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Halbe Sekunden

Summary:

Da war eine Stimme in Leo, die nagte. Die wissen wollte, warum Adam zurück war, was er gemacht hatte, ob er bleiben wollte. Warum er gegangen war, damals.

Leo fragte nicht. Stattdessen, irgendwann, ob sie nach der Arbeit noch was zusammen machen wollten, Kino vielleicht.

Work Text:

Da war eine halbe Sekunde Erleichterung, als Adams Mundwinkel hochzuckten. Du hattest Recht, wer den Hund findet, findet den Täter.

Einen kurzen Moment war es wie früher - Hast ja Recht, du Streber - dieses warme Gefühl zu wissen, dass Adam auf seiner Seite war, dass Streber hier freundlich gemeint war, ein Zeichen, dass Adam nicht höflich zurückhaltend zu ihm sein brauchte. Leo hatte das damals gemocht.

Dann war es auch wieder wie früher, Adam verschwand in diesem Haus und Leo war allein.

***

Immer noch gab es Momente, in denen Leo erschrak, wenn er Adam sah, in denen er kurz nicht sicher war, ob er wirklich da war, oder nur in seinem Kopf, zusammengesponnen aus Erinnerung und Wunsch.

***

Die Nächte wurden schlimmer. Aber es war schön, mit Adam die Mittagspausen zu verbringen. Wenn Adam dabei war, war es einfacher mit Pia und Esther. Adam konterte Esthers Missbilligung mit einer Art lässiger Bissigkeit und verstand sich mit Pia. Es war unwirklich, aber auf eine gute Art.

***

Da war eine Stimme in Leo, die nagte. Die wissen wollte, warum Adam zurück war, was er gemacht hatte, ob er bleiben wollte. Warum er gegangen war, damals.

Leo fragte nicht. Stattdessen, irgendwann, ob sie nach der Arbeit noch was zusammen machen wollten, Kino vielleicht. Auch das war wie früher, sein Herz klopfte. Er sortierte eine Fallakte zusammen, als interessiere ihn die Antwort nur beiläufig.

Als keine kam, schaute er doch auf, konnte Adams Blick nicht so richtig lesen, bis der nickte. “Klar.”

***

Leo hatte den Film ausgesucht. Einfach geklickt, bezahlt, fertig. Fast so wie früher, als er Adam manchmal einfach mit in irgendeinen Kinosaal gezogen hatte, weil die Poster interessant aussahen. Adam hatte sich nie beschwert. 

Jetzt stand Adam neben ihm, sah auf das Plakat mit den verschwommenen Gesichtern, dem französischen Titel, der überlangen Laufzeit. Leo spürte den Blick, die hochgezogene Augenbraue. 

Adam schnaubte. „Nix mit Verfolgungsjagden und Explosionen, was?“

Leos Kiefer spannte sich automatisch, spürte den Reflex, sich verteidigen zu müssen. Aber Adam zog nur die Nachos und die zwei Getränkeflaschen vom Tresen, überließ es Leo, die Popcorntüte zu greifen und grinste dabei schief. 

Der Saal war dunkel und überraschend gut gefüllt. Leo setzte sich aufrecht hin, hielt das Popcorn in seinem Schoß. Adam ließ sich schwer neben ihn in den Sitz fallen, bugsierte die Flaschen in die Getränkehalter. Als er sich zurücklehnte, die langen Beine ausstreckte, drückte seine Schulter gegen Leos. Leo spürte jedes Mal, wenn Adam in die Nachos griff, sie zum Mund führte.  

Werbung und Trailer flimmerten über die Leinwand. Adam lehnte sich über Leo, griff wie selbstverständlich in die Popcorntüte, raschelte absichtlich laut, so dass der Mann vor ihnen sich einmal umdrehte. 

Leo warf ihm einen Blick zu, aber Adam grinste nur breit, fischte mit den Fingern eine Jalapeño aus der Käsesoße, ließ sich tiefer in den Sitz sinken.

Leo atmete langsam aus. 

***

Der Film zog vorbei, lang, wortlastig, mit endlosen Kamerafahrten. Als die Lichter angingen, fühlte Leo die Müdigkeit in den Augen. Er wusste nicht, ob er den Film mochte. Vermutlich nicht.

Adam rieb sich den Nacken, murmelte: „Das war … echt lang.“

Leo presste die Lippen aufeinander, war für einen kurzen Moment wieder fünfzehn und uncool. Er wollte sich schon verteidigen, erklären, warum er diesen Film gewählt hatte, warum er gedacht hatte, Adam könnte ihn interessant finden.

Dann sprach Adam weiter. “Technisch gut gemacht, aber bisschen zu gewollt artsy…”

Leo blinzelte. Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass Adam überhaupt so aufmerksam zugeschaut hatte. Die Erleichterung kam so unvermittelt, dass er fast lächeln musste.

„Ja“, sagte Leo schließlich. “Gute Schauspieler, aber die Story war flach.” Adam brummte Zustimmung.

Draußen in der feuchten Saarbrücker Nacht hielt Adam ihm die Popcorntüte hin. Fast leer, ein paar süße Krümel am Boden. „Nächstes Mal suchst du was weniger Französisches aus...“

Leo nahm die Tüte, knüllte das Papier in der Hand. Nächstes Mal… Die Worte trafen ihn wärmer, als er zugeben wollte. 

Sie liefen nebeneinander in die Dunkelheit. Die Leichtigkeit des Moments und die Schwere all dessen, was ungesagt war, rangen in Leos Brust.

Aber die Schulter neben seiner war echt. Das musste genug sein.