Chapter Text
Adam war glücklich. Nur so konnte er dieses wunderbare Gefühl beschreiben. Er fühlte sich endlich wohl.
Er schaute mit einem leichten Grinsen in den Spiegel und sah einen Jungen.
Ja, einen Jungen, mit Pixie Cut in einem weißen oversized T-Shirt, was einst mal weiß war. Nun hatte es Flecken von bunter Haarfarbe und kleine Haarbüschel hier und da.
Der Pixie Cut war nicht ganz freiwillig ausgesucht worden, – er wollte seine Eltern nicht völlig enttäuschen - aber damit würde er leben können. Es war eine Kurzschlussreaktion, die er und sein guter Freund Nicklas auf dem Schulklo durchgeführt hatten. Adam hatte gestern während dem Kunstunterricht Nicklas seinen Plan erzählt, das mit dem Haare schneiden.
Dieser stimmte zu, und so befanden sich die beiden Jungs einen Tag und zwei Stunden nach Schulschluss immer noch in der Schule. Die Schule war ihm lieber als zuhause zu sein.
Adams Grinsen wurde immer breiter, je länger er sich im Spiegel betrachtete. Wann hat er das letzte Mal so lachen können?
Hinter ihm holte Nicklas eine kleine Dose Haargel aus seinem Rücksack raus und reichte sie Adam.
„Hier, du willst doch bestimmt die Haare jetzt stylen oder nicht?“
Adam schaute zu Nicklas hoch. Nicklas war immer noch größer als er, und breiter auch, was ihn etwas störte.
Nickend nahm er die Dose, schraubte sie auf und wand sich wieder seinem Spiegelbild zu. Das Lächeln schlich sich automatisch auf seine Lippen. Nun ging er mit dem Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand in die Dose, entnahm etwas Gel und stoppte.
„Hey, Nicklas!“ Adam drehte seinen Kopf leicht nach rechts und sah zu Boden, wo Nicklas gerade den Rasierer und den Müll vom Haare färben zusammensammelte.
„Mh?“ Er schaute kurz nach oben, wand sich dann wieder Richtung Müll zu.
„Guck mal in meinem Rucksack,“, Adam pausierte kurz, damit sich Nicklas die Hände waschen konnte, „erste Tasche rechts. Da sollte 'n Bild drin sein.“
Sein Kumpel griff in die Tasche und holte ein kleines, zerknittertes Bild heraus.
„Gib mal her, ich brauch das als Vorlage.“
Nicklas inspizierte das Bild, nachdem er es, ohne Erfolg, versuchte zu glätten.
„Ist das Farin dings-“ „Ja, Farin Urlaub, jetzt gib schon her!“ Adam unterbrach ihn leicht genervt, Nicklas verstand sein Interesse für Punkmusik einfach nicht.
Nicklas legte das Bild - jetzt sah er, dass es aus der BRAVO! kam – an den Spiegel, sodass Adam einen guten Blick darauf hatte.
Adam nickte, mit seinem Kinn etwas nach vorne.
Nicklas hat ihm das beigebracht. Bei Jungs und Männern ist das ein ‚Danke‘ oder ‚Hallo‘, und dafür muss er nichts sagen. Einfach nur das Kinn etwas nach vorne, den Kopf etwas mitbewegen.
Adam kannte das Bild so gut, er bräuchte es eigentlich nicht. Trotzdem wollte er nichts falsch machen und die Haare genauso liegen – oder eher stehen- haben wie Farin Urlaub. Die Seiten liegen mehr oder weniger ordentlich, der Rest der rotgefärbten Haare stehen alle ab, gefestigt mit Haargel und Zuckerwasser.
Der Geheimtipp bei Punkfrisuren, das wusste Adam.
Noch einmal schaute er sich die Haare auf dem Bild an, ging dann vorsichtig mit seinen Fingern, die voll mit Gel waren, in seine eigenen so eben frisch rot gefärbten Haare. Sein Spiegelbild lachte erneut zurück.
„Wir müssen dir wohl häufiger die Haare färben. Oder schneiden.“
Nicklas war fast fertig mit Aufräumen. Er ging mit ein paar Trockentüchtern über die Farbklekse, die es irgendwie auf den Boden geschafft hatten, schaute gleichzeitig aber immer wieder hoch zu Adam.
„So gut drauf hab‘ ich dich ja noch nie gesehen.“
„Ich auch nicht.“, dachte sich Adam, der fast fertig war und mit einem leicht angestrengten Gesichtsausdruck nun den Feinschliff machte.
Seine Haare standen leicht rot-leuchtend ab, genauso, wie er es sich schon immer gewünscht hatte.
Fertig.
Er hob das Bild von Farin Urlaub hoch und drückte es an den Spiegel direkt neben seinem Spiegelbild. Er schaute sich an dann wieder zum Bild und wieder zurück.
Nicklas stand nun hinter ihm, er war wohl fertig mit Aufräumen und sauber machen.
Adam drehte sich um und lächelte Nicklas vorsichtig an.
Ein leises „Danke“ bekam er raus, ging dann einen Schritt auf Nicklas zu und legte seine rechte Hand auf seine linke Schulter. Das war Adams Umarmung.
Eine echte Umarmung wäre einfach zu viel, zu viel Körperkontakt, zu viel Spüren. Von sich, von Nicklas, dass Nicklas was wahrnimmt, was da nicht sein sollte.
Adam belies es dabei, nahm seine Hand runter und hob die Hand leicht, wo das Bild von Farin Urlaub lag. Nach einem kurzen Blick darauf nickte er einmal und steckte es wieder zurück in seine Tasche. An den Platz, wo es immer ist. So als Wegbegleiter. Seine Mutter hätte jetzt Glücksbringer gesagt, aber das klang Adam zu kitschig.
Adam ist kein kleines Kind mehr. Nein, er ist jetzt ein Jugendlicher. Und er fühlt sich endlich wohl.
Nicklas war natürlich schon fertig mit Packen, fiel ihm auf, nachdem er seine Tasche geschlossen hatte.
„Hier, die Jacke kannst du haben, meine Eltern haben mir eine neue gekauft.“ Adam schaute auf. Nicklas hielt in der rechten Hand die schwarze Sportjacke mit dem silbernen Streifen längst der Ärmel, die er fast nie getragen hatte. Zögerlich bewegte sich Adams Hand Richtung Nicklas‘, der nochmal nickte mit den unausgesprochenen Worten „Komm nimm sie, sie ist jetzt deine“.
Adam griff sich die Jacke und zog sie über. Schaute dann nach einigen Sekunden in den Spiegel. Und stockte.
Klar, er sah sich und neben ihm stand Nicklas, aber er sah sich. Ein Junge mit rundem Gesicht und leichten Augenringen, rotem Haar, was in alle Richtungen abstand, einer etwas zu großen Jeanshose, dem vorhin verdreckten T-Shirt und darüber die Jacke, die alles darunter einfach verschwinden ließ.
Adam hat sich so noch nie gesehen. Nicht, weil er sich es nie vorgestellt hat, sondern, weil er nicht wusste, dass das möglich war. Dass das hier gerade real war.
„Wollen wir?“
Adams Gedanken wurden unterbrochen. Nickend nahm er seinen Rucksack, schulterte ihn und folgte Nicklas nach draußen auf den Schulhof.
„Danke, nochmal.“ Diese Worte verließen Adam sicherer. Nicklas schaute mit einem Schmunzeln zu ihm rüber. „Kein Problem, Kumpel.“
Automatisch musste Adam lächeln.
Nicklas nahm ihn einfach so an, so verrückt wie er war.
Adam atmete aus, tief. Er fühlte sich irgendwie leichter.
So liefen die zwei den Schulhof Schulter an Schulter runter. Mit einem „Bis morgen“ trennten sich nach ein paar Kilometern die Wege der zwei Jungs.
Nur noch morgen, dann war Freitag. Und dann Wochenende, was er hoffentlich wieder mit Nicklas verbringen konnte.
Kumpel. Er ist ein Freund.
Ist er denn auch ein Sohn?
