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Ende und Anfang
Leo blinzelt, als er auf die erste Stufe tritt, die hoch zum Spielfeld führt. Ein Sonnenstrahl fällt nach unten und blendet ihn. Er hört das Stimmengewirr, das von den Rängen nach heruntergetragen wird, und die Musik, die aus den Lautsprechern des Stadions dröhnt. Er merkt, wie sich in seinem Hals ein Knoten zu bilden beginnt.
"Hey" erklingt es leise hinter ihm – sanft.
Leo schluckt und seine Knie werden weich, als Adams Hand sich auf seine Schulter legt.
"Hey", erwidert er tonlos.
"Bist du okay?", will Adam wissen, während er noch näher an ihn herantritt.
"Glaub schon", murmelt Leo.
Heute ist es also soweit.
Nach mehr als zwanzig Jahren wird er heute zum letzten Mal für Saarbrücken Blau Schwarz auflaufen. Wird Abschied nehmen von dem Verein, der für ihn von Kindesbeinen an wie eine zweite Familie gewesen ist. Er wird ein letztes Mal über den Rasen laufen, der in den vergangenen Jahren mehr als einmal eine Pressemeldung wert gewesen ist. Es wird das letzte Mal sein, dass er nach dem Spiel in die Ostkurve geht, um mit den Fans zu feiern.
Adams Arm legt sich um seinen Brustkorb und Leo fühlt sich nach hinten gezogen. Sein Rücken prallt gegen Adams Oberkörper. Er schaudert, als Adam Nase sich gegen seine Halsbeuge presst.
"Ich bin da", flüstert er.
Leo nickt und beißt sich von innen auf die Wange um nicht schon jetzt in Tränen auszubrechen.
"Will be amazing" schallt es mit einem Mal laut durch den Spielertunnel.
Leo seufzt und ihn fröstelt, als Adam sich aus ihrer Umarmung löst.
Nun tauchen neben ihnen zwei ihrer Teamkollegen auf – Clemens Lausch, der vor drei Jahren aus der zweiten Mannschaft zu den Profis aufgestiegen ist und Rasa Huiblot, der heute seine zweite Saison in Saarbrücken beendet.
Leo lächelt und nickt den beiden zu – für Rasa wird es heute die erste Meisterschaft, die er feiern darf – mit Saarbrücken Blau-Schwarz und in seiner bisherigen Karriere als Fußballprofi.
"He's right. The first one is always special", meint Leo und nickt Rasa zu.
Rasa lächelt verhalten, während er mit Clemens zusammen die Treppen zum Spielfeld hochsteigt.
"Ich fand die zweite Meisterschaft ja schöner", raunt Adam, der nun wieder hinter ihn getreten ist und ihn abermals umarmt.
Leo schluckt, schließt die Augen und lässt seinen Kopf nach hinten kippen, so, dass er Adams Steißbein berührt.
"Stimmt. Aber das ist nichts, das die anderen etwas angeht", sagt er leise.
Adam gibt nur ein zustimmendes Brummen von sich.
Für einen kurzen Moment glaubt Leo die Berührung von Adams Lippen an der Schläfe zu spüren, ehe der andere Mann sich wieder von ihm löst.
"Lass uns raus gehen", schlägt Adam vor und stupst ihm den Ellenbogen in die Seite.
Leo nickt und holt tief Luft.
Gemeinsam mit Adam steigt er die Stufen nach oben und tritt hinaus in das Rund des Ludwigsparks – es ist noch gut eine Stunde, bis zum Anpfiff dieses letzten Spieltags der aktuellen Saison – und lässt seinen Blick schweifen.
Ein Großteil der Plätze ist bereits belegt, vor allem in der Ostkurve – dem Bereich der supportenden Fans – drängen sich die Leute dicht zusammen.
Leo schluckt, als er bemerkt, dass nicht nur das Fangnetz fehlt, sondern auch das blau-schwarze Banner mit dem Schriftzug Virage Est Saarbrücken umgeklappt wurde.
Natürlich hat er damit gerechnet, dass die aktive Fanszene eine Choreografie zu seinem Abschied organisiert, trotzdem beginnt es in seinem Magen zu kribbeln, als er es nun direkt vor Augen hat.
"Steh hier nicht so faul rum, fang lieber an zu laufen", neckt Adam, während er eher gemächlich an ihm vorbeitrabt.
Leo lacht und schließt mühelos zu ihm auf. "Sagt ja gerade der Richtige", erwidert er.
Adam dreht den Kopf in seine Richtung und hebt eine Augenbraue "Hab nicht die geringste Ahnung, was du meinst."
"Als ob", schnaubt Leo amüsiert und erhöht sein Tempo.
Sie drehen ihre übliche Runde, weg vom Spielertunnel in Richtung des Gästeblocks, weiter in Richtung der Gegengerade.
Wie immer hebt Leo den Kopf, je näher sie der Fankurve kommen. Die ersten blau-schwarzen Fahnen flattern bereits im sanften Wind, der diesen viel zu warmen Frühlingstag erträglicher macht.
Leo hat den allergrößten Respekt vor jeder einzelnen Person, die im Fanblock der Ostkurve steht. Es beeindruckt ihn immer wieder, wie viel Leidenschaft diese Menschen für den Verein haben. Wie viel sie bereit sind dafür zu tun – nicht nur Geld – vor allem Lebenszeit und Herzblut.
'Hölzer, Hölzer' erklingt es, kaum, dass er die Ostkurve erreicht hat.
Es ist nichts Neues, dass die Fans seinen Namen rufen, das passiert bei jedem Spiel – aber Leo kann sich nicht erinnern, dass es jemals so laut geklungen hat.
Er lächelt, hebt die Hand und winkt, während er an der Kurve vorbeiläuft.
Auch der Rest des Stadions stimmt nun in die Rufe ein. An verschiedenen Stellen werden Fahnen geschwenkt – keine die selbst bemalt sind, sondern welche, die es offiziell zu kaufen gibt – und Pappschilder in die Höhe gereckt.
Worte des Danks und der Verabschiedung, vereinzelt der Wunsch sein Trikot zu bekommen.
Leo atmet zitternd aus – wenn das so weiter geht, heult er wirklich noch bevor das Spiel angepfiffen wird.
***
Leo schluckt und krallt die Finger in die Ärmel seiner Jacke. Sieht vor sich Adam, der im eher gemächlichen Sprint die Stufen zum Spielfeld erklimmt. Am Treppenabsatz hält er kurz inne und wirft einen Blick über die Schulter. Nickt in Leos Richtung. Vermutlich zwinkert er ihm auch zu, aber durch das Sonnenlicht kann Leo von ihm nicht mehr erkennen als eine schemenhafte Gestalt.
Es ist nicht neu, dass er das Spielfeld zuletzt betritt. Trotzdem fühlt es sich heute anders an – endgültiger.
"Und nun begrüßt mit mir, ein letztes Mal, den einzigartigen Leo Hölzer"
Auch nach mehreren Jahren fühlt es sich für ihn seltsam an, wenn der Stadionsprecher Stefan Deininger ihn als einzigartig bezeichnet.
Er ist nicht einzigartig oder besonders. Er spielt einfach nur Fußball und hatte das Glück, dass sein Talent früh gefördert worden ist.
Schon als er die Stufen emporsteigt, hört er den Jubel und die Namensrufe. Sie sind so laut, dass sie in seinen Ohren widerhallen und sein Herz stolpern lassen.
Er betritt den Spielfeldrand und verharrt für einen kurzen Moment. Lässt seinen Blick über die Tribünen und Ränge schweifen. Der Anblick der Ostkurve schnürt ihm die Kehle zu.
Vom Dach spannt sich ein großes Banner. Schwarze Schrift auf blauem Grund, die Buchstaben mit sattem Gelb umrandet - Für immer ein Kind dieser Stadt.
Vor den Block, da, wo normalerweise das Fangnetz Bälle davon abhalten soll in der Menschenmenge zu landen ist ein meterhohes Transparent angebracht – sein Name in Großbuchstaben, dieses Mal ist die Schrift blau, die Umrandung schwarz. Zwischen den Buchstaben immer wieder er selbst. Mal als kleiner Junge in einem alten Trikot oder von hinten, die Arme emporgereckt die Nummer 22 – die er seit jeher er getragen hat – auf dem Rücken. Es sind Stationen seiner Zeit im Verein, Meilensteine seiner Karriere – der Sieg im DfB-Pokal und das Tor zum Klassenerhalt vor einigen Jahren – die die Fans hier in mühevoller Handarbeit auf Folie verewigt haben. Der Fanblock selbst ist verschwunden unter unzähligen Folienstücken – blau, schwarz und gelb, bilden sie ein Streifenmuster in den Vereinsfarben.
Es muss Tage gedauert haben, diese Choreografie vorzubereiten.
Leo schluckt und wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. Es berührt ihn, dass man für ihn diesen Aufwand betreibt.
"Leo, komm mal zu uns."
Die Stimme des Stadionsprechers reißt ihn aus seiner Gefühlsduselei.
Leo schluckt und geht in Richtung des Spielfeldrandes. Neben Stefan Deininger stehen dort auch der Vereinspräsident Max Palu und der Sportdirektor Franz Kappl.
Leo müht sich ein Lächeln ab, während er zu Palu und Kappl tritt. Nickt vage, als man ihm zu seinen Erfolgen gratuliert und betont, wie froh man ist, dass er all die Jahre in Saarbrücken geblieben ist.
Als Palu erwähnt, dass man es bedauert, dass Leo nun geht, erklingen – vor allem aus der Ostkurve – Pfiffe und Buhrufe.
Für einen Sekundenbruchteil entgleisen Palu die Gesichtszüge, dann schnalzt er abschätzig mit der Zunge und zaubert das professionelle Lächeln zurück auf sein Gesicht.
Auch Leo ringt sich ein Lächeln ab, als er den obligatorischen Blumenstrauß und das Abschiedsgeschenk – ein Modell des Ludwigsparks – entgegennimmt.
Die Umarmung, in die Palu ihn plötzlich zieht, sorgt abermals für Pfiffe.
Obwohl Leo die Anhänge des Vereins verstehen kann, macht er eine beschwichtigende Geste in Richtung der Ostkurve.
Er kann den Unmut und die Enttäuschung nachempfinden, schließlich geht es ihm nicht anders. Er wäre gerne noch ein Jahr geblieben und hätte sich weiter in den Dienst seines Teams gestellt. Aber Palu und auch Kappl haben ihm recht deutlich zu verstehen gegeben, dass man nicht mehr mit ihm plant.
Erneut müht er sich ein Lächeln ab, als er von Präsident und Sportdirektor für Pressebilder in die Mitte genommen wird. Weicht jedoch Kappls Schulterklopfer aus und bedenkt beide Männer mit einem finsteren Blick, ehe er sich auf den Weg zu seinen Teamkollegen macht, die sich bereits zur Mannschaftsvorstellung positioniert haben.
***
Das Spiel verläuft unspektakulär. Keins der beiden Teams, die sich hier heute gegenüberstehen, ist noch auf die drei Punkte angewiesen. Die Gastmannschaft rangiert im oberen Bereich des Mittelfeldes, während Saarbrücken bereits vor zwei Wochen die Meisterschaft und damit den Aufstieg in die zweite Liga klar gemacht hat.
Die Stimmung ist ausgelassen, auf den Rängen, wie auf dem Platz und es dauert nicht lange, bis Leo klar wird, dass seine Teamkollegen ihm um jeden Preis zu einem letzten Tor verhelfen wollen.
Manuel Siebert – einer der Jungspieler aus der zweiten Mannschaft – passt den Ball ihm immer wieder zu ihm. Auch Aytac Celik – für diese Saison verliehen aus Köln – spielt ihm immer wieder den Ball zu, selbst, wenn er dafür Umwege in Kauf nehmen muss.
Leo lacht und schüttelt den Kopf – es geht ihm wirklich ans Herz, wie seine Teamkollegen sich gerade verhalten. Zeigt es ihm doch noch mal, wie eng dieses Team zusammensteht.
Am Ende ist es Adam, der das Tor macht – ein wahrer Zuckertreffer, volley ins Netz, unhaltbar für den Keeper.
Adam ist mit drei langen Schritten bei Leo, der diesen Treffer vorbereitet hat. Kopfschüttelnd sieht der blonde Mann ihn an und breitet die Arme aus.
"Blödmann, warum hast du den denn nicht selbst gemacht?", fragt Adam, während er Leo umarmt.
Leo lacht und springt Adam in die Arme, schlingt beide Beine um seine Hüfte. "Weil ich es schöner finde, wenn du die Tore machst", raunt er, während er sein Gesicht an Adams Hals presst.
Die Haut ist schweißnass, riecht erdig und nach Gras.
Leo klammert sich ein wenig länger an Adam fest, als es normalerweise für einen Torjubel üblich ist.
'Das hier ist aber nicht normalerweise', denkt er, während er sich irgendwann widerwillig von Adam löst und die Füße zurück auf den Rasen setzt.
Mit ziemlicher Sicherheit war das die letzte Umarmung, die er mit Adam auf einem Fußballplatz geteilt hat.
Leo schluckt. Der Gedanke, dass er nach heute nie mehr neben Adam in der Kabine sitzen oder gemeinsam mit ihm auf dem Platz stehen wird, tut weh.
Sie haben damals gemeinsam hier angefangen. Sind als fünfjährige Knirpse hinter dem Ball her gestolpert und die Jugendabteilungen gemeinsam durchlaufen.
Eine Zeitlang haben sie sich aus den Augen verloren, als Adam das lukrative Angebot aus Berlin angenommen hat – erst nach seiner Rückkehr und einem klärenden Gespräch, hat Leo begriffen, dass es Adams Vater war, der Adam zu diesem Wechsel gedrängt hat.
Wäre Roland Schürk nicht vor zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, wäre Adam wohl nie nach Saarbrücken zurückgekehrt. Der alte Schürk hätte vermutlich immer weiter versucht, seine eigene missglückte Karriere durch seinen Sohn nachzuholen. Hätte Adam von einem Verein zum nächsten geschickt. Immer auf der Suche nach mehr Erfolg und Titeln.
"Nicht träumen", raunt Adam, während er ihm im Vorbeigehen den Hintern tätschelt.
Kopfschüttelnd schließt Leo zu ihm auf und steigt wieder in das Spielgeschehen ein.
Im Gegensatz zu ihm, hat man Adam einen neuen Vertrag angeboten – eine weitere Saison, mit Aussicht auf Verlängerung – obwohl sie gleich alt sind.
Leo kann es verstehen – im Mittelfeld ist das Team wesentlich besser aufgestellt, als in der Abwehr. Adam wird noch gebraucht. Für seine Position dagegen stehen bereits mehrere junge Spieler in den Startlöchern, die nur darauf warten, ihr Können unter Beweis zu stellen.
Leo denkt zurück an das Gespräch, dass Adam und er vor einigen Wochen geführt haben. Eng aneinander gekuschelt auf dem Loungesofa ihrer Dachterrasse. Eingewickelt in eine flauschige Wolldecke. Das Stimmengewirr des St. Johanner Markts unter ihnen als dumpfe Geräuschkulisse im Hintergrund.
Auch jetzt spürt er ein Kribbeln im Bauch, wenn er sich daran erinnert, dass Adam ihm angeboten hat, ebenfalls aufzuhören, oder eine Vertragsverlängerung für Leo zu fordern, wenn er selbst einen neuen Kontrakt unterschreiben soll.
Leo hat gelacht, und seine Fingerspitzen über die filigrane Schlange auf Adams Brustkorb wandern lassen. Hat den Kopf geschüttelt und das Angebot abgelehnt. Er will keine Almosen oder sich aufdrängen.
Er wäre gern noch ein weiteres Jahr im Saarbrücker Trikot aufgelaufen. Ist sich sicher, dass seine Erfahrung der Mannschaft hätte helfen können – vor allem jetzt, direkt nach dem Aufstieg. Ein Platz auf der Bank und ein paar Einsatzminuten hätten Leo vollkommen gereicht.
Die Stimme des Stadionsprechers, der seine Auswechslung ankündigt, reißt Leo aus seinen Gedanken.
Auf den Rängen brandet Applaus auf, immer wieder schreien die Leute seinen Namen – es scheint, als ob die 'Hölzer, Hölzer'-Rufe gar kein Ende mehr nehmen wollen.
Leo verharrt auf dem Platz, lässt den Blick schweifen und hebt die Hände über den Kopf und ebenfalls zu applaudieren. Um allen Zuschauern ein wenig Dank zurück zugeben. Dafür, dass sie heute hier sind. Dafür, dass sie ihn feiern und hinter ihm stehen. Für ihren Support über all die Jahre.
***
Wieder steht Leo im Spielertunnel. Wieder wird er der Letzte sein, der das Spielfeld betritt.
Die Partie ist ohne weitere Ereignisse zu Ende gegangen. Zu Adams Treffer ist kein weiterer dazu gekommen.
Als Deininger ihn ankündigt, sprintet er abermals die Stufen nach oben und betritt nun wirklich zum allerletzten Mal als Spieler den heiligen Rasen des Ludwigsparkstadions.
Die Mitarbeiter des Vereins und seine Teamkameraden bilden ein menschliches Spalier, durch das er nun schreitet. Er klatscht mit den Ballkindern ab, die sich ebenfalls aufgereiht haben und ist schließlich der Erste, der das Podest betritt, das in aller Eile auf dem Spielfeld errichtet worden ist.
Das Stadion tobt. Die Rufe seines Namens hallen wieder, überlappen sich und scheinen kein Ende nehmen zu wollen.
Nach und nach betreten nun auch die anderen Spieler – ebenso das Trainerteam – die Plattform. Adam, als Vizekapitän steht an Leos Seite. Wie immer so dicht, dass ihre Handrücken sich berühren.
Leo lächelt, als Adams Finger zaghaft gegen seine stoßen. Am liebsten würde er ihre Hände miteinander verhaken. Aber, auch wenn einige im Verein Bescheid wissen, so ist ihre Beziehung immer noch ein Geheimnis und bevor nicht auch Adam seine Karriere beendet hat, steht ein Outing außer Frage.
Selbst, wenn in der Presse immer wieder behauptet wird, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt hat und an verschiedenen Stellen immer wieder betont wird, dass ein homosexueller Spieler überhaupt kein Problem ist, Leo weiß nur zu gut, dass die Realität anders aussieht.
Wenn es nicht die eigenen Fans sein sollten – Saarbrücken hat einen queeren Fanclub, der bei jedem Spiel mit der Regenbogenflagge im Block vertreten ist – so sind da immer noch die Fans der gegnerischen Mannschaft, oder auch die ewig gestrigen unter den eigenen Anhängern, die nie eine andere, als die heterosexuelle Orientierung akzeptieren werden.
Auch, wenn Leo es hasst, Adam, sich selbst und ihre Liebe seit Jahren verheimlichen zu müssen, so weiß er, dass er keine andere Wahl hat.
Ja, Fußball ist alles, auch schwul Aber eben nur in der Theorie.
Sie werden sich outen. Dann, wenn auch Adam seine Karriere beendet hat.
Leo freut sich schon heute darauf, keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, wenn er mit Adam in der Stadt unterwegs ist. Sehnt den Tag herbei, an dem er mit Adam Hand in Hand an der Saar entlang gehen kann und ihn küssen, wann immer ihm danach ist.
Er hätte es gern einmal auf dem Spielfeld getan. So wie heute, nach einem Tor, oder damals, als sie vor drei Jahren in letzter Sekunde den Klassenerhalt geschafft haben. Aber es ist müßig sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Zwar wird Fußball immer Teil seines – ihres – Lebens sein, aber ab morgen ist er nur noch ein Zaungast. Zumindest in Leos Leben.
Hinter sich hört Leo aufgeregtes Gemurmel, unterdrücktes Gekicher und leises Raunen.
Für einen Großteil der Spieler ist es die erste Meisterschaft. Nur er selbst, Adam und Rainer, ihr Torwart waren schon im Team, als sie 2016 – ebenfalls als Meister – in die zweite Liga aufgestiegen sind.
Zwar haben sie es 2020 erneut von der dritten in die zweite Liga geschafft. Allerdings nur über die Relegation – und bis heute werden einige Entscheidungen des Schiedsrichters in Frage gestellt – aber bereits nach einer Saison sind sie wieder abgestiegen.
Leo hofft, dass die Mannschaft es dieses Mal länger schafft, sich in der zweithöchsten Spielklasse zu halten.
Als nun der DfB-Präsident das Podium betritt, erklingen aus Richtung der Ostkurve abermals Pfiffe. Begleitet von lauten 'Fußball-Mafia DfB'- Rufen.
Leo unterdrückt ein Schmunzeln und senkt den Blick. Er kann die Anhänger des Vereins nur zu gut verstehen. Die rote Karte gegen Adam im Pokalhalbfinale war nicht gerechtfertigt und Leo ist sich sicher, dass sie das Spiel gegen Stuttgart gewonnen hätten, wenn sie bis zum Schluss vollzählig auf dem Platz gestanden hätten.
Leos Hände zittern ein wenig, als er nun die Trophäe entgegennimmt – drei versetzt ineinander gelegte versilberte Halbschalen, stufenförmig angeordnet, die größte davon mit dem Logo der Liga – aus grünem Plexiglas gefertigt – versehen.
Hinter ihm geht erklingt das Raunen seiner Teamkollegen und Leo stellt sich seitlich und nimmt den Pokal fest in beide Hände.
Im selben Augenblick da er die Trophäe in die Höhe reißt, ertönt nicht nur der laute Jubel der Mannschaft und des ganzen Stadions, es ergießt sich auch ein Flitterregen aus blauen, schwarzen und goldenen Papierschnipseln auf das Team. Auch die Stadionhymne dröhnt aus den Lautsprechern. Überall wird gejubelt und geschrien. Vereinzelt mischt sich auch jetzt unter die Saarbrücken-Rufe sein Name.
Blitzlichter zucken und Kameras sind auf sie gerichtet, während nach und nach erst jeder Spieler, dann der Trainer und am Ende die Führungsriege den Pokal in die Höhe schwingt.
Leo lässt sich umarmen und beglückwünschen. Verteilt selbst unzählige Schulterklopfer und Gratulationen und kann nicht abschätzen, wie viel Zeit vergangen ist, bis Adam ihm den Pokal wieder in die Hände drückt und ihm zunickt.
Auffordernd sieht Leo ihn an. Hätte nichts dagegen, wenn Adam ihn begleitet.
Aber der lächelt nur und schüttelt den Kopf.
Also macht Leo sich alleine auf den Weg in Richtung der Ostkurve. Nach Adam und seiner Mannschaft sind die Fans die ersten, mit denen Leo feiern will. Sie haben es verdient, dass der Pokal für einen Moment bei ihnen ist – ohne ihren Support hätte das Team es vielleicht nicht geschafft. Das ist Leo bewusst.
Als er vor der Kurve ankommt und den Blick hebt, schauen Bastian Barthel, der Chef der Saarbrücker Ultras und Andreas Schneider, der ebenfalls eine tragende Rolle unter den organisierten Fans hat, ihn bereits breit grinsend an.
Leo streckt sich in die Höhe, lässt sich von Bastian den Pokal abnehmen und greift nach Andys ausgestreckter Hand, um leichter am Zaun hoch zu kommen.
Er zieht beide Männer in eine kurze Umarmung. Ebenso Bastians Schwester Alina, die als Trommlerin seit Jahren bei jedem Spiel dabei ist.
Bastian drückt ihm den Pokal wieder in die Hand und Leo wendet sich der Kurve zu. Er entdeckt einige bekannte Gesichter in der wogenden Menge. Als Jugendlicher stand er selbst einige Jahre in der Ostkurve und durch zahlreiche Fanprojekte, hat er immer wieder Kontakt zu den Anhängern des Vereins bekommen.
"Da ist das Ding!", schreit er und reckt unter dem tosenden Applaus der Fankurve den Pokal empor.
Im Vorfeld hat Leo sich genau überlegt, was er sagen wird. Aber nun, da er tatsächlich auf dem Podest steht, ist sein Kopf wie leergefegt und er froh, dass weder Mikrofon noch Kamera auf ihn gerichtet ist, und sein Gestammel nicht für alle Zeit festhalten wird.
Er bedankt sich, für den Support und die Treue, verspricht dabei zu bleiben und weiter zu unterstützen, wo immer es ihm möglich ist und lässt es sich nicht nehmen eines der Lieder aus der Kurve anzustimmen, als Bastian ihn dazu auffordert.
Um ihn geschehen ist es, als Andy ihm nicht nur ein T-Shirt, sondern auch einen Schal überreicht. Beides schlicht gehalten – Blau und Schwarz – in den Farben des Vereins und mit einer alten Fassung des Vereinswappens versehen. Kleidung, die eigentlich den Leuten aus der Szene vorbehalten ist – Leo, weiß genau, welche Bedeutung es hat, so etwas überreicht zu bekommen.
Er zögert keine Sekunde das T-Shirt überzuziehen und sich den Schal um den Hals zu legen.
Als er den Block wieder verlässt, verweigert ihm Bastian zunächst grinsend die Herausgabe des Pokals und Leo kann nicht anders, als lauthals darüber zu lachen.
Als er sich umdreht, um zurück zu den anderen zu gehen, kommt Adam ihm entgegen. Er umarmt ihn, lässt danach seinen Arm auf Leos Schulter ruhen, stellt sich ganz dicht neben ihn und Leo gibt ihnen einen Moment, in dem sie einfach nebeneinander stehen und den Blick auf die Ostkurve gerichtet haben.
***
Über dem Ludwigspark ist die Dämmerung hereingebrochen und es ist merklich kühler geworden. Trotzdem verspürt Leo nicht die geringste Lust sich in absehbarer Zeit zu bewegen.
Er liegt im Mittelkreis des Spielfeldes, mit Adam an seiner Seite. So dicht neben ihm, dass ihre Körper sich berühren.
"Ich glaub, der Rasen ist hinüber, mal wieder", kichert Adam neben ihm.
Leo schnaubt und pufft ihm ein wenig unkoordiniert den Ellenbogen in die Seite. Obwohl er kaum mehr als ein Glas Urpils getrunken hat, fühlt er sich beschwipst und ein wenig wattig im Kopf.
Vermutlich hat Adam Recht.
Als sie aus der Ostkurve zurückgekommen sind, hat sich bereits eine Vielzahl Menschen auf dem Spielfeld getummelt. Vereinsangehörige, Familien und Freunde der Spieler – darunter auch seine Schwester Caro mit den Zwillingen Max und Mia. Seine Eltern hat Leo auf der Tribüne entdeckt, von wo aus sie ihm lächelnd zugewunken haben – später hat eine nicht zu geringe Anzahl von Fans es geschafft den Platz zu stürmen.
Leo hat kaum Zeit gehabt, seine Schwester zu umarmen, da hat man ihn auch schon vor ein Mikrofon gezerrt. Irgendwann hat er das Gespür dafür verloren, wie viele Interviews er gegeben hat – vermutlich wird jedes noch so kleine Magazin einen Artikel über ihn und sein Karriereende veröffentlichen.
"Wir müssen uns auf der Feier blicken lassen, oder?"
Leo merkt, dass Adam sich neben ihm zu bewegen beginnt.
Blinzelnd öffnet er die Augen. Tatsächlich hat Adam sich auf die Seite gerollt, den Ellenbogen aufgestellt und das Kinn in die rechte Hand gestützt.
"Definitiv", antwortet Leo und richtet sich auf, um Adams Position zu spiegeln.
Sie sind sogar schon reichlich spät. Ein Großteil der Mannschaft hat das Stadiongelände bereits verlassen. Die Ränge haben sich geleert und auf der Gegengerade hat der Putztrupp bereits seine Arbeit aufgenommen.
"Hmpf", macht Adam und verzieht den Mundwinkel.
Leo lacht leise und nimmt mit den Fingerspitzen einen goldenen Flitterschnipsel auf, der sich zwischen zwei Grashalmen verfangen hat.
"Wir hauen ab, sobald es möglich ist!", verspricht er.
Nicht, dass Leo die geringste Lust auf diese Feier verspürt.
Er ist nie ein Fan solcher offiziellen Veranstaltungen gewesen. Aber als Mannschaftskapitän hat er keine Wahl – immerhin hat er eine separate Feier zu seinem Abschied ablehnen können. Wenn er seinen Abschied feiert, dann will er das so machen, wie es ihm gefällt – und nur die Menschen dabeihaben, die ihm etwas bedeuten.
"Ich erinnere dich dran. Spätestens nach einer Stunde", droht Adam.
Leo lacht und streckt eine Hand aus, um Adam durch die Haare zu streichen. Am liebsten würde er ihn jetzt küssen und der Glanz in Adams Augen verrät ihm, dass es dem anderen Mann genauso geht.
"Danke", flüstert er, während er die Hand zurückzieht und die Finger auf den Rasen presst.
Adam sieht ihn irritiert an.
"Für alles", meint Leo und tastet sich mit der Hand nach vorn, so, dass er seine Finger zwischen Adams schieben kann.
Adam will widersprechen, aber Leo hält ihm mit einem bestimmten Kopfschütteln davon ab.
"Ohne dich, hätte ich das nicht geschafft", erklärt er.
Bis auf die wenigen Jahre, die Adam in Berlin verbracht hat, sind sie immer Seite an Seite gegangen – abgesehen von dem einen Jahr, das es gebraucht hat, um wieder Vertrauen aufzubauen.
Noch heute kommen Leo die Tränen, wenn er daran denkt, wie sie sich zum ersten Mal geküsst haben – es war ebenfalls eine Nacht im Mai und der Verein – vermutlich die ganze Stadt – hat die Meisterschaft gefeiert. Leo aber, wird dieser 14. Mai 2016 immer als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem aus Adam und ihm endlich ein Paar geworden ist.
"Ich ohne dich genauso wenig", flüstert Adam und lehnt sich ihm so weit entgegen, dass sie die Stirnen aneinander lehnen können.
Leo seufzt und kämpft abermals gegen den Wunsch Adam zu küssen.
Dafür ist später Zeit. Wenn sie es geschafft haben, sich von den Feierlichkeiten zu schleichen – zu denen sie jetzt wirklich aufbrechen sollten. Geduscht haben sie auch noch nicht – und Zuhause in ihrer Wohnung angekommen sind.
Er begegnet Adams Blick. Bekommt Herzrasen, als er sieht, wie sich dessen Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben zupft – wahrscheinlich weiß er genau was gerade in Leo vorgeht.
Sie werden es irgendwann tun können – sich in aller Öffentlichkeit küssen und Leo freut sich schon heute darauf.
