Work Text:
KF holt das Foto aus der Schublade, wie so oft in den vergangenen Wochen.
Er lag oft nächtelang wach und überlegte ob er vielleicht doch den ersten Schritt machen sollte. Aber Thiel - er stand doch nicht auf Männer schon gar nicht auf ihn.
Er seufzte resigniert. Es klingelte. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr - es war schon weit nach Mitternacht- wusste er, das konnte nur eine Person sein.
Er legte das Bild neben sich aufs Bett und schwang seine Beine über die Bettkante, um aufzustehen. Mit nackten Füßen tapste er zur Tür und öffnete.
Thiel- wie erwartet.
Ohne ein Wort schob ihn Thiel zurück in die Wohnung und schloss hinter ihnen die Tür. "Was wird das wenn´s fertig ist, wenn ich fragen darf?", fragte er seinen Nachbarn ungläubig. Thiel grummelte etwas unverständlich.
"Herr Thiel, ich versteh kein Wort, was ist los."
"Der werte Herr hat wohl vergessen, den Wasserschaden über mir ordnungsgemäß reparieren zu lassen. Es tropft. Und zwar genau auf mein Bett. Und deshalb schlafe ich heute Nacht in Ihrem."
Mit diesen Worten schob sich Thiel an Boerne vorbei und ehe dieser auch nur ansatzweise reagieren konnte, stand Thiel in Boernes Schlafzimmer und sein Blick fiel natürlich sofort auf das Bild, das noch für alle sichtbar mitten auf dem Bett lag.
"Was haben Sie denn da?"
Boerne versteifte sich unwillkürlich in der Bewegung.
"Thiel ich ... ich kann das erklären", nein eigentlich konnte er das nicht. Wie auch. Wie sollte er seinem Nachbarn erklären, warum hier mitten in der Nacht ein uraltes Bild von ihnen beiden auf dem Bett lag. Es gab Nichts was auch nur halbwegs glaubwürdig gewesen wäre, ohne sein Geheimnis zu offenbaren. Er würde nicht umhin kommen, die Gefühle, die er für Thiel hegte anzusprechen. Eine andere plausible Erklärung gab es dafür nicht. Er konnte spüren wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss und er vermutlich schon ziemlich rot angelaufen war.
„Wo haben Sie das Foto überhaupt her?“, fragte Thiel nun unbeeindruckt weiter und näherte sich dem Bett um es noch genauer in Augenschein zu nehmen. „Das ist ja dasselbe wie bei uns im Präsidium, von damals von meiner Einstandsparty.“
„Das ist das Gleiche. Nicht dasselbe“, gab er reflexartig zurück. - „Was zur Hölle - reiß dich zusammen Karl-Friedrich“, ermahnte er sich selbst in Gedanken und verdrehte die Augen.
Thiel sah ihn verständnislos an: „Ja. Wie auch immer. Wie kommen Sie denn zu dem Bild?“
Boerne druckste herum: „Na ja das hing eben damals irgendwann an der Pinnwand, wo jeder Fotos von dem Abend beigesteuert hatte und da hab ich es mir kurz geborgt und es nachmachen lassen. Ich bin ja durchaus des öfteren Gast in Ihrem Haus, wie Sie wissen und da war ich halt auch mal im Pausenraum.“
Thiel starrte ihn immer noch an. Er durchbohrte in förmlich mit seinen unfassbar schönen blauen Augen. Die Stille war so unerträglich, dass sie laut in Boernes Ohren dröhnte. Er versuchte den Blick seines Gegenübers zu deuten, aber es gelang ihm nicht. Je länger Thiels Augen ihn fixierten, desto flacher wurde Boernes Atmung, seine Hände waren schweißnass. Er begann zu zittern. Warum sagte Thiel denn nichts? Langsam begann sich sein Wahrnehmung zu trüben. Was zum Teufel passierte hier. Alles drehte sich. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr.
"Boerne !!??"
Er konnte nur noch schemenhaft erkennen, wie Thiel auf ihn zustürzte und sich zwei starke Arme um seine Mitte legten und ihn festhielten.
Dann wurde alles um Ihn herum in tiefe Dunkelheit getaucht. Er konnte nur vereinzelt Geräusche wahrnehmen, so als hätte er Wasser im Ohr. Alles war irgendwie verzerrt und dumpf. Und irgendjemand redete da. Mit ihm? Er wusste es nicht. Sein Gehirn konnte die Worte nicht verarbeiten. Wo war er überhaupt? Die Augenlider waren viel zu schwer, als dass er sie hätte öffnen können. Also müsste er sich vorerst noch mit der Dunkelheit abfinden und auf seine anderen Sinne vertrauen. Er strengte sich an. Versuchte aus dem Wirrwarr an Lauten und Worten vollständige Sätze zu bilden und zu verstehen.
" Boerne ...hier ...zurück", drang dumpf in sein Hirn. Wer sprach da, wo war er. Der Geruch der ihn umgab, war ihm sehr vertraut. Er fühlte sich wohl und geborgen. Irgendetwas Warmes lag auf seiner Wange. Boerne öffnete langsam die Augen und wurde sofort geblendet von der Deckenlampe. Stöhnend kniff er die Augen zusammen.
" Hey, hey... hier bleiben...", etwas oder besser gesagt jemand tätschelte seine Wange. Er zwang sich erneut die Augen zu öffnen und diesmal war es nicht die Deckenlampe die ihn anstrahlte, sondern zwei wundervolle blaue Augen. THIEL.
Waren das etwa Tränen in Thiels Augenwinkeln oder bildete er sich das ein.
"Na du hast mir ja einen ganz schönen Schrecken eingejagt, klappst hier einfach zusammen."
Thiel lachte, aber es klang eher wie ein heiseres Schluchzen. Erst jetzt wurde sich Boerne so richtig bewusst wo er war, Thiel saß neben ihm auf dem Schlafzimmerboden, hatte die Arme um seinen Oberkörper geschlungen und hielten ihn fest, stützten ihn.
Er selbst hatte seine Beine kraftlos von sich gestreckt, so als würden sie nicht zu ihm gehören. Die ganze Kraft die ihn aktuell aufrecht hielt, kam von Thiel. Er wollte sich von Thiel lösen, aber er konnte nicht. Irgendetwas in Thiel Blick ließ ihn in dessen Armen verharren. Was war das, was er hier sehen konnte? Sorge und Angst? Freundschaft und Verbundenheit? Oder gar Liebe.
Außerdem – hatte er ihn gerade geduzt, oder spielte ihm sein Gehirn einen Streich? Er schüttelte fast unmerklich den Kopf, nein das konnte nicht sein. Er musste sich irren.
"Thiel... ich...",krächzte er heiser und seine Stimme hörte sich seltsam fremd an. "Schhhh ... nicht reden", Thiel legte ihm einen Finger auf die Lippen.
Boerne zog scharf die Luft ein. Diese sanfte ungewohnte Berührung, durchzuckte wie eine Stromschlag seinen ganzen Körper und eine warmes Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus. Er war froh, dass sie sich bereits auf dem Boden befanden, denn aktuell gehorchte ihm weder sein Körper noch sein Kopf.
Deshalb überraschte es ihn auch gar nicht, als er sich dann selbst - heiser aber hörbar - sagen hörte: "Frank ich liebe dich. Schon seit unserem ersten gemeinsamen Fall, hatte ich nur noch Augen für dich. Ich hab dich zwar immer wieder damit aufgezogen, dass du mir bei unserem ersten Aufeinandertreffen den Zahn ausgeschlagen hast, aber eigentlich hab ich dir das nie wirklich übel genommen, weil ich so fasziniert von dir war. Du brauchtest nie viele Worte, um deinen Punkt zu machen. Du warst so anders als ich, ruhig und beständig. Und das fand ich unglaublich anziehend.“ So jetzt war es raus.
Es hatte so viele Momente gegeben, in denen er diese Worte in Gedanken wiederholt hatte. Immer wieder hatte er überlegt, ob es dafür überhaupt je einen richtigen Moment geben würde. Momente, in denen er wieder und wieder vor Thiels Wohnungstür stand, mit der festen Absicht es ihm endlich zu sagen, nur um dann doch wieder unverrichteter Dinge kehrt zu machen. Einmal hatte er sogar schon Blumen besorgt, kam sich aber dann ziemlich albern damit vor. Sogar im Briefeschreiben hatte er sich versucht, aber er konnte doch nicht einfach einen Brief unter Thiels Tür durchschieben, deshalb waren auch die alle im Müll gelandet. Der Briefkasten war schließlich immer noch unbrauchbar, da er ja letztens versucht hatte die übereilte Kündigung zu vernichten. Sonst war er ja durchaus ein Mann der großen Worte, aber hier hatte er all die Jahre versagt.
Er schloss die Augen und wartete auf das Donnerwetter, das gleich folgen würde. Er wartete darauf, dass Thiel ihn loslassen und verschwinden würde. Aber nichts dergleichen geschah. Vorsichtig blinzelte er. Über Thiels Wangen liefen Tränen.
Und dieses mal täuschte er sich sicher nicht. Thiel sah ihn an und weinte stumm.
"Wir sind doch auch zwei komische Vögel" , brach es plötzlich aus Thiel heraus. Er lachte und weinte und wischte sich mit der Hand übers Gesicht. "Komm mal mit.", Thiel packte ihn unter den Armen und half ihm auf die Beine. Er griff nach seiner Hand und zog ihn hinter sich her rüber in seine eigene Wohnung. Boerne verstand nicht so recht, was gerade passierte, stolperte verdattert hinter ihm her. Warum lachte Thiel, wo wollte er hin?
Sie kamen in Thiels Schlafzimmer zum Stehen. Es tropfte tatsächlich von der Decke in einen großen Eimer, der auf dem Bett stand. Thiel hielt immer noch seine Hand und öffnete die Schublade seines Nachttisches. Darin lag ein identischer Abzug des Fotos von ihnen beiden.
"Ich liebe dich auch Karl",mit diesen Worten drehte Frank sich wieder zu ihm um, schaute ihm tief in die Augen und drückte ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Lippen.
Boerne schloss die Augen, die Hitze schoss ihm durch den Körper und er hatte Angst, dass seine Beine im nächsten Moment wieder versagen würden, so benebelt war er von dem Kuss. Doch da schlangen sich schon zwei starke Arme um ihn und er ließ sich nur zu gerne in diese Umarmung fallen und vertiefte den Kuss.
*****
Ein paar Wochen später.
„Aber du warst doch damals so abweisend, hast gelacht. Ich verstehs nicht. Du hast doch sogar noch behauptet, du würdest nicht auf Männer stehen.“ Karl sah ihn mit großen Augen fragend an. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass er hier mit seinem Partner auf der Couch saß und keiner von Beiden die Wohnung vor morgen früh, wieder verlassen würde.
„Ähm na ja ich hab mich geschämt für meine Gefühle, ich dachte du würdest mich auslachen. Also hab ich einfach alles abgestritten, Schrader hat mir hinterher gehörig den Kopf gewaschen.“
„Schrader hat was?“, sein Professor schaute ihm verwirrt ins Gesicht.
„Ja er hat mir ins Gewissen geredet, dass ich aufhören soll, so einen Mist zu verzapfen und dass man doch sehen könnte, dass da mehr zwischen uns ist als Freundschaft, und dass ich nicht davonlaufen soll vor meinen Gefühlen – ja, er hat es anders formuliert, aber das war in etwa seine Aussage. Ich denke er hat geahnt, dass ich mehr für dich empfinde, als ich zugeben will. Als ich mir selbst eingestehen wollte. Er hat mir klar gemacht, dass ich nicht mehr ewig Zeit habe und ich handeln muss, wenn mehr aus uns werden soll. Er ist halt auch ein guter Ermittler, das muss man ihm lassen.“ Thiel nahm einen Schluck von seinem Feierabendbier. „Außerdem ist er ja selber schwul. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er einer der Ersten war, der gesehen hat, wofür wir selbst blind waren“, fügte er hinzu.
Boerne verschluckte sich fast an seinem Wein, stellte das Glas ab und hustete kurz: „Schrader ist schwul?“, presste er hervor, weil er kaum Luft bekam.
„Ja wusstest du das nicht?“ Boerne schüttelte nur den Kopf. „Ich dachte du hättest es gewusst, deshalb war ich ja so darauf bedacht, dass du nicht merkst was ich für dich empfinde, weil du ihn immer etwas abweisend behandelst. Also ich meine, du gehst ganz anders mit ihm um, als mit dem Rest des Teams.
Boerne schaute jetzt ganz schockiert. „Tue ich das? Ach herrie, und du dachtest ich behandle ihn so weil er schwul ist. Um Himmels Willen. Nein!“ Boerne schlug die Hände vors Gesicht und atmete tief durch. „Aber jedes Mal, wenn ich ihn sehe, muss ich dran denken, wessen Platz er eingenommen hat. Und wie lange du mit Nadeshdas Tod zu kämpfen hattest. Du warst insbesondere für mich nicht mehr erreichbar. Es gab keine gemeinsamen Abende mehr. Unsere Gespräche waren nur noch auf das Nötigste beschränkt. Ich kam nicht mehr an dich ran. Ich hatte das Gefühl, wir haben nicht nur sie verloren, sondern verlieren langsam auch dich.“ Sein Partner hob den Kopf und sah ihm nun direkt in die Augen. Seine Augen waren glasig und leicht gerötet. „Ich hatte Angst um dich Frank, verstehst du das?“, er seufzte leise. „Aber das hat rein gar nichts mit Schrader an sich zu tun, oder mit seiner mir bislang unbekannten Homosexualität.“
Er nickte kurz.
„Ich wollte dich auffangen, dich trösten, für dich da sein, aber ich wusste nicht wie. Du hattest dich so zurückgezogen. Und ich hatte Sorge, ich könnte eine Grenze überschreiten, wenn die ganzen Gefühle auf uns einprasseln, deshalb hab ich viel zu früh aufgegeben.“, erzählte sein Partner weiter.
Thiels Augen füllten sich mit Tränen, er räusperte sich kurz: „Genau das ist der Grund gewesen, warum ich dir aus dem Weg gegangen bin, weil ich Angst hatte in deiner Nähe irgendetwas Unüberlegtes zu tun. Die Trauer um Nadeshda holte Gefühle an die Oberfläche, die ich lange unter Kontrolle hatte. Aber während dieser Zeit hatte ich nicht die Kraft, mit all dem hinterm Berg zu halten. Die Gefahr war zu groß, dass ich dir um den Hals falle, hemmungslos weine und dich vielleicht sogar unüberlegt küsse.“ Boerne legte den Arm um ihn und zog ihn stumm an sich. Er lag mit dem Kopf an dessen Brust, konnte seinen Herzschlag hören. Sein Partner lies das Kinn auf seinen Kopf sinken und er spürte die ruhigen Atemzüge in seinem Haar. So saßen sie ein paar Augenblicke einfach nur da und genossen die Wärme des anderen.
Es war erst ein paar Wochen her, seit er bei Boerne wegen des Wasserschadens geklingelt hatte. Aber hier in den Armen seines Professors fühlte es sich an, als wäre es schon immer so gewesen. Als wären dessen Arme nur dafür gemacht, um ihm Halt zu geben. Er liebte diesen Mann so sehr, dass er sein Glück kaum fassen konnte, dass sie beide jetzt wirklich hier saßen und schmiegte sich deshalb noch etwas enger an seinen Freund.
Ja nach außen hin wirkt er oft überheblich und arrogant, aber tief im Inneren war er doch ein ganz feinfühliger, liebenswerter Kerl, sein Karl. Facettenreich und nie langweilig, das war es auch, was ihn immer wie magisch angezogen hatte. Weil es immer eine neue Seite zu entdecken gab, weil er noch immer nicht am Ende angekommen war, auch nach zwanzig Jahren nicht.
„Ich schätze, wir beide standen uns selbst am allermeisten im Weg“, holte ihn Karl nach einer Weile aus seine Gedanken, „und ich bin froh, dass wir es nach all den gemeinsamen Jahren endlich geschafft haben.“
Boerne rückte etwas ab, schaute ihm direkt in die Augen und strich ihm sanft mit dem Handrücken über die Wange. Sein Blick war weich und voller Zuneigung. „Ich liebe dich, Frank – seit zwanzig Jahren schon. Wir können die verlorenen Jahre nicht mehr aufholen, aber wir haben die Möglichkeit unsere Zukunft gemeinsam zu gestalten, wenn du das willst.“ Mit diesen Worten drückte er ihm einen Kuss auf die Stirn.
Natürlich wollte er, gar keine Frage. Ihm schwirrte der Kopf von so viel Zuneigung und Liebe, die ihm da entgegen schwappte, deshalb griff er in Boernes Hemdkragen, zog ihn zu sich und beantwortete die Frage mit einem innigen Kuss, und hoffte Karl würde auch so verstehen.
Boerne verstand, seufzte wohlig und vertiefte den Kuss. Etwas atemlos lösten sie sich nach einer Weile voneinander.
Boerne fand als erster seine Sprache wieder: „Und weißt du was, wir fangen gleich morgen damit an und laden Schrader zum Essen ein. Ich denke, da ist eine Entschuldigung meinerseits fällig, außerdem möchte ich mich bei ihm bedanken, dass er dich quasi in meine Richtung geschoben hat, beziehungsweise dich dazu gebracht hat, deine Gefühle annehmen zu können. Ohne ihn würden wir hier nicht oder zumindest noch nicht sitzen. Wir haben schon mehr als genug Zeit vergeudet.“
„Das ist eine hervorragende Idee, Schatz. Dann kannst du ja Frau Haller auch gleich einladen. Ich denke wir vier sind auf unsere ganz eigene Art und Weise zu einem super Team geworden, dann können wir mal Danke sagen. Du kochst uns was Leckeres und wir verbringen einen schönen Abend zusammen.“ Boerne nickte zufrieden und kuschelte sich an ihn.
Er selbst schloss die Augen und wollte nirgendwo lieber sein, als genau hier mit seinem Karl-Friedrich auf der Couch. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und es dauerte nicht lange, bis sie beide selig eingeschlummert waren. Wie schon so oft an manchen Abenden über die letzten Jahre. Und doch war es jetzt ganz anders.
Die Fesseln, die sie sich selbst umgelegt hatten, waren weg. Was blieb war die Liebe.
