allerdings blieb dieser für gewöhnlich bis zwei oder drei Uhr im Wohnzimmer und verbrachte die halbe Nacht damit in seinem Relax-Sessel zu schlafen. Vielleicht könnte Will bei Nancy und Jonathan schlafen, aber so wie er Nancy kannte, würde sie einfach an Mikes Tür hämmern und die Jungs zwingen, sich zusammen zu reißen und das verdammte Zimmer zu teilen.
Ein Körper, der so kalt war, wie der von Will , würde ein perfektes „Gefäß“ abgegeben.
Der Gedanke schlich sich in seinen Kopf und bevor er ihn abschütteln konnte, hatte er es sich dort auch schon bequem gemacht. Es stimmte doch, oder? Der Gedankenschinder liebte die Kälte, dort gedieh er. Er brauchte einen abgekühlten Wirt – deshalb war es für Billy beinahe so gewesen, als würde er in der Sonne schmelzen und deswegen hatte Will sich geweigert ein heißes Bad zu nehmen, als er besessen gewesen war.
Wenn Will einschlief, wäre sein Körper komplett schutzlos: ein kaltes, leeres Gefäß, einladend und hilflos. Es musste dann so einfach sein von seinem Körper Besitz zu ergreifen. Niemand wäre da, um es zu bemerken. Und es gab keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren.
War es wirklich so abwegig so zu denken? Wer sagte denn, dass er ihn nicht wieder finden könnte? Vecna war am Leben und wartete und lauerte – er wusste einfach, dass es so war. Vielleicht war er schon vor dem Haus und wartete nur darauf, dass er einschlief. Es würde ein Leichtes sein. Würde Will überhaupt etwas mitbekommen? Würde irgendjemand was bemerken?
Er hätte Mrs. Wheelers Vorschlag das Zimmer mit Mike zu teilen nicht so schnell ausschlagen sollen. Aber selbst, wenn Mr. Wheeler es erlaubte – würde Mike das auch tun?
Er könnte Nein sagen.
So wie er es jedes Mal getan hatte, wenn Will versucht hatte Zeit mit ihm zu verbringen. Mike war immer – beschäftigt gewesen. Nicht in der Stimmung. Ausweichend. „Sorry, ich bin echt müde.“, war meistens seine Ausrede gewesen, wenn Will ihn gefragt hatte, ob sie etwas zusammen unternehmen wollten. Er hatte seit Monaten nicht mehr gefragt. Nun war es zwecklos.
Wills Kleidung und sein Körper fühlten sich zu kalt an, um unter der Decke Wärme zu speichern. Es schien bereits ewig so zu sein und würde nicht besser werden.
Und es kam ihm bekannt vor. Wie eine Kälte, die er mal gekannt und nun vergessen hatte. Ein Ort, der dunkel und eiskalt war. „Burg Byers“ und ein kleiner Junge, der zitternd auf dem Boden liegt und wartet, dass ihn jemand findet. Ein Schrei aus der Ferne. Und dumpfe Geräusche, wie riesige Füße, die auf tote Wurzeln treten. Nicht weit entfernt. Sie kommen näher. Es wittert ihn. Es ist fast da, und er fast verschwunden.
Will schreckte aus dem Schlaf hoch. Da war ein Geräusch gewesen, wie ein Knall.
Er setzte sich auf, blickte sich desorientiert im Raum um und versuchte heraus zu finden, woher das Geräusch gekommen war. War das Flackern der Kerze stärker geworden? Sein Körper war angespannt, die Schultern nach oben gezogen. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war.
Dann, wieder ein Knall. Oder eher ein Klopfen. Es war oben von der Treppe gekommen.
Will wollte seine Decke nicht zurück lassen, also legte er sie über seine Schultern wie ein Cape. Die Stufen knarrten unter seinen Füßen, als er sie langsam hochstieg. Er griff nach dem Türknauf und zögerte. Vecna würde doch nicht klopfen, oder?
Will öffnete die Tür.
Mike hielt eine Laterne in der Hand, die sein Gesicht in goldenes Licht tauchte und Schatten warf, so dass seine Augen, wie dunkle Murmeln aussahen.
„Sorry,“, sagte er, „Habe ich dich geweckt?“
„Nein.“, Will wusste nicht, seit wann zu Lügen so einfach geworden war. Es schien sonst immer unmöglich für ihn gewesen zu sein Mike anzulügen – aber jetzt kamen ihm die Worte so einfach über die Lippen, als hätte die Wahrheit ohnehin keine Bedeutung mehr.
„Ähm.“, sagte Mike und trat unruhig von einem Bein auf das andere: „Mama hat mich gebeten, nach dir zu sehen.“
Natürlich hatte sie das. „Mir geht’s gut.“
„Es ist eiskalt hier unten.“
Will richtete sich auf, unterdrückte das Zittern in seiner Stimme und hoffte seine Hände, mit denen er die Decke hielt würden ihn nicht verraten. „Mir geht’s gut Mike. Ich komme schon klar. Du kannst gehen.“
Mikes Blick huschte forschend über Wills Gesicht. Und das war wirklich nicht fair. Denn im letzten Jahr war Will immer damit durchgekommen. Mit all den Lügen und Ausreden, dass es ihm gut gehe, obwohl es nicht stimmte und Mike sich nicht weiter darum gekümmert hatte. Also, wieso musste er ihn jetzt so mustern, als wäre er ein Rätsel, dass Mike plötzlich lösen wollte?
„Ich habe mit El geredet.“, sagte Mike langsam. Die Schatten ließen seine Wangenknochen noch mehr hervorstehen und Wills Magen überschlug sich kurz bei dem Anblick. „Sie meinte du hättest … Angst.“
Oh mein Gott. In Wills Brust begann es zu brennen. Da war es wieder, dieses allzu vertraute Mitleid. Mike wurde also nicht nur von seiner Mutter, sondern auch von El gedrängt, nach Will zu sehen.
„Ich habe keine Angst. Ich bin kein Baby mehr, Mike.“, sagte Will und konnte den Ärger in seiner Stimme nicht verbergen.
„Ja, ich weiß. Aber sie sagte auch Jonathan wäre hier unten, um dir Gesellschaft zu leisten.“
„Ja, nun...ist er auch.“ Will wusste, dass das gerade absolut dumm von ihm gewesen war, denn Mike konnte bis zum leeren Sofa sehen und vielleicht lag es nur am flackernden Licht, aber kurz sah es so aus, als hätte Mike mit den Augen gerollt.
„Du weist schon, dass ich auch Ohren habe, oder? Ich kann ihn jede einzelne Nacht in Nancys Zimmer schleichen hören. Ich wohne buchstäblich gleich nebenan.“
„Kannst du bitte einfach gehen? Mir geht’s gut.“
„Ich glaube dir nicht. Du willst nur wieder keine Umstände machen oder was auch immer.“
„Nein, Mike. Ich will alleine sein. Ich will nicht mit dir reden, okay?“
Wenn sie noch beste Freunde gewesen wäre, wäre Mike sicher verletzt gewesen. Aber jetzt zuckte er nicht mal mit der Wimper, sondern starrte nur regungslos vor sich hin und runzelte die Stirn.
„Also gut.“, er sah zur Wand hinter Will. „Du hast vorhin bereits deutlich gemacht, dass du nicht in meinem Zimmer schlafen willst. Ich wollte nur runter kommen und sagen, dass du das natürlich trotzdem tun kannst. Es ist nicht wirklich warm, aber besser, als hier.“
Das „Nein“ lag Will bereits auf der Zunge, als ihm bewusst wurde, wie sehr er stattdessen „Ja“ sagen wollte. Wie sehr er das Angebot annehmen wollte und sich von der Last zu befreien, alleine in einem Raum zu bleiben, der sich wie alles anfühlte, dass er jemals vergessen wollte.
Aber da war irgendwas an Mikes Gesicht im flackernden Licht der Kerze und wie dunkel seine Augen aussahen, dass Will dazu brachte sich lieber zu Tode frieren zu wollen, als auch nur eine Nacht alleine mit ihm in einem Zimmer zu verbringen.
„Danke.“, sagte Will steif. „Aber nein, danke.“
Mike stand ein paar Sekunden weiter da, als wartete er darauf, dass Will seine Meinung doch noch ändern würde. „Okay“, sagte er schließlich. Er öffnete den Mund, um noch mehr zu sagen, hielt sich dann aber zurück. Er räusperte sich: „Dann, gute Nacht.“
„Gute Nacht.“, sagte Will.
Als Mike die Tür schloss, verschwand auch das Licht mit ihm.
Will stand da, zitterte und hinterfragte all die Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen hatte.
So … dumm.
Er drehte sich um und betrachtete, das schwache Licht der Kerze, die er zuvor angezündet hatte. Sein Körper war so kalt, er war beinahe taub.
Das ist so verdammt -
Er fluchte leise vor sich hin, ging zurück, um die Kerze auszublasen, bevor er sein Kissen und seine Decke nahm. Dann ging er mit der Taschenlampe in der Hand nach oben.
Das Haus war dunkel und leer. Es war vollkommen still, bis auf das Schnarchen aus dem Wohnzimmer von Ted Wheeler.
Will schloss die Kellertür so leise er konnte – er wollte sich gar nicht erst Mr. Wheelers Reaktion vorstellen, wenn er Will sehen würde, wie er sich mitten in der Nacht in das Zimmer seines Sohnes schlich. Mit leisen Schritten, gedämpft durch zwei Paar Socken, stieg Will die Treppe hinauf.
Er blieb vor Mikes Tür stehen und umklammerte die Decke. Das Licht der Taschenlampe flackerte, weil seine Hand so sehr zitterte. Dann klopfte er. So leise, er war sich sicher, dass Mike es unmöglich hatte hören können. Und, wenn das der Fall wäre, war Will sich nicht sicher, ob er den Mut haben würde ein weiteres Mal zu klopfen.
Die Tür öffnete sich. Warmes Kerzenlicht breitete sich im Flur aus. Dann erschienen Mikes Augen, dunkel und verwirrt.
„Ich habe es mir anders überlegt.“, sagte Will leise.
Sie starrten einander an und Mikes Gesichtsausdruck ließ nicht erraten, was er dachte, so wie die ganzen letzten Monate. Was ist bloß daraus geworden, dass du sonst immer wie ein offenes Buch für mich warst?
Mike machte einen Schritt zur Seite.
Will merkte erst, was für eine schlechte Idee das gewesen war, als sich die Tür hinter ihm schloss und sich Stille im Zimmer ausbreitete. Plötzlich trat genau die Situation ein, die sie seit Monaten vermieden hatten.
Eine jüngere Version von Will hatte davon geträumt nachts mit Mike alleine zu sein. Er hatte sich bis in die frühen Morgenstunden kleine Szenarien ausgemalt, um sich von allem abzulenken, was sonst so passierte.
Und nun war er hier, in Mikes Zimmer. Halb erfroren und Mike stand neben ihm und fummelte nervös an den Kordeln seiner Jogginghose herum. Sie hatten seit so langer Zeit keine richtige Unterhaltung mehr gehabt, dass es unmöglich schien die richtigen Worte zu finden.
„Ähm,“, Will überlegte doch wieder nach unten zu gehen, aber auf keinen Fall würde er seine Meinung nochmal ändern und die ganze Situation noch unangenehmer machen. „Hast du noch die andere Matratze? Die, die wir sonst für Übernachtungen benutzt haben?“
Bei den letzten Worten fühlte er sich peinlich berührt – er wollte nicht sentimental klingen. Aber Mike schien erleichtert, etwas zu tun zu haben. „Ja, ich hol sie.“
Während Mike die zweite Matratze unter seinem Bett hervorholte, sah Will sich im Zimmer um. Es hatte sich nicht viel verändert, seit er das letzte Mal hier gewesen war – was seltsam war, weil Mike sich so sehr verändert hatte. Die Poster, die Unordnung, alles wirkte wie ein fernes Echo aus einem anderen Leben, eines anderen Mike, und eines anderen Will.
Will bemerkte einige seiner alten Zeichnungen an den Wänden. Er hatte sie mit elf oder dreizehn Jahren gemalt. Das letzte Bild, das er für Mike gemacht hatte – beim bloßen Gedanken daran stieg ihm immer die Schamesröte ins Gesicht – war nirgendwo zu sehen.
„Das sollte gehen.“
„Danke.“
Mike saß auf dem Bett, als Will sich auf den Boden hockte und sein Kissen auf die Matratze legte. Es war so still im Zimmer. Kein Summen einer Lampe oder eines Radios war zu hören. In den Kabeln floss kein Strom mehr und für einen Moment hätte Will schwören können, dass dadurch eine total unnatürliche Stille entstand.
Er schlüpfte unter seine Decke und aus dem Augenwinkel konnte er sehen, dass Mike das Selbe tat. Gut – wenn sie schliefen, mussten sie nicht miteinander reden.
„Soll die Kerze an bleiben oder -“
„An bitte.“
„Okay.“
Dann war es wieder still. Will zog sich die Decke bis zum Kinn und die Knie eng an die Brust, um sich selbst aufzuwärmen. Es war immer noch kalt, aber kein Vergleich zum Keller. Er versuchte sich nicht zu viel zu bewegen. Ihm war zu bewusst, dass Mike gleich neben ihm lag und jedes Rascheln des Stoffs hören konnte.
Keiner von ihnen sagte ein Wort.
Eine Minute verging. Dann noch eine.
„Nun,“, sagte Mike schließlich und drehte sich mit dem Rücken zu Will. “Gute Nacht.“
Will betrachtete seinen Rücken. „Gute Nacht.“, sagte er leise.
Das Haus schien zu verstummen. Die Kerze flackerte und Schatten tanzten über die Wände. Und obwohl Will immer noch fror, lenkte ihn das leise Atmen von Mike genug ab, so dass er nicht wieder von Ängsten übermannt wurde. Das Geräusch war ihm fast so vertraut, wie sein eigener Atem.
Will sah zu, wie sich Mikes Rücken bei jedem Atemzug leicht hob und senkte. Schwarze Locken kringelten sich um sein Ohr. Er versuchte im selben Rhythmus zu atmen, wie Mike.
Er würde in dieser Nacht vielleicht nicht viel schlafen, aber er würde schlafen. Er würde die Nacht überstehen. Morgen würde der Strom wieder da sein und alles wieder seinen gewohnten Gang gehen – oder was auch immer der gewohnte Gang für sie sein würde. Mike könnte aufhören, sich für Will verantwortlich zu fühlen und Will könnte seine Würde zurück erlangen.
Irgendwann schlief er schließlich ein.
