Chapter Text
Tatsuro streckte sich ausgiebig und atmete die vom vorhergehenden Regenschauer noch feuchte Luft tief ein. Im selben Moment meldete sich sein schlechtes Gewissen, weil er im Freien sein konnte und Yukke im Haus gefangen war. Er seufzte, was einen fragenden Blick Miyas nach sich zog.
„Was ist?“
„Nichts, ich … ich bin es nur leid, hier zu sein.“
„Verständlich.“ Miya nickte und setzte sich in Bewegung. „Worüber wolltest du mit mir reden?“
Tatsuro hatte seine beiden Freunde heute bereits am frühen Morgen angerufen und sie gebeten, nach der Arbeit zu Yukke und ihm zu kommen. Es war einer dieser Tage, an denen sich Hazuki wer weiß wo befand und sie das Stadthaus für sich hatten.
„Ich wollte noch einmal über die ganze Musen-Sache mit dir sprechen. Alleine, wenn du verstehst.“
„Ich dachte mir so etwas schon.“
„Ach ja?“
„Mhmh. Ich weiß noch, wie lange Satochi gebraucht hat, um alles zu verdauen, da ist es kein Wunder, dass auch bei dir immer mal wieder Fragen hochkochen.“
„Versteh mich nicht falsch, mir ist bewusst, dass ich darüber eigentlich mit Yukke sprechen sollte, aber…“
„Es ist in Ordnung, Tatsuro, frag mich einfach.“
„Okay, gut, wie fange ich an?“
„Am besten von vorne, würde ich sagen.“
„Haha.“ Tatsuro seufzte und straffte die Schultern. „Also … weißt du, ich habe schlicht und einfach Sorge, dass sich Yukke auf mich einlässt und damit unglücklich wird. Schließlich gibt er so viel auf. Seine Unsterblichkeit, seine Kräfte … Kann ich das von ihm verlangen?“
„Verlangst du das etwa von ihm?“
„Wie meinst du das?“
„Na, ist es nicht vielmehr so, dass sich Yukke aus freien Stücken für dich entschieden hat, obwohl er die Konsequenzen kennt, seit er eine kleine Muse ist?“
„Schon, aber …“
„Du liebst ihn, oder?“
„Ja“, erklärte Tatsuro ohne eine Sekunde des Zögerns.
„Siehst du. Auch ich habe mir die Entscheidung damals nicht leicht gemacht, aber um ehrlich zu sein, habe ich sie bislang noch für keinen Augenblick bereut.“
„Aber was ist, wenn Yukke und ich uns auseinanderleben? Wenn wir uns entschließen, nicht länger zusammen sein zu wollen? Was ist, wenn ich morgen von einem Zug überrollt werde?“
„Letzteres wäre ein absolutes Wunder, wenn du mich fragst.“
„Bitte?“
„Na, wenn du es schaffst, von einem Zug überrollt zu werden, während du hier in Hazukis haus festsitzt, hat das schon etwas von einem Wunder, findest du nicht auch?“
„Mann Miya, du weißt genau, wie ich das meine.“
Miya grinste ihn von der Seite her an, während sie wie automatisch den Weg zum kleinen Ahornhain einschlugen. Jetzt am Nachmittag hatte sich die Sonne stellenweise durch die grauen Wolken gekämpft, die schon seit dem Morgen schwer wie Blei am Himmel hingen. Tatsuro sah nach oben und blinzelte, als einer dieser vorwitzigen Sonnenstrahlen durch die kräftig roten Blätter hindurch direkt in seine Augen fiel. „Um deine Fragen zu beantworten: Was soll dann sein? Yukke gibt seine Unsterblichkeit für ein Menschenleben auf, mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind. Er wird sterblich, er wird eine gewisse Zeit auf dieser Erde leben, wie alle anderen Menschen auch. Egal, ob ihr bis an euer Ende zusammenbleibt, oder durch selbstverursachte oder fremdbestimmte Umstände getrennt werdet, Yukke wird sein Leben leben. Wie nach jeder Trennung oder nach jedem Verlust kann auch er wieder neue Beziehungen eingehen oder allein Freude und Zufriedenheit finden, verstehst du? Im Prinzip gibt er nichts auf, er verzichtet nur für eine gewisse Zeit auf die Dinge, die uns Musen ausmachen.“
„Ist das wirklich so einfach? Kein Haken, nichts Kleingedrucktes?“
„Nun ja, wie man es nimmt. Manche der Alten erzählen davon, wie sehr sie ihre Kräfte vermisst haben, während sie sterblich waren. Andere haben ihre menschliche Liebe auch nach Jahrhunderten nicht vergessen und leiden darunter. Aber das sind Risiken, die zumindest ich willens bin, auf mich zu nehmen.“
„Ich fühle mich trotzdem, als würde ich Yukke etwas wegnehmen.“
„Dann sprich mit ihm.“
„Ja“, sagte Tatsuro und seufzte mal wieder. „Sobald ich das Skript fertig habe und mit Yukke von hier verschwinden kann.“
„Apropos Skript, wie läuft es mit dem Schreiben?“
„Besser, als befürchtet. Yukke ist eine unglaublich große Unterstützung für mich, aber trotzdem wird es knapp. Eigentlich sollte ich auch gar nicht hier mit dir durch den Park flanieren, weil mir die Zeit davonrennt. Ende der Woche will Hazuki den Romanentwurf auf dem Tisch liegen haben und mir fehlt noch circa ein Viertel.“
Miya riss die Augen auf und schaute ihn ungläubig an. „Du machst Scherze oder? Bis Ende der Woche sind es noch drei Tage. DREI! Was machst du hier draußen und quatscht mit mir? Rein, los, hinter den Computer!“ Mit erstaunlicher Kraft packte Miya ihn am Oberarm und schleifte ihn hinter sich her zurück ins Haus. Tatsuro ließ es geschehen. Um ehrlich zu sein, war er sogar froh um die Panik seines Freundes, denn nur so würde er sich aufraffen können, weiterzuschreiben. Seine Finger fühlten sich seit Tagen verkrampft an, sein Nacken war, trotz Yukkes göttlicher Massagen, schon wieder ein einziger Haufen steinharter Muskeln, und jeden Morgen begannen seine Augen bereits wenige Minuten nach dem Aufwachen zu brennen. Wenn er ehrlich war, war er völlig ausgelaugt– mental und körperlich – aber er durfte nicht aufgeben. Nicht jetzt, wo er so kurz vorm Ziel stand.
Zurück im Arbeitszimmer klemmte er sich hinter den Computer, während Yukke, Miya und Satochi Kriegsrat auf dem Sofa zu halten schienen. Er hörte sie leise miteinander reden, nahm das Rascheln von Blättern und das gelegentlich zustimmende Brummen eines der Beteiligten wahr. So vergingen die Stunden, unterbrochen nur kurz vom gelegentlichen Glas Wasser, einem Toilettenbesuch oder dem Abendessen, um das seine drei Freunde sich gekümmert hatten. Alles in allem machten sie ihm das Schreiben so angenehm wie möglich und trotzdem fühlte es sich so an, als würde er sich nur im Kreis drehen. Die Kapitel wurden länger, immer wieder fiel ihm etwas auf, das er zu Beginn des Schreibprozesses noch anders geplant hatte, das aber nun nicht mehr mit der Entwicklung der Geschichte zusammenpasste. Also sprang er kapitelweise zurück, änderte mal große, mal kleine Dinge und verbrannte damit wertvolle Zeit, die er eigentlich dafür nutzen sollte, den Roman fertig zu erzählen.
„Ich prokrastiniere und ich hasse es!“, rief er irgendwann, als sich seine Gedanken ineinander verhakten und jedes einzelne Wort nur noch zäh wie Honig durch seine Gehirnwindungen floss. „Ich kann nicht mehr.“ Ermattet ließ er den Kopf auf die verschränkten Arme sinken und hatte gerade noch genug Hirnleistung übrig, die Tastatur ein Stück aus dem Weg zu schieben, um sein Dokument nicht auch noch mit sinnlosem Kauderwelsch zu füllen.
„Dann lass es gut sein für heute“, sagte Yukke leise und keinen Augenblick später fühlte Tatsuro zärtliche Finger, die ihm durch die Haare fuhren. „Es ist schon halb zwei.“
„Halb zwei?“, echote er ungläubig und hob den Kopf, nicht ohne sein Gesicht zu verziehen, als ein stechender Schmerz durch seinen Nacken jagte. „Sind Satochi und Miya noch da?“
„Nein.“
„Oh, ich habe gar nicht mitbekommen, dass sie gegangen sind.“
„Das war auch Sinn und Zweck der Sache, wir wollten dich nicht stören.“
„Sato meinte, er kommt morgen früh und bringt Frühstück vorbei, Miya schlägt dann am Nachmittag hier auf, um zu helfen.“
„Um zu helfen?“ Tatsuro fühlte sich wie ein defektes Aufnahmegerät, das nur noch in der Lage war, den letzten Teil einer Konversation stupide zu wiederholen. „Was habt ihr eigentlich die ganze Zeit über gemacht?“
„Alle Kapitel, die du ausgedruckt hast, schon mal auf Logikfehler durchgelesen.“
Tatsuro seufzte. „Danke, aber damit könnt ihr dann morgen gleich von vorn anfangen. Ich hab einiges geändert.“
„Kein Problem“, sagte Yukke und klang dabei so optimistisch, dass sich ein kleiner Teil der Last, die seit Beginn ihrer Gefangenschaft auf Tatsuros Schultern lag, langsam zu lösen begann. „Was würde ich nur ohne euch tun? Was würde ich ohne dich tun?“, murmelte Tatsuro und drehte seinen Stuhl so um, dass er den Kopf gegen Yukkes Bauch pressen konnte. Yukke schlang die Arme um ihn und so verharrten sie für eine ganze Weile, bis sein kleiner Skaterboy flüsternd das Schweigen brach.
„Ohne mich wärest du nie in diese Lage gekommen.“
Wieder hob Tatsuro den Kopf und stand im nächsten Moment auf, um Yukke nun seinerseits fest in die Arme zu schließen.
„Das mag stimmen, aber um ehrlich zu sein, will ich mir nicht vorstellen, wo ich heute ohne dich wäre.“ Er schob Yukke leicht von sich, grinste ihn an und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Lass uns schlafen gehen, okay? Ich bin durch für heute.“
„Okay. Verrätst du mir, was du mit Miya besprochen hast?“
„Hat er dir nichts erzählt?“
„Nein, er hat sich ausgeschwiegen und nur gemeint, dass wir das gemeinsam bereden sollen.“
„Guter Mann“, murmelte Tatsuro schmunzelnd und wandte sich ein letztes Mal zum Computer um, um alle Dokumente zu speichern, die Sicherungskopie zu Aktualisieren und das Gerät dann endlich herunterzufahren.
„Verrätst du es mir nun?“
„Mh, eigentlich wollte ich damit warten, bis wir wieder zu Hause sind, aber gut, lass uns im Bett darüber reden, okay?“ Schwungvoll zog er Yukke gegen seine Seite, legte ihm einen Arm um die Schultern und dirigierte ihn aus dem Arbeitszimmer. Seine kleine Muse kicherte, schmiegte sich an ihn und Tatsuro wollte ihm gerade einen Kuss auf die Stirn drücken, da hörte er Schritte, die sich ihnen näherten.
„Wie praktisch, ihr seid noch wach.“
Ein unangenehmer Schauer rann Tatsuro über den Rücken und Yukke versteifte sich prompt in seinen Armen.
„Hazuki“, knurrte Tatsuro. „Du bist also auch wieder da. Ich kann nicht behaupten, mich darüber zu freuen.“ Letzteres hätte er sich besser verkneifen sollen, aber verdammt, er war müde und überarbeitet, da funktionierten seine sozialen Filter nur noch mit extremer zeitlicher Verzögerung.
Hazuki presste die Lippen aufeinander; beinahe blutleere Lippen in einem erschreckend blassen Gesicht, wie Tatsuro erneut feststellen musste.
„Ich verbitte mir diesen Tonfall in meinem Haus.“
„Tust du das, ja?“, fragte Tatsuro lauernd und ging seinerseits einen Schritt auf den anderen zu, nicht ohne aber vorher Yukke hinter sich zu schieben. „Und was genau willst du dagegen tun? Mir den Mund verbieten? Das wäre ganz dein Stil, nicht wahr? Aber ich hab eine bessere Idee: Lass Yukke und mich gehen und schreib deinen Roman selbst, dann brauchst du dich nicht über meinen Umgangston echauffieren.“
„Das würde dir so passen.“
Tatsuro schwieg und starrte den älteren Mann unverwandt an. Hazuki seinerseits seufzte kaum hörbar und gab seine angriffslustige Körperhaltung auf.
„Wie dem auch sei“, sagte er plötzlich so nonchalant, als wären er und Tatsuro nicht gerade kurz davor gewesen, sich an die Gurgel zu gehen. In Tatsuros Fall hatte dieses Verlangen definitiv noch bestand und es kostete ihn einiges an Selbstbeherrschung, seine zu Fäusten geballten Hände wieder zu lockern.
„Ich wollte dich darüber informieren, dass ich den Romanentwurf schon Sonntagfrüh auf meinem Schreibtisch haben will. Mein Terminkalender ist voll und Zeit ist Geld, wie du weißt. Sollte ich damit zufrieden sein, könnt ihr gehen, wenn nicht, finden wir sicher eine Übereinkunft.“
Tatsuro presste die Zähne so fest aufeinander, dass seine Kiefermuskulatur zu protestieren begann.
„Was soll das heißen: Wir können gehen, wenn du zufrieden bist? Das war so nicht vereinbart. Ich habe zugesagt, den Roman zu schreiben, ohne weitere Bedingungen. Wenn dir nicht passt, was ich aufs Papier bringe, mach es selbst!“ die letzten Worte hatte er Hazuki ins Gesicht geschrien. Wer brauchte schon Selbstbeherrschung? Wer legte wert darauf, den Schein zu wahren? Er sicher nicht mehr. Er hatte die Schnauze dermaßen voll …
„Tatsue, nicht“, flüsterte Yukke hinter ihm und legte ihm eine Hand beruhigend zwischen die Schulterblätter. „Lass dich auf nichts ein, das will er doch nur provozieren.“
Hazuki lachte in sich hinein und zog sich in Yukkes Richtung gewandt einen imaginären Hut vom Kopf.
„Chapo. Wenigstens die kleine Muse hat verstanden, wer hier am längeren Hebel sitzt.“
Tatsuro spürte, wie sich Yukkes ganzer Körper anspannte und beschloss, dass sie dieser Situation entkommen mussten, bevor er tatsächlich alles noch schlimmer machte. Er fühlte den Faden seiner Zurückhaltung unter der Last vibrieren und wusste, dass es nur noch ein Wort, eine Tat Hazukis bedurfte und er würde reißen.
„Lass uns gehen, Yukke.“
Er drehte sich um, legte demonstrativ seinen Arm um Yukkes Mitte und ging in Richtung des Gästezimmers davon, ohne Hazuki auch nur noch eines Blickes zu würdigen.
„Sonntagfrüh, Tatsuro, und vergiss nicht, wer hier das Sagen hat!“
Er konnte nicht. Er konnte Hazukis Provokationen nicht auf sich sitzen lassen. Abrupt blieb er stehen, wirbelte herum und pflasterte ein falsches Lächeln auf sein Gesicht.
„Ach Hazuki“, sagte er süßlich und legte den Kopf schief, als könnte er kein Wässerchen trüben. „Ich an deiner Stelle wäre etwas vorsichtiger mit meinen Drohungen. Nur so ein Tipp am Rande. Aber du kennst das Problem mit diesen lästigen Schreibblockaden sicher auch, oder? Wäre doch nicht auszudenken, wenn du durch deine Worte so eine Blockade in mir auslöst. Immerhin scheinst du es ja sehr eilig zu haben. Yukke und ich sind zwar nicht unbedingt begeistert davon, länger als nötig deine Gäste zu sein, aber wie du selbst schon festgestellt hast, eigentlich haben wir hier ja alles.“ Tatsuros Lächeln weitete sich zu einem bösen Grinsen aus. „Wäre doch eine Schande, wenn wir doch noch auf den Geschmack kämen, hier wie die Maden im Speck zu leben, und deine Deadline bis Sonntagfrüh …“, er machte Anführungszeichen in der Luft, „so ein wenig ins Hintertreffen geraten würde, oder?“
„Das wagst du nicht“, knurrte Hazuki und kam einen Schritt auf Yukke und ihn zu.
„Fordere mich heraus und du wirst es feststellen.“
Tatsuro sah seinem Gegenüber direkt in die Augen. Augen, die er einst so sehr geliebt hatte und die er heute kaum wiedererkannte.
„Geht mir aus den Augen“, flüsterte Hazuki in diesem Moment und Tatsuro konnte nicht anders, als sich übertrieben unterwürfig zu verneigen, bevor er erneut in Richtung des Gästezimmers davonging. Diesmal sagte Hazuki nichts mehr und Tatsuro fragte sich im Stillen, ob das nun eine gute Sache war oder nicht.
„Warum tut er das?“, wollte er an niemand bestimmten gerichtet wissen, als Yukke und er endlich die Tür des Gästezimmers hinter sich schließen konnten. „Was bringt ihm das?“
„Genugtuung, schätze ich“, murmelte Yukke und ließ sich auf die Bettkante sinken. „Du hättest das nicht tun sollen, Tatsue.“ Sein Freund sah blass aus, und als er sich nun das T-Shirt über den Kopf zog, konnte Tatsuro sehen, dass seine Finger zitterten. Yukke hatte Angst, und wenn Tatsuro ehrlich war, hatte er die auch. Was, wenn Hazuki der Roman tatsächlich nicht gefiel? Natürlich hatte er gerade großspurig behauptet, ihm würde es nichts ausmachen, länger hierbleiben zu müssen, aber das war eine Lüge. Eine riesige Lüge und allein die Vorstellung, weitere Tage oder sogar Wochen in diesem Haus gefangen zu sein, ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Yukke und er waren voll und ganz von Hazuki abhängig. Sie hatten nichts in der Hand, um sich gegen jegliche Art von Willkür zur Wehr zu setzen. Hazuki hatte die Musenträne und damit die Macht darüber, wo Yukke sich aufhalten konnte.
Gedankenversunken richtete er den Blick aus dem Fenster, aber konnte nichts weiter, als seine eigene Spiegelung im Glas wahrnehmen.
„Denkst du, er hat die Musenträne gerade bei sich getragen?“
„Mh?“ Yukke blinzelte in seine Richtung und war in diesem Moment eindeutig mit den Gedanken ganz wo anders. Zu verdenken war es ihm nicht. „Was meinst du?“
Tatsuro lächelte gequält und zuckte mit den Schultern. „Ich rede von Hazuki. Konntest du vielleicht spüren, ob er die Träne eben einstecken hatte?“
„Ich …“ Yukkes Nase kräuselte sich, wie sie es immer tat, wenn seine kleine Muse schwer überlegte. Trotz ihrer misslichen Lage wurde es Tatsuro bei diesem Anblick ganz warm ums Herz. Verdammt, er liebte diesen Mann so sehr. „Ich hab nicht aufgepasst, ich war von eurem Schlagabtausch abgelenkt. Tut mir leid. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht einmal, ob ich unterscheiden könnte, ob die Träne nur irgendwo hier im Haus ist oder ob er sie sogar um den Hals trägt. Ich bin noch nie in die Verlegenheit gekommen, so genau darauf achten zu müssen.“
„Aber du kannst fühlen, dass die Musenträne in der Nähe ist.“
„Ja, das auf jeden Fall.“
„Gut, dann achte mal darauf, was du fühlen kannst, wenn Hazuki das nächste Mal unterwegs ist. Vorausgesetzt er lässt uns jetzt überhaupt noch allein, nachdem ich ihm Kontra geboten habe.“ Tatsuro setzte sich neben Yukke und verbarg seufzend das Gesicht hinter den Händen. „Ich bin so ein Idiot, es tut mir leid.“
Warme Arme legten sich sanft um seine Schultern und Yukke drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel.
„Alles gut. Ich versteh dich ja. Du müsstest schon ein Mönch oder ein Heiliger sein, um Hazukis Provokationen völlig ignorieren zu können.“
„Danke“, murmelte er und vergrub sein Gesicht an der duftenden Haut von Yukkes Halsbeuge. „Ich will einfach nur, dass dieser Albtraum endlich vorbei ist. Ich will … ich kann dich nicht verlieren, verstehst du das?“
„Das wirst du auch nicht.“
„Aber was …“ Tatsuro hob den Kopf und wollte seine Frage beenden, aber Yukkes Zeigefinger auf seinen Lippen stoppte ihn.
„Schsch. Das WIRD nicht passieren. Du knallst Hazuki den fertigen Romanentwurf auf den Schreibtisch und er wird davon so begeistert sein, dass er uns quasi aus dem Haus wirft. Wirst schon sehen.“
Tatsuro lächelte und küsste Yukkes Fingerkuppe. „Ich liebe deinen Optimismus.“
„Nur den?“
„Nee. Ich kann aufzählen, was ich alles an dir liebe. Soll ich?“
„Mh, wie verlockend.“ Yukke blinzelte ihn von unten her an und legte nachdenklich den Zeigefinger an die Lippen. „Mmh, wissen will ich das auf jeden Fall, aber … können wir das verschieben, bis wir wieder zu Hause sind?“
„Natürlich.“ Tatsuros Lächeln wurde sanft, als er nach Yukkes vollen Lippen haschte und ihn zärtlich zu küssen begann. „Wenn du es geschickt anstellst, schreibe ich dir die Dinge, die ich an dir liebe, sogar auf. Ist ja schließlich meine Berufung und so.“
„Bring mich nicht auf Ideen.“ Yukke ließ sich nach hinten auf die Matratze sinken, machte sich lang und zog Tatsuro über sich. „Aber eine Frage hab ich noch. Warum soll ich darauf achten, ob ich die Musenträne auch spüren kann, wenn Hazuki nicht da ist?“ Tatsuro zuckte mit den Schultern. „Wir könnten sie zurückholen und endlich von hier verschwinden. Wenn Hazuki nichts mehr gegen uns in der Hand hat, kann er sich seine Drohungen an den Hut stecken.“
„An sich ist das eine gute Idee, aber so funktioniert die Träne leider nicht.“
„Nicht? Aber wieso? Schließlich hat Hazuki sie mir gestohlen und kann nun darüber bestimmen, wo du dich aufhalten musst.“
„Ja, und genau das ist der Haken an der Sache. Hazuki weiß über die Möglichkeiten und Grenzen der Träne Bescheid, anders als du.“ Yukke sah ihn zerknirscht an und senkte den Blick. „Ich hätte viel früher ehrlich mit dir sein müssen, dann hätte ich dir das alles erklären können.“
„Ja, das wäre schön gewesen, ist jetzt aber nicht mehr zu ändern.“ Tatsuro zuckte mit den schultern und ließ sich nicht anmerken, dass der Gedanke, wie wenig Yukke ihm vertraut hatte, immer noch stach, obwohl er verstand, warum seine Muse geschwiegen hatte.
„Tut mir leid.“
„Muss es nicht.“ Wieder küsste er Yukkes Lippen, dann sah er ihm fest in die Augen. „Kannst du mir erklären, wie du das gerade gemeint hast? Wieso hat Hazuki einen Vorteil mir gegenüber, nur weil er weiß, wie die Musenträne funktioniert?“
„Nun ja, sagen wir es so. Hättest du gewusst, dass du ab dem Zeitpunkt, an dem ich dir die Träne gegeben habe, über mich verfügen kannst, hättest du mich quasi an dich binden können. Dann hätte Hazuki mit der Träne auch einen Voodoo-Tanz aufführen können; es wäre ihr egal gewesen und sie wäre nach kürzester Zeit zu dir zurückgekehrt. Da du das aber nicht wusstest, hast du, nun ja, wie soll ich das sagen? Du hast die Träne quasi als Einladung für jeden um den Hals getragen, der weiß, was sie bedeutet, und ihre Macht für sich nutzen will.“
Tatsuro schnappte nach Luft und richtete sich auf. „Wie bitte? Aber warum hast du mir die Träne gegeben, wenn du damit so ein großes Risiko eingehst?“
„Weil …“ Yukke schluckte schwer und richtete sich auf, um ihm wieder ins Gesicht sehen zu können. „Für eine Muse ist es ein Beweis größter Zuneigung, einem anderen die Träne anzuvertrauen. Ich … Ich konnte irgendwie nicht anders. Der Wunsch, dir dieses Geschenk zu machen, war einfach so stark. Miya hat auch schon ganz zu Recht mit mir geschimpft, aber was hätte ich denn machen sollen?“
In den schönen Augen seiner Muse stand die Verzweiflung so deutlich geschrieben, dass sich Tatsuros Herz schmerzhaft verkrampfte. „Komm her“, murmelte er und zog Yukke in seine Arme. „So habe ich das nicht gemeint, entschuldige bitte. Ich hätte das auch einfühlsamer ausdrücken können, aber … Mir war bis gerade ehrlich nicht klar, was für ein unendlich wertvolles Geschenk du mir gemacht hast. Ich wünschte, ich hätte es beschützen können. Denkst du, die Musenträne wird mir jemals verzeihen?“
„Das wird sie, da bin ich mir sicher“, flüsterte Yukke an seiner Halsbeuge und kuschelte sich noch näher. „Schließlich hättest du auch einfach gehen und Hazukis Roman bei dir zu Hause schreiben können. Er hat ja nicht verlangt, dass du hier bei mir bleibst, nur eben, dass du seinen Roman schreibst. Was wäre also dabei gewesen, mich allein zu lassen?“
„Das hätte ich nie getan.“
„Siehst du, das meine ich und das wird auch die Musenträne so sehen.“
„Schon irgendwie witzig, oder?“ Tatsuro schnaubte und grinste in sich hinein.
„Was meinst du?“ Yukke hob den Kopf und sah ihm fragend in die Augen.
„Wir reden hier über eine Musenträne; ein Schmuckstück, wie ich noch vor ein paar Tagen dachte, so, als wäre sie am Leben und hätte einen eigenen Willen.“
„Im Prinzip ist das ja auch so.“
Tatsuro öffnete den Mund und schloss ihn wieder, während ihm zahlreiche Momente durch den Kopf gingen, an denen er die Träne getragen und sich gänzlich unbedarft allein geglaubt hatte. Tatsuro fühlte, wie seine Ohren heiß wurden.
„Hey, Tatsue, alles gut.“ Jetzt war es an Yukke, ihn anzugrinsen. „Die Träne denkt nicht wie du und ich, aber sie ist auf ihre ganz spezielle Art und Weise lebendig. Du brauchst jetzt also nicht rückwirkend einen Anfall von falscher Scham zu bekommen.“ In den Augen seiner Muse funkelte der Schalk, als er ihm leicht gegen die Brust schlug. „Gestehe. Was hast du angestellt?“
„Das, meine liebe Muse, bleibt allein mein Geheimnis. Nun ja, meines und das deiner Träne.“
„Unfair.“
„Nö, so etwas nennt man Eigenschutz.“
„Ich nenne es trotzdem unfair.“
„Wie du meinst.“
„Lass uns schlafen, mh?“
„Gute Idee.“
Tatsuro verschwand kurz im Bad, um sich die Anstrengung des Tages vom Körper zu waschen, und als er zurückkam, lag Yukke bereits unter der Decke und atmete tief und gleichmäßig. Eine ganze Weile blieb er mitten im Raum stehen und betrachtete seinen Skaterboy, seine Muse, seine … Liebe, bis sich sein Herz mit so vielen Gefühlen für dieses wundervolle Wesen füllte, dass er es kaum noch aushielt. Er hätte Yukke niemals allein bei Hazuki lassen können und jedes unschöne Aufeinandertreffen zwischen ihm und seinem Ex-Partner, jede noch so anstrengende Schreib-Session waren es wert, seine Muse beschützen zu können.
Leise gähnend schlüpfte er unter die Decke, löschte das Licht und seufzte glücklich, als Yukke sich im gleichen Augenblick an ihn kuschelte.
Yukke war alles wert, so was von.
