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Die Stimmung im Tempodrom war aufgeheizt, gerade zu am brodeln. Es war zwar gerade mal das Achtelfinale - aber Lennli spielte. Als letzter Deutscher, der noch im Rennen war.
Natürlich waren da alle angespannt - besonders wenn man Lennlis HP sah. Jeder Kilometer konnte jetzt entscheidend sein.
Aber die Chancen standen gut. Lennli hatte den Matchpoint. Ein richtiger Tipp und die Runde war entschieden.
Fünf Millionen Gedanken rasten durch Dimas Gehirn. Die Hälfte davon sprach er aus. Die andere Hälfte äußerte sich in seinem Rumgezappel, in Schweißausbrüchen und dem Gefühl und dem Bedürfnis entweder schreiend aus der Halle zu rennen oder schreiend auf die Bühne zu rennen und das ganze an sich zu reißen.
Er war echt nicht gut unter Stress.
Und no front aber - Bastis Stimme im Ohr zu haben, seine Kommentare zu hören, seine Guesses und Calls - es machte alles nur noch schlimmer.
Veto neben ihm dagegen war die Ruhe selbst. Wie immer. Der Fels in der Brandung. Dima wüsste nicht, was er machen würde, wenn er nicht neben ihm wäre. Er wäre vermutlich schon längst durchgedreht.
Er konnte Basti ja auch schlecht einfach ignorieren. Oder den Chat. Nicht, wenn sie live waren.
Egal. Nächste Runde. Eine nichtssagende Straße neben einem künstlich angelegten, rechteckigen Teich. Der eventuelle Sieg. Er blendete Bastis Stimme aus. Blendete die Menge aus, die hinter ihm am Anfeuern war. Setzte sich hin. Stand wieder auf. Zog sich sein Hemd wieder über, was er gerade noch ausgezogen hatte. Basti machte den Call für Lennlis Sieg. Verdammt er wollte sich sein Hemd direkt wieder ausziehen jetzt war ihm wieder viel zu warm. Hoffentlich jinxte Basti es gerade nicht.
"Halt meine Hand." Wie automatisch nahm er Vetos dargebotene Hand und wurde fast sofort ruhiger. Huy griff nach seiner anderen Hand. Es hatte nicht annähernd die gleiche Wirkung
Vetos Hand war warm. Warum und groß und komischer Weise überhaupt nicht verschwitzt. Im Gegensatz zu seiner Hand. War vermutlich kein angenehmes Gefühl seine vor Angstschweiß kalte Hand halten zu müssen. Aber Veto beschwerte sich nicht. Als würde er das jemals tun.
Sein Griff war fest und irgendwie beruhigend. Wusste er wie viel Halt er Dima damit gerade gab? Ohne ihn würde er vermutlich explodieren. Oder implodieren. Oder beides. Gleichzeitig. Jegliche Gefühle, Hormone und was sonst noch so durch seinen Körper jagte, waren im Ausnahme-Zustand.
Lennli setzte seinen Pin. Nicht weit von Bulgaria entfernt, aber auch nicht nah dran. Irgendwo relativ zentral in Indien. Es war kein fester Guess. An der Bewegung der Map konnte man sehen, dass beide nicht zufrieden waren mit ihrem Tipp. Doch die Zeit war um.
Jetzt zählte es. War Lennli nah genug dran?
Die Flagge wurde gesetzt. Die Linien gezogen. Die Kilometer angezeigt.
Und - der rote Pin war näher dran.
Das war der Sieg.
Die Menge begann zu gröhlen. Huy riss seine linke Hand hoch, sprang aufgeregt auf und ab, Basti schrie ihm ins Ohr. Veto jubelte, riss seine andere Hand mit hoch.
Lennli hatte es geschafft. Er hatte gewonnen. Er war ins verdammte Viertelfinale eingezogen!
Mit aller Macht prallte die Erkenntnis nun auch etwas verspätet, aber umso härter auf Dima ein.
Er riss sich das Headset vom Kopf und warf die Arme um Veto. Mit einem Lachen erwiderte dieser die Umarmung. Dass ihm sofort und instinktiv auffiel wie gut es sich anfühlte in Vetos Armen zu liegen, darüber konnte er sich später noch Gedanken machen.
"Wir haben es geschafft!" brüllte er vermutlich viel zu laut in Vetos Ohr. Er nickte nur, seinen Grinsen breiter als jemals zuvor.
Und weil er so erfüllt war von Endorphinen und Adenalin und Glücksgefühlen, weil ihm ein Stein in der Größe von fucking Indien vom Herzen fiel, weil diese ganzen Gefühle schon seit über vierundzwanzig Stunden in ihm brodelten, ohne ein Ventil zu finden, legte er Veto die Hände ums Gesicht, zog ihn zu sich runter und küsste ihn.
Vor vermutlich fünfhundert Menschen im Publikum. Vor vermutlich knapp zehntausend Zuschauer in Bastis Stream. Es war egal.
Was zählte war, dass er so glücklich war, dass er die Welt hätte umarmen können und Veto, der als Unglücklicher neben ihm stand, musste eben dran glauben.
Er musste ihm wirklich zu gute halten, dass er ihn nicht sofort von sich stieß. Nein, er war einfach nur still und erstarrt und nach einem viel zu langen Moment, wo sich allmählich die ganzen Glücksgefühle in Panikgefühle verwandelten - denn was zum Teufel macht er da gerade???? - erwiderte Veto den Kuss.
Viel sanfter und wärmer und eigentlich viel zu ruhig für diesen tosenden Sturm an Emotionen, der in ihm brodelte, aber irgendwie auch genau richtig. Vetos Lippen waren viel weicher, als er sie vorgestellt hatte. Nicht, dass er jemals über Vetos Lippen nachgedacht hatte. Also... absichtlich oder... bewusst. War auch egal. Dieser Kuss war auf jeden Fall verdammt gut. So stürmisch wie er ihn angefangen hatte, so schnell hatte Veto den Kuss in etwas tieferes und gefühlvolleres verwandelt. Etwas, was ihm die Haare zu berge stehen ließ und seinen Körper mit einem verheißungsvollen Kribbeln erfüllte. Wäre er
jemand anderes, jemand mutigeres wäre das vielleicht der Anfang von einer sehr vielversprechenden Nacht. Aber er war Dima. Und küsste Veto. Und so sorgte der Kuss dafür, dass er wieder runter kam.
Runter auf den Boden der Tatsachen. Auf den Boden des Tempodroms. In Berlin. Zu GeoGuesser WM. Die er mit kommentierte. Für BastiGHG. Und seinem Stream mit bestimmt über 10.000 Zuschauern. Vor denen er gerade Veto geküsst hatte. So richtig auf den Mund und so.
Fuck.
Erschrocken löste er sich von ihm, wollte zwei, drei, vier Schritte zurück stolpern - am liebsten wäre er sofort von hier abgehauen. Weg aus Berlin - am besten gleich weg aus Deutschland. Irgendwo anders würde er sich bestimmt noch ein schönes Leben wieder aufbauen können. Mit neuem Namen. Doch Veto hielt ihn auf, hielt ihm sanft am Arm fest. Wirkte überhaupt nicht panisch oder überfordert oder auf dem Sprung zur Landesflucht.
"Keine Sorge, Huy hat beinahe rechtzeitig weggeschaltet. Der Kuss wird wohl zu sehen sein, aber nur der Anfang. Alles gut. Die Firma steht noch."
Ein panisches, hohes, fast schon hysterisches Lachen entwich ihm.
VERDAMMTE SCHEIẞE WAS HATTE ER GERADE GETAN?!?
Er drehte sich zu ihrem Set-Up um, dass auf den offiziellen Feed auf der Bühne geschaltet war. Lennli wurde gerade interviewt. Ihre Cam war ausgeblendet. Der Chat war ruhig. Keiner kommentierte den Kuss. Alle verfolgten das Interview. Es war.... tatsächlich alles gut. Konnte er wirklich so viel Glück haben?
"Komm, weiter gehts - ein Match haben wir noch vor uns." Benommen nickte Dima, ließ sich von Veto zu seinem Stuhl schieben.
Er setzte sich hin. Griff nach dem Headset, was Veto ihm schon hinhielt. Er setzt sich neben ihn, viel dichter noch als vorhin. Seine Präsenz strahlte die Ruhe und Gelassenheit aus, die er brauchte um wieder in den Streamer-Modus zu gehen. Tief atmete er durch, warf Veto noch ein letztes halb panisches, halb dankbares Lächeln zu, dann setzte er das Headset auf und aktivierte mit zwei Clicks wieder die Cam.
Es ging weiter. Ein letztes Match stand noch an. Ein letztes Mal konzentrieren, dann konnte er hier raus und versuchen zu verarbeiten, was da gerade passiert war.
