Work Text:
Adam macht Pfannkuchen.
…also, normalerweise. Normalerweise macht Adam montags, wenn die Zeit reicht, damit sie sich nach dem ersten grausamen Arbeitstag nach dem Wochenende trotzdem auf etwas freuen können, Pfannkuchen.
Das hier ist aber nicht normalerweise.
Zum einen ist nicht Montag, sondern Freitag. Ihr letzter Fall hat mal wieder ihren kompletten Wochenrhythmus durcheinandergebracht, doch die Verdächtige war Mittwochabend endlich so gnädig, zu gestehen, und am Donnerstag und Freitagmorgen war nur noch Papierkram aufzuarbeiten. Und der preisgekrönte Zuchthahn aus der Waschküche der Verdächtigen, nein, Täterin, zu retten und seinem tränenüberströmten Besitzer zu übergeben, der Adam zum Dank zwei Schachteln Eier von preisgekrönten, glücklichen, einigermaßen freilaufenden Zucht- und Legehennen in die Hand gedrückt hat.
Eigentlich also perfekte Voraussetzungen für Pfannkuchen.
Zum anderen aber ist morgen Samstag. Nicht irgendein Samstag, sondern der, an dem aus Caro Hölzer Dr. phil. Caro Hölzer wird, inklusive Talar und Sekt und anschließender Feier mit der Familie. Und da Caro gedroht hat, ihnen beiden den Kontakt zu Emma zu verbieten, sollte Adam in Jeans auf Jeans auftauchen, hängen seit gestern Abend zwei piekfeine, gereinigte und gebügelte Anzüge in Schutzhüllen am Bücherregal im Wohn- und Esszimmer. Die Kleiderstange im Schlafzimmer ist nicht hoch genug.
Adam ist kein Experte für Anzüge. Leo offenbar schon: „Keine Pfannkuchen!“, hat er mit leidvollem Gesichtsausdruck gerufen, als Adam schon halb aus dem Büro war. „Sonst riechen die Klamotten hinterher nach Bratfett.“
Also keine Pfannkuchen. Aber da sind ja die preisgekrönten freilichen Eier von glücklaufenden Hühnern, und sie haben sich nach diesem Fall wirklich ein kleines Festessen verdient. Keins wie das, was sie morgen vermutlich erwartet, sondern eines, das sie gemütlich auf dem Sofa und mit den Fingern essen können. Praktischerweise ist Leos Waffeleisen so neu und unbenutzt, dass es auch ohne Fett wunderbar funktioniert, also steht Adams Plänen für das Freitagabendfestmahl nichts im Wege. Die Küche riecht schon jetzt wie eine Jahrmarktbude, durch das sicherheitshalber gekippte Küchenfenster ertönt Vogelgezwitscher, die Abendsonne malt die Küchenschränke golden an und Adam lächelt versonnen, während er die nächste Kelle Teig nachfüllt.
Wie um den Moment perfekt zu machen, klappert die Wohnungstür und Leo ruft ein atemloses „Bin da!“ in den Flur. Adam lauscht den vertrauten Geräuschen – Jacke, Schuhe, Tasche, einmal Badezimmer zum Händewaschen und Schlafzimmer zum Klamottenablegen. Wenige Minuten und Waffeln später tritt Leo endlich in die Küche.
„Ich hab das Bäumchen für Caro nochmal gegossen und gleich unten im Auto gelassen“, berichtet er. „Sonst vergessen wir das morgen noch. So müssen wir nur noch eine Schleife dranbinden. Hm, hier riecht’s aber gut.“
Er schmiegt sich an Adams Rücken und Adam durchläuft ein wohliger kleiner Schauer, als er merkt, dass Leo seine Jeans schon gegen eine seiner fadenscheinigen Jogginghosen ausgetauscht hat, wie sich das für einen gemütlichen Freitagabend gehört. Er dreht sich ein bisschen zur Seite, damit Leo über seine Schulter besser sehen kann, was er da macht.
„Ohhh.“ Leo summt beifällig. „Wie kommen wir denn dazu?“
„Wir hatten noch zwei Schachteln preisgekrönter Eier.“ Adam grinst. „Und du hast gesagt, keine Pfannkuchen. Darum…Waffeln.“
„Ist das so?“ Leo löst sich von ihm. Da ist ein Unterton in seiner Stimme, der in Adam ein Gefühl auslöst wie Brausepulver im Wasser. Als wenn da etwas in Leo kribbelte, das auf ihn überspringt. Er spürt, wie sich seine Mundwinkel bereits erwartungsvoll heben.
„Gibt es ein Problem, Hauptkommissar Hölzer?“
„Hm.“ Leo grinst ihn breit an. „Haben Sie denn überhaupt einen…Waffelschein?“
Das Kribbeln entlädt sich in einem Geräusch zwischen Stöhnen und Prusten. Leo kichert, als sei das ein besonders guter Witz gewesen.
Für einen solchen Freitagabend ist er das vielleicht auch. Und die Lachfalten in Leos Augenwinkeln haben eine so ansteckende Wirkung, dass Adam gar nicht anders kann, als sich zu gestatten, mitzuspielen.
„Sie vergessen, Herr Kommissar: Ich bin ebenfalls Polizist. Ich wurde zum Dienst an der Waffel ausgebildet.“
Demonstrativ nimmt er die letzte Waffel aus dem Eisen, hält sie kurz hoch und legt sie zu den anderen auf den Teller, den er Leo in die Hand drückt. „Nimm das mal mit rüber.“
Leo gluckst noch immer, aber er gehorcht. Es klappert hörbar, als er den Teller nebenan auf dem Tisch absetzt, dann ist es plötzlich verdächtig still. Adam zieht beide Brauen hoch und sucht Teller, Besteck, Puderzucker und das Apfelmus zusammen, ehe er ihm auf Zehenspitzen folgt.
Hat er doch richtig vermutet: Leo steht am Fenster, guckt verträumt in den Aprilabend hinaus und beißt von der obersten Waffel ab.
Adam wird ganz warm, als er ihn so sieht. Dabei macht Leo gar nichts Besonderes, steht einfach nur da und isst. Isst eine Waffel, über die er eben noch einen dämlichen Witz gemacht hat, den er selbst so lustig fand, dass Adam ebenfalls lachen musste. Eine Waffel, die Adam gebacken hat, mit Leos Waffeleisen, weil er das darf, in ihrer gemeinsamen Küche herumfuhrwerken, und weil es sich für zwei Leute lohnt, Waffeln zu backen, und weil sie Eier geschenkt bekommen haben für einen Fall, den sie gemeinsam gelöst haben. Leo sieht so überirdisch schön und friedlich aus in diesem goldenen Licht, die Augen leicht zusammengekniffen, eine Hand in der Tasche seiner Jogginghose, die andere immer noch die angebissene Waffel haltend.
Es ist einer dieser Momente, in denen Adam sein Glück nicht fassen kann. Dass er das erleben darf. Dass er das alles haben darf, Leo und die Waffel und dieses Leben, heute, jetzt, für immer, ganz für sich allein. Dass ihm das keiner wegnehmen wird. Was für ein riesiges, unverdientes, bedingungsloses Glück hat er eigentlich?
Adams Kehle wird ein bisschen eng. Bevor er aber Leo einen Heiratsantrag macht, anfängt zu singen, oder etwas ähnlich Sentimentales, stellt er lieber geräuschlos die Teller auf den Couchtisch, nimmt die Puderzuckermühle hoch, deutet damit auf Leo und ruft halblaut:
„Polizei! Waffel runter!“
Leo zuckt kurz zusammen, dreht sich um und fängt so sehr an zu lachen, dass er sich beinahe verschluckt – an der Waffel, natürlich.
„Ich sag doch, die ist gefährlich! Deswegen sollst du sie ja runternehmen.“ Adam klopft ihm auf den Rücken und nutzt die Gelegenheit, Leo sanft Richtung Sofa zu lotsen. Ein halbes Glas Wasser später hört das Husten auf und Leo lässt sich zufrieden seufzend in die Polster sinken. „Lecker.“
„Das Wasser?“
Leo knufft ihn liebevoll in den Oberschenkel. „Die Waffel, du Vogel.“
„Ja?“ Das muss er selbst testen. Adam nimmt sich die nächste vom Stapel und kippt eine Unmenge selbstgemachten Apfelmuses von Leos Vater darüber. Er spürt Leos zu gleichen Teilen faszinierten und entsetzten Blick auf sich, als er die Waffel zusammenrollt und – mit einer Hand darunter, weil das Apfelmus schon heraustropft – genüsslich hineinbeißt.
Leo schüttelt den Kopf und beugt sich vor, um sich eine neue Portion zu nehmen. Wie er den Puderzucker gleichmäßig darauf verteilt, hat beinahe etwas Kunstvolles. Es fehlen eigentlich nur noch ein dekorativer Spritzer Himbeersoße und ein, zwei Blättchen Pfefferminze.
Adam kaut und schluckt, ehe er merkt, dass Leo ihn schon wieder ansieht. Er beißt noch einmal ab, fängt das Apfelmus in der hohlen Hand auf und hebt die Brauen.
„Du bist unmöglich.“ Leo nimmt seinen Teller und lehnt sich wieder zurück. „Man kann ja nirgends hingehen mit dir – wehe, du isst morgen so, Caro bringt uns beide um.“
Daran besteht kein Zweifel, aber Adam hat gerade viel zu viel Spaß daran, Leo aufzuziehen, sein goldenes Glück zu Brausepulverlachen werden zu lassen. Mit einem unschuldigen Lächeln – was, das weiß er selbst, an ihm viel verdächtiger aussieht als die finsterste Miene – führt er die andere Hand zum Mund.
„Och. Und ich dachte, ich biete dir was zum Gucken.“
Dann leckt er einmal über seine Handfläche und saugt zwei Finger zwischen seine Lippen.
Nur um das Apfelmus abzulecken natürlich.
Leo prustet so auf seine Waffel, dass der Puderzucker über den Teller und auf seine Oberschenkel stäubt, aber seine Augen haben sich ein winziges bisschen geweitet, Adam hat es genau gesehen.
„Schluss jetzt!“
Leo stellt den Teller wieder auf den Tisch, zieht Adam die Finger aus dem Mund und wischt sie mit einem Taschentuch ab. Einen winzigen Kuss presst er auf Adams Handrücken, bringt Adams Herz in Straucheln, dann sieht er ihm streng in die Augen.
„Erst essen. Dann Witze machen. Okay? Ich will die Waffeln nicht verschwenden.“
Die Frage Willst du einen Waffelstillstand? liegt Adam schon auf der Zunge, aber Leo sieht sie ihm an der Nasenspitze an, packt auch sein zweites Handgelenk, hält es fest und lässt seinen Ton noch ein wenig dunkler und strenger werden. „Sag es nicht.“
Und Adam wird weich. Schluckt ein bisschen, sinkt in Leos Griff, fühlt sein Grinsen sanfter werden. „Okay.“
„Brav“, sagt Leo liebevoll und lässt ihn langsam los.
Na gut, vielleicht wird Adam nicht überall weich. Er wendet sich schnell wieder seinem Teller zu, ehe Leo das mitbekommt. Erst essen, dann…alles andere. Und die Waffeln sind wirklich gut, das liegt nicht nur am Freitagabend oder an Leos warmer, goldener Präsenz neben ihm auf ihrem Sofa. Aber Adam kann das alles haben, und das wird er bis zum letzten Waffelherz auskosten.
„Hier sieht’s aus, als hätten wir gekokst“, stellt Adam fest, als er eine halbe Stunde später den Puderzucker vom Wohnzimmertisch wischt.
„Was sagst du?“, ruft Leo aus der Küche.
„Nicht so wichtig!“
Er klopft die Sitzpolster aus, bringt den Lappen in die Küche und wringt ihn im Spülbecken aus. Neben ihm beugt sich Leo über die Spülmaschine, räumt ihre Teller und die Teigschüssel ein. Es wäre wirklich nicht nötig, dass er sich dabei so weit hinunterbeugt oder dass er so ausladende Bewegungen macht, dass seine Rückenmuskeln unter seinem T-Shirt sichtbar arbeiten. Grinsend trocknet Adam seine Hände ab und schmiegt sich an Leo, als der sich gerade aufrichtet.
„Lass mich dir helfen, Baby.“
„Ich bin doch schon fertig.“ Adam hört das Lächeln in Leos Stimme. „Ich mach nur noch die Maschine an.“
„Mich machst du auch an“, murmelt Adam in seinen Nacken.
„Ah.“ Leo drückt endlich auf die Taste. „Wir sind mit dem Essen fertig, ja?“
Die Frage löst wieder dieses Kribbeln in Adams Bauch aus. Er legt seine Arme um Leo, sein Kinn auf dessen Schulter, schluckt erwartungsvoll. „Ja?“
„Hmm.“ Leos Summen vibriert durch seinen ganzen Körper, verstärkt das Kribbeln noch, und auch in seiner Stimme ist das Brausepulver wieder hörbar. „Also…“
Adams Mundwinkel zucken. „Jaaaa…?“
„…ist das eine Waffel in deiner Hose oder freust du dich einfach, mich zu sehen?“
Diesmal ist es eindeutig ein Stöhnen, das Adam entfährt. Was sollte es auch sonst sein, wenn Leo seinen Arsch so an ihm reibt? „Ich geb dir gleich Waffel…“
„Oh, ich bitte darum.“ Leo kichert. Adam spürt seine Schultern beben und seufzt. Er ist so unglaublich verliebt in diesen Mann, trotz oder gerade wegen der abgrundtief schlechten Witze. Er ist sich ziemlich sicher, dass Leo das auch weiß. Trotzdem presst er seine Lippen auf die kurzen Härchen in Leos Nacken, sagt es ganz leise:
„Aber ich freu mich auch, dich zu sehen.“
„Adam…“ Leo lehnt sich für einen Moment noch stärker an ihn. „Ich dich auch.“
Dann dreht er sich in Adams Armen um, legt ihm die Hände auf die Brust und schiebt ihn rückwärts aus der Küche.
