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Leo merkt es, weil Leo einfach alles merkt. Vincent durchflutet es heiß, aber er schafft es, zu schlucken, den Bissen größtenteils unzerkaut, Hauptsache runter.
Bei genauerem Hinsehen sieht er auch, dass sich da lauter kleine Orangenscheiben verstecken in diesem Wintersalat. Dünn geschnitten, keine weißen Fäden, trotzdem. Er ertappt sich dabei, wie er sucht und die Scheiben zur Seite sortiert. Lässt dann die Gabel sinken, weil das hier ein Restaurant ist, da benimmt man sich und stochert nicht im Essen.
Man klaut sich auch nicht das Essen von anderen Tellern, aber genau das macht Leo jetzt, spießt sich Vincents Orangen auf die Gabel, lässt Vincent nicht aus den Augen und lächelt.
Lächelt ein ganz normales Leo-Lächeln, entspannt, nicht belustigt, nicht mitleidig, nicht “Mit dir kann man aber auch nirgends hingehen”.
Der Abend wird noch wunderschön.
***
Vincent hat diesen Mantel gesehen. Klassisch schwarz, aber ungewöhnlich geschnitten, ein bisschen kastig, genau die richtige Länge und genau die richtige Art zu fallen, wenn man sich bewegt.
“Aber andererseits, die eine Hose neulich, aus der hab ich das Blut von dem Verdächtigen nicht wieder rausgekriegt, das wäre bei so einem Mantel…”
Adams Stimme dumpf aus dem Hintergrund durch den Hörer unterbricht ihn: “Leo, ich esse gleich alleine!”
“Du hörst es”, Leos Stimme ist weich. “Ich meld’ mich nachher nochmal.”
Er legt auf und es ist ein bisschen wie eine kalte Dusche für Vincent. Leo hat natürlich kein Interesse, dass Vincent ihm ewig und drei Tage von einem Mantel erzählt. Niemand hat das, Vincent weiß es eigentlich.
Leo ruft eine Stunde später wieder an, Leo hält sein Wort. Und Vincent will jetzt fragen, wie Leos Tag war, was sie zu essen hatten, keinen Monolog halten, sondern Leo zu Wort kommen lassen, da spricht Leo schon.
“Also sag mal, mit dem Mantel. So häufig wirst du ja wohl auch nicht vollgeblutet, oder?”
***
“Du musst nicht!”, will Vincent sagen. Es gibt diese Tage, da lässt Adam die Pronomen fast automatisch weg, Vincent hat nie gefragt, woher er es weiß, aber es stimmt eigentlich immer.
Leo macht dann mit, aufmerksam wie er ist, aber Leo will es auch auf jeden Fall richtig machen und stresst sich, Vincent sieht es.
Und Leo soll sich nicht stressen, nicht wegen Vincent. Nicht wegen einer Sache, an die Vincent gewöhnt ist. Vincent kann das aushalten. Kann unkompliziert sein, und nicht so selbstbezogen.
“Doch”, sagt Leo irgendwann sehr ernst, nachdem er sich selber zwei mal korrigiert hat und Vincent nur abwinken wollte. “Das ist wichtig!”
***
Der Rock ist ziemlich kurz, die Bluse durchsichtig, der Blazer samtig und die Schuhe schillern in allen Regenbogenfarben. Vincent dreht sich, vor und zurück, vorm Spiegel.
Sie haben nicht mehr lang, bis sie Adam im Kino treffen. Und doch, der Blazer hängt Vincent schon halb ausgezogen am rechten Arm, als Leo reinkommt, frisch geduscht, frisch umgezogen, in seinen üblichen, gedeckten Farben.
Er legt den Kopf schief, klingt neutral: “Lässt du das nicht an?”
Vincent sieht ihn durch den Spiegel hindurch an. “Nicht zu viel?”
Sie müssten jetzt los, sich auch ein bisschen beeilen, aber Leo tritt neben Vincent, verschränkt ihre Hände und klingt ziemlich feierlich. “Nie zu viel!”
***
Adam liegt angezogen in der leeren Badewanne, eine Schale Chips auf dem Bauch. Im Waschbecken weicht Vincents Handwäsche ein, die empfindlichen Dinge mit Steinen oder Stickereien. Einige Teile hängen schon zum Trocknen an der Duschstange. Es ist ein bisschen Tradition, dass sie das zusammen machen, ob live oder per Telefon, und manchmal nutzt Adam die Zeit, um sich die Haare zu färben.
“Leo findet das gar nicht schlimm, oder?”
“Hm?” Adam schiebt sich eine ganze Hand Chips in den Mund, kaut geräuschvoll. “Was nich’ schlimm?”
Vincent ist schon viel genannt worden. Eigen, too much, exzentrisch, dramatisch, weird. Das sind noch die netteren Bezeichnungen, trotzdem wollen sie ihm nicht über die Lippen.
Schon ist der Moment vorbei, weil erst die Wohnungstür ins Schloss fällt und dann Leo in der Tür zum Bad steht, mit roten Wangen von der Kälte draußen.
Und ganz vielleicht, denkt sich Vincent, weiß er die Antwort schon.
Liest sie ab, in dem unglaublich warmen Ausdruck, der sich über Leos Gesicht zieht, als sein Blick über Adam und Vincent schweift.
Spürt sie, in dem Kuss, den Leo ihm in den Nacken haucht.
Fühlt sie, als Leo sich auf den Badewannenrand setzt, Adam eine Handvoll Chips klaut und sie beide anstrahlt, als wäre es eine gute Sache, dass Adam angezogen in der Badewanne liegt und Vincents Klamotten Leos Badezimmer nass tropfen.
