Chapter Text
"Richard... Es geht um Papa. Wir hatten einen Unfall. Mama ist... ich weiß nicht, was mit ihr ist. Keiner sagt mir was. Und Papa... Er erinnert sich an nichts mehr. Ich bin im Krankenhaus. Ich weiß nicht was ich tun soll… Ich…"
"Lilly, ganz langsam. Eins nach dem anderen. Was ist passiert?"
"Wir sind gestern früh zum Flughafen gefahren... Und da war dieser LKW auf unserer Spur und dann hat es geknallt und… Ich weiß nicht was passiert ist. Es ging so schnell. Mama hat nicht mehr reagiert und Papa hat geschrien und ich... Ich war hinten eingeklemmt und... "
Richard hörte wie sie weinte.
"Geht es dir gut Lilly? Hast du dir was getan?"
"Mein Bein ist gebrochen. Ich..." Wieder schluchzte sie. "Ich darf nicht zu Mama. Und Papa kennt mich nicht mehr. Er... Er weiß nicht mehr wer er ist. Bitte komm her..."
"Ich komme sofort."
Er ließ das Telefon sinken und starrte es fassungslos an. Paul...oh Gott…
Auf der Bühne mimte er den toughen, harten Kerl, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Manchmal war er das auch im richtigen Leben, aber ganz bestimmt nicht, als er das Klinikum betrat. In Krankenhäusern hatte er sich schon immer unwohl gefühlt. Der typische Geruch nach Desinfektionsmittel. Die unterschwellige Hektik überall. Das sterile Weiß…
Till war zeitgleich mit ihm eingetroffen. Richard hatte ihn angerufen, weil er wusste, dass er das hier nicht alleine packen würde. Irgendwie hatte er es geschafft, sich ins Auto zu setzen und hierher zu fahren. Wie wusste er nicht.
Alles wirkte wie in Watte gepackt. Was links und rechts von ihm geschah, nahm er kaum wahr.
Till wirkte zumindest nach außen hin gefasster. Er konnte auch in Stresssituationen logisch denken, während Richard einfach nur versuchte sich auf seinen Atem zu konzentrieren, um nicht in Panik auszubrechen.
Till fragte sich durch, bis sie herausfand, auf welcher Station Lilly untergebracht war. Sie war gerade mal 12. Richard konnte sich kaum vorstellen, wie hilflos sie sich gerade fühlen musste. Und so gern er wissen wollte, wie es Paul ging... Die Kleine war gerade wichtiger.
Till sagte irgendetwas zu ihm, aber er nahm es kaum zur Kenntnis. Nickte einfach und folgte ihm die Gänge entlang, bis er vor einer Tür stehen blieb. Richard war derjenige, der klopfte. Er musste sich überwinden, die Tür zu öffnen und reinzugehen. Alles lief irgendwie im Automodus.
"Richard!" Sofort brach Lilly in Tränen aus, als er mit Till im Schlepptau ins Zimmer kam. Sie saß im Bett. Das eingegipste Bein lugte unter der Bettdecke hervor. Ein Arm war bandagiert und er sah Kratzspuren in ihrem Gesicht.
Er ging hinüber, setzte sich zu ihr aufs Bett und drückte sie an sich; versuchte dabei seine eigenen Tränen zurückzuhalten, während sie weinte.
"Ssscht alles gut, Kleines. Ich bin da."
Till setzte sich dazu und streichelte ihr über den Kopf.
Sie bleiben eine Weile so sitzen, bis Lilly sich etwas beruhigt hatte.
"Geht's wieder?"
Sie nickte und wischte sich mit der Hand übers Gesicht.
„Wie geht es dir? Tut dir was weh?“
„Mein Bein manchmal. Und mein Kopf.“
"Hast du Oma und Opa angerufen?"
Wieder nickte sie. "Sie sind noch in Italien im Urlaub. Ich weiß nicht, wann sie kommen können."
"Sie kommen sicher bald“, versuchte Richard sie zu ermutigen. Er war nicht gut in sowas.
„Weißt du wie der Arzt heißt, der dich behandelt hat, Süße?", wollte Till wissen.
Sie schüttelte den Kopf. "Weiß nicht mehr. Ich weiß nicht was mit Mama ist und Papa... Ich durfte nur kurz zu ihm, aber er hat mich nicht erkannt. Er wusste nicht wie ich heiße. Warum erinnert er sich nicht an mich?", wieder war sie kurz davor in Tränen auszubrechen.
"Mach dir keine Sorgen, Lilly. Vielleicht hat er sich am Kopf verletzt. Er erinnert sich sicher bald wieder."
Es klopfte kurz an der Tür, bevor sie direkt aufsprang. Ein Mann mit Halbglatze und weißem Kittel betrat den Raum.
"Hallo zusammen. Ich habe gehört, dass Lilly Besuch hat. Dr. Leihhauser." Er streckte zuerst Till die Hand entgegen, schüttelte dann Richards, während sie sich vorstellten.
"Wie geht es dir Lilly? Hast du Schmerzen?", wandte er sich zunächst an seine Patientin.
Sie schüttelte den Kopf. „Im Moment nicht.“
"Das ist gut. Wenn du etwas brauchst, klingle einfach, okay?“, lächelte er sie aufmunternd an und wandte sich dann Till und Richard zu. „Die Herren, Sie wollen sicher wissen, was passiert ist. Lassen Sie uns doch einen Moment draußen sprechen."
Sie nickten. „Lilly, wir kommen nachher nochmal zu dir, versprochen“, sagte Till, bevor sie aufstanden und dem Arzt aus dem Zimmer folgten.
„Was ist passiert?“, wollte Richard sofort wissen.
„Nicht auf dem Flur. Kommen Sie, wir gehen in mein Büro. Da sind wir ungestört.“
Das Büro war klein und wirkte im Gegensatz zum restlichen Krankenhaus nicht ganz so steril. Die Unordnung auf dem Schreibtisch machte beinahe schon einen gemütlichen Eindruck.
"Entschuldigen Sie bitte das Chaos. Bitte setzen Sie sich. Normalerweise dürfte ich mit Ihnen gar nicht darüber sprechen, weil Sie keine Familienangehörige sind und ich außerdem nur der behandelnde Arzt von Lilly bin und nicht von ihren Eltern. Aber da ich weiß wer Sie sind, mache ich eine Ausnahme. Ich würde Sie nur bitten das nicht an die große Glocke zu hängen."
"Sicher nicht. Was ist passiert?", wollte Till wissen, nachdem er Platzgenommen hatte.
"Mit Sicherheit kann ich es nicht sagen, aber laut der ersten polizeilichen Erkenntnisse kam ein LKW von der Spur ab und fuhr hierdurch frontal auf den Wagen von Herr Landers zu. Er versuchte nach links auf die Gegenfahrbahn auszuweichen. Wäre er nach rechts, hätte der LKW das Auto wohl noch schlimmer erwischt. Genaues weiß ich aber leider nicht. Die Polizei ermittelt noch. Auf jeden Fall krachte der LKW durch dieses Fahrmanöver in die Beifahrerseite. Arielle Tross wurde bei dem Unfall deshalb schwer verletzt. Sie hat etliche Knochenbrüche und Verletzungen an den inneren Organen erlitten. Sie wurde sofort in die Klinik eingeliefert und notoperiert. Die Kollegen mussten sie ins künstliche Koma verlegen. Ihr Zustand ist weiterhin kritisch. Lilly saß hinter ihrer Mutter und wurde durch den Aufprall eingeklemmt. Glücklicherweise ist nicht mehr passiert als ein gebrochenes Bein und ein paar Prellungen. Sie wird das Krankenhaus schon bald verlassen können."
"Was ist mit Paul? ", fragte Richard.
"Herr Landers hat kaum körperliche Verletzungen davongetragen. Einige Prellungen, zwei gebrochene Finger, Ring- und Kleiner Finger an der rechten Hand, ein leichtes Schleudertrauma und eine Platzwunde am Kopf."
"Was ist mit seinem Gedächtnis? Lilly sagt, er kann sich an nichts erinnern. Er weiß noch nicht mal wie er heißt."
"Das stimmt so nicht ganz." Der Arzt zögerte. "Soweit ich informiert bin, kann er sich tatsächlich nicht mehr an den Unfall erinnern. Auch nicht an seine Familie. Nicht an Rammstein... Ihm fehlen etliche Jahre seiner Erinnerung. Er weiß wer er ist. Jedoch denkt er, sein Name sei Heiko Hiersche."
"Was?", japste Richard.
"Wie ist das möglich? Es ist Jahrzehnte her, dass er sich so nannte."
"Die Kollegen haben ein CT und MRT durchgeführt. Sein Gehirn wurde bei dem Unfall nicht in Mitleidenschaft gezogen. Es gibt keine körperlichen Ursachen. Unser Psychologe hat eine Dissoziative Amnesie bei ihm diagnostiziert, mit einer Erinnerungslücke, die sich über mehrere Jahre erstreckt und auch Teile der Persönlichkeit betreffen. Das ist selten, kommt aber insbesondere bei psychisch sehr stark belastenden Stresssituationen vor. Man spricht von einer PTBS, einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Man kennt es von Kriegsgefangenen, Vergewaltigungsopfern und ähnlichem. Bei einem Verkehrsunfall ist dies seltener, vor allem in Kombination mit einer Amnesie. Meistens wird dann auch nur der Unfall und vielleicht einige Stunden davor vergessen und die Erinnerungen kommen meist schneller zurück, als den Patienten lieb ist."
"Aber warum ist bei ihm die Erinnerungslücke so groß? Kommt das irgendwann zurück? Und wann?", hakte Till nach.
"Sie müssen verstehen, in welcher Stresssituation er sich womöglich befand. Frau Tross hat bei dem Unfall die größten Verletzungen davongetragen und, um es laienhaft auszudrücken, sie sah eher tot als lebendig aus. Dass sie diesen Verletzungen nicht schon am Unfallort erlegen ist, grenzt an ein Wunder. Auch jetzt ist sie noch nicht außer Lebensgefahr. Herr Landers hat den Unfall miterlebt. Er hat gesehen, wie sie zugerichtet worden war. Ihre Verletzungen. Das Blut. Die Details erspare ich Ihnen. Vermutlich dachte er, sie sei bereits tot. Unsere Psyche hält viel aus, aber einen geliebten Menschen unter solchen Umständen sterben zu sehen, kann zu viel sein. Die Psyche versucht sich vor der Wahrheit zu schützen. Wie lange dieser Zustand anhält, kann niemand genau sagen. Die Erinnerung kann spontan wiederkommen oder es kann Wochen oder sogar Monate dauern."
"Aber sie ist nicht tot. Wenn er sieht, dass sie lebt..."
"Nein! Hören Sie Herr Lindemann, ich verstehe, dass dies die einzige logische Schlussfolgerung für Sie ist. Aber sie liegt auf der Intensiv, umgeben von Geräten, die sie am Leben erhalten und ihre Vitalwerte ständig überprüfen. Sie hat zahlreiche Verletzungen, die nicht hübsch anzusehen sind. Denken Sie wirklich, dieser Anblick, würde ihm gerade nützen? Was, wenn sie es trotz der Behandlung nicht schafft und in den nächsten Tagen verstirbt?" Er schüttelte den Kopf. „Im Moment können wir es nicht verantworten, ihn zu ihr zu lassen.“
Till schwieg.
"Was... Was kann man dann für ihn tun?“, fragte Richard, der bis jetzt geschwiegen hatte.
"Was für Betroffene meist förderlich ist, ist ein bekanntes Umfeld. Menschen die die Person kennen und behutsam dabei helfen Erinnerungen aufzufrischen. Allerdings ist das in seinem Fall schwierig. Seine Frau ist auf der Intensiv und er wird sich in seinem Zustand auch kaum um seine Tochter kümmern können. Alleine zurück in sein Zuhause ist zu riskant. Nicht nur, weil er vieles nicht mehr erkennen wird. Es kommt nicht selten vor, dass bei Personen, die unter einer PTBS in Kombination mit einer Amnesie leiden, ein höheres Risiko für einen Suizid besteht. Eine Unterbringung in einer Psychiatrie wäre das Beste für ihn."
"In eine Psychiatrie? Sie sagten doch, eine gewohnte Umgebung sei förderlich."
"Wollen Sie sich 24 Stunden am Tag, um ihn kümmern, Herr Kruspe und die Verantwortung übernehmen?"
"Ja!", sagte er ohne zu zögern.
"Richard, denk erstmal drüber nach. Und was ist mit Margaux...", warf Till ein.
"Lass das meine Sorge sein."
"Herr Kruspe... Ich glaube Sie stellen sich das zu einfach vor. Sie haben nicht gesehen, wie... Das Zusammentreffen mit seiner Tochter war bereits äußerst schwierig. Eine enge Begleitung durch einen Therapeuten und Psychologen... "
"Lassen Sie uns zu ihm! Vielleicht erkennt er einen von uns", unterbrach Richard.
Doktor Leihhauser zögerte und nickte dann langsam. "Gut, machen Sie sich selbst ein Bild. Aber sollte er sich zu sehr aufregen, verlassen Sie den Raum ohne Widerspruch. Was er nicht braucht ist weiteren Stress. Und ich muss es zuerst mit dem behandelnden Psychologen besprechen. Wie gesagt ist er nicht mein Patient."
Richard nickte. „Tun Sie das.“
Wenig später folgten sie dem Arzt auf eine andere Station. Er bedeutete ihnen dann kurz zu warten, während er den Psychologen ausfindig machte.
"Denkst du wirklich, dass das eine gute Idee ist, Richard?"
"Keine Ahnung", gab er widerwillig zu. "Aber willst du zulassen, dass er in eine Psychiatrie kommt und mit Medikamenten ruhig gestellt wird?"
"Wenn es ihm hilft. Außerdem glaube ich nicht, dass wir da wirklich ein Mitspracherecht haben."
"Sie können Paul nicht einfach ohne seine Zustimmung einweisen."
"Wenn er eine Gefahr für sich oder andere darstellt schon."
Richard sah weg. Er wusste, dass Till Recht hatte. Vielleicht war es tatsächlich eine dumme Idee, aber er wollte einfach nicht wahrhaben, dass sein bester Freund einfach in so eine Klinik gesteckt wurde, nur weil er sich an nichts mehr erinnerte.
Der Arzt kam mit dem Psychologen zurück, der sich als Prof. Dr. Jelitz vorstellte und sie kritisch beäugte. Auch ohne, dass er viel sagte, war ihnen klar, dass er von der Idee, Paul mit nach Hause zu nehmen, nicht viel hielt.
Doktor Leihhauser verabschiedete sich von ihnen, da er noch zu anderen Patienten musste und so folgten sie nun dem Psychologen, der ihnen vorab einige Anweisungen gab.
"... Halten Sie Abstand. Wenn er nicht mit Ihnen reden will, zwingen Sie ihn nicht. Sprechen Sie nicht mit ihm über den Zustand seiner Frau. Korrigieren Sie ihn nicht mehr als nötig. Versuchen Sie keine Erinnerungen zu erzwingen. Sprechen Sie nicht über den Unfall. Wenn Sie in irgendeiner Art Stress bei ihm auslösen, wird der Besuch umgehend abgebrochen."
"Das ist ja fast wie bei den Zugangsregeln zu unseren Konzerten. Keine Kameras, keine Getränkeflaschen..."
Professor Jelitz blieb stehen und sah Till mit zusammengekniffenen Augen an. "Finden Sie das witzig? Ihr Promistatus interessiert mich nicht. Wenn Sie seinen Zustand verschlimmern, dann werfe ich Sie hier hochkant raus. Mir egal ob Sie Till Lindemann oder der Papst persönlich sind. Hier habe ich das Sagen, verstanden?"
In jeder anderen Situation hätte Richard es wohl lustig gefunden, wenn ein zwei Köpfe kleinerer Typ im Weißkittel, Till versucht Respekt einzulösen, aber so glaubte er ihm aufs Wort, dass Till den Kürzeren ziehen würde.
"Wir machen keine Dummheiten. Versprochen!", schritt Richard ein.
Till verkniff sich zum Glück einen weiteren Kommentar.
"Gut", meinte der Psychologe knapp, klopfte an die Zimmertür und betrat den Raum zuerst.
Paul saß auf dem Bett, mit dem Rücken zu ihnen und sah aus dem Fenster.
"Herr Hiersche, hier ist Besuch für Sie."
Er drehte sich langsam zu ihnen und musterte sie kurz.
"Kenne ich Sie?"
"Es sind Freunde von Ihnen", teilte der Psychologe mit, bevor einer von Ihnen reagieren konnte.
"Lassen Sie sie rein. Und Sie gehen bitte."
„Nein, ich muss darauf bestehen, dass…“
„Gehen Sie! Ich will Sie nicht dabei haben.“
Richard erkannte an der Miene des Doktors, dass ihm das gar nicht passte. „Sie haben 10 Minuten.“ Er ließ sie rein und verließ den Raum widerwillig.
"Ich kann den Kerl nicht leiden", kommentierte Paul trocken. "Also... Dann erzählen Sie mal, inwiefern wir Freunde sein sollen. Ich kenne Sie nicht."
Richard brachte kein Wort raus. Da saß er und sah aus wie ihr Paul, nur eben im Krankenhauskittel, mit zwei geschienten Fingern an der rechten Hand und einem großen Pflaster auf der Stirn. Und trotzdem waren sie sich plötzlich fremd.
"Ich bin Till und das ist Richard. Wir kennen uns seit vielen Jahren und spielen zusammen in der Band Rammstein", erklärte Till.
Paul runzelte die Stirn. "Rammstein? Die Ärzte haben schon was davon geschwafelt. Nie davon gehört. Und ich soll da Mitglied sein?"
"Du bist unser Gitarrist, Paul."
"Heiko", korrigierte Paul. "Setzt euch." Er deutete auf die Stühle und den Tisch in seiner Nähe. "Meinem Nacken gefällt das besser. Die behaupten ich hatte einen Autounfall. Aber ich weiß davon nichts mehr."
Richard und Till setzten sich brav an den Tisch.
Paul... Oder vielmehr Heiko runzelte die Stirn, was mit dem Pflaster seltsam wirkte, während er Richard ansah. "Dich kenne ich irgendwoher..."
"Du erinnerst dich an mich?"
"Bin mir nicht sicher... Hatten wir mal was miteinander?"
Richard konnte Tills fragenden Blick förmlich spüren.
"Ausgerechnet daran erinnerst du dich?" Richard versuchte zu lächeln, aber es misslang ihm.
"Verschwommen."
"War auch genug Alkohol im Spiel."
Er würde Till nachher wohl einiges erklären müssen. Aber immerhin war es ein kleiner Lichtblick, dass seine Erinnerung nicht ganz weg war.
"Mmh", schmunzelte Heiko. "Mit dir aber nicht, oder?", fragte er nun Till.
"Ganz bestimmt nicht", meinte Till.
"Okay 'Freunde'... sagt ihr mir, was hier los ist? Die drucksen alle hier nur komisch rum. Behaupten ich würde Paul Landers heißen, hätte Familie und würde bei Ra… Wie heißt eure Band nochmal? Ach egal. Und dann fragen sie mich dauernd etwas über mein Leben. Heute Morgen war sogar ein Mädchen hier und hat mich mit ‚Papa‘ angeredet… noch nie gesehen das Kind.“
Richard schluckte. Dass Paul seine eigene Tochter vergessen hatte, war hart.
Paul wirkte ruhig, obwohl der Arzt angedeutet hatte, dass Lillys Besuch ihn sehr aufgeregt habe.
"Du hattest tatsächlich einen Unfall und so wie es aussieht, hast du Erinnerungslücken. Ziemlich große sogar. Der kleine Zwuckel wollte uns eigentlich gar nicht hier reinlassen, weil er schiss hat, wir regen dich zu sehr auf“, erklärte Till.
"Der Typ ist die Hölle. Ich kann mich an keinen Unfall erinnern. Ich weiß echt nicht, was das ganze Drama soll."
"Pa... Heiko... woran erinnerst du dich als letztes?"
"Ich..." Er sah aus dem Fenster und schwieg lange. Irgendetwas veränderte sich gerade in seiner Haltung.
"An gar nichts", sagte er dann leise. "Ich weiß wie ich heiße und..." Eine Träne rann stumm über seine Wange. "Ich weiß es nicht. Bruchstücke... Alles ist irgendwie verschwommen. Ich wüsste so gern, was passiert ist." Er sah sie wieder an. "Warum erinnere ich mich an nichts?"
Till wechselte einen Blick mit Richard. Sie mussten vorsichtig sein.
"Das konnten uns die Ärzte auch nicht genau sagen. Wir wissen, dass du uns nicht mehr wiedererkennst, aber das ist okay. Die Erinnerungen werden irgendwann zurückkommen. Es ist wahr, dass du heute Paul Landers heißt. Heiko nennt dich nur noch dein Vater. Und Landers ist der Name von deiner Ex. Ist aber ewig her. Das ist echt nicht schlimm, wenn du den Teil vergessen hast", versuchte Till die Stimmung etwas aufzulockern.
Paul nickte langsam. "Die wollen mich in ne Klapse stecken. Ich hab die Ärzte reden hören, als sie dachten ich schlafe. Ich will das nicht. Ich bin nicht verrückt... Oder?"
"Nein", schüttelte Richard den Kopf. "Bist du nicht."
Wieder sah er sie beide an. "Ich kenne euch nicht... Aber ich hab das Gefühl, ich kann euch vertrauen." Er lächelte und wischte sich gleichzeitig eine Träne weg. "Komisch oder?"
"Warst du schon immer", grinste Till.
"Bitte lasst nicht zu, dass die mich in ne Klapse stecken", bat Paul leise. "Ich will einfach nur hier raus. Egal wohin."
Richard nickte. "Ich hol dich hier raus Paul."
Paul setzte an, um ihn zu korrigieren, ließ es dann aber.
Es klopfte an der Tür und der Psychologe kam wieder rein. "Ich denke, dass reicht für heute. Herr Hiersche braucht Ruhe."
"Landers...", murmelte Paul leise zu sich selbst und Till schmunzelte.
"Lass dich nicht unterkriegen, Kleiner. Du bist bald wieder auf dem Damm", meinte Till und kam wohl das erste Mal mit 'Kleiner' durch, ohne die passende Antwort von Paul an den Kopf geworfen zu bekommen.
"Bitte... Es wird Zeit."
Sie verabschiedeten sich von Paul und verließen das Zimmer.
Der Psychologe führte sie noch um die nächste Ecke, als wolle er sicher gehen, dass sie nicht einfach wieder in den Raum gingen.
"Was passiert jetzt mit ihm?", wollte Till wissen.
"Datenschutz. Das geht Sie nichts an."
"Er möchte nicht in eine Psychiatrie."
Der Psychologe blieb stehen und funkelte ihn an. "Sie haben mit ihm darüber gesprochen?"
"Nein, ER hat mit UNS darüber gesprochen. Er möchte das nicht. Er will hier raus."
"Er wird in eine Klinik eingewiesen. Das ist das Beste für ihn. Sie haben hier nichts zu entscheiden."
"Aber seine Eltern haben ein Mitspracherecht, oder? Wenn ich richtig informiert bin, sind sie bereits auf dem Weg."
"Da täuschen Sie sich. Insofern es keine Patientenverfügung gibt, hat nur er zu bestimmen, immerhin ist er ein erwachsener Mann. Eltern haben da kein Mitbestimmungsrecht mehr. Aber da er derzeit nicht zurechnungsfähig ist, obliegt es den behandelnden Ärzten die für ihn beste Entscheidung zu treffen."
"Hören Sie Dr. Wie auch immer... Wir haben gute Anwälte... Wenn er nicht in eine Klinik will, geht er in keine Klinik. Dr. Leihhauser sagte, eine gewohnte Umgebung sei das Beste für ihn. Also organisieren Sie unserem Freund einen vernünftigen Therapeuten, meinetwegen ein paar Happy Pillen und dann kümmern wir uns um ihn. Denn ob es Ihnen passt oder nicht... Uns scheint er zumindest teilweise wiederzuerkennen und Sie kann er hingegen nicht leiden", erklärte Till überraschend sachlich.
Richard sah, wie der Psychologe versuchte die Beherrschung zu behalten. Seine Nasenflügel zitterten jedoch auffällig und eine Ader trat an seiner Stirn hervor. "Sie meinen auch, Sie sind Gott persönlich, nur weil Sie es irgendwie geschafft haben, mit Ihrem Krach Geld zu verdienen, oder? Ihre ganze Kohle wird Ihnen aber auch nichts helfen, wenn Sie mit seiner Gesundheit und seiner Psyche spielen. Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich da einlassen. Sie wollen in seiner Psyche rumpfuschen? Viel Erfolg! Aber heulen Sie sich dann woanders aus, wenn er sich am Ende vor einen Zug legt, nur weil Sie Ihr Ego durchsetzen mussten."
Damit machte er auf dem Absatz kehrt und ging schnellen Schrittes in die andere Richtung davon.
"Mutig der Knirps... Aber ganz Unrecht hat er nicht", meinte Till. "Willst du ihn immer noch heimholen, Richard?"
"Ich brauch ne Kippe!", sagte er nur und ging in die Richtung, in der er den Ausgang vermutete.
Das war gerade einfach alles zu viel für ihn. Er spürte, wie die Panik in ihm hochkroch, zwang sich weiterzuatmen und verfluchte erneut die Krankenhausluft.
Er folgte der Beschilderung nach draußen und rannte die letzten Meter fast. Im Freien orientierte er sich kurz, ging am Gebäude entlang und versuchte einen ruhigeren Ort zu finden. Hauptsache weg vom Haupteingang. Weg von den vielen Leuten, die da ein- und ausgingen.
Einmal um die Ecke setzte er sich kurzerhand auf den Boden und fummelte mit zittrigen Fingern eine Kippe aus der Schachtel. Er zündete sie an, inhalierte gierig den Rauch und lehnte sich gegen die Wand.
Nikotin wirkte nicht wirklich entspannend, dass wusste er. Es war ein reiner Placebo-Effekt. Wesentlich lieber würde er sich jetzt eine Line ziehen… vor der Realität fliehen. Aber er war seit Jahren clean. Trank auch nur noch selten Alkohol. Trotzdem würde er sich gerade am liebsten irgendwie wegbeamen. Egal womit.
Was zum Teufel dachte er sich nur dabei? Er war selbst psychisch nicht stabil und dann wollte er sich um Paul kümmern? Paul der gerade Heiko war? Er musste wahnsinnig sein!
Es war eine Kurzschlussreaktion gewesen. Reine Hilflosigkeit, weil er Krankenhäuser hasste und Psychiatrien unheimlich fand. Weil er es nicht ertragen konnte Paul darin zu wissen. Warum musste sowas ausgerechnet Paul passieren?
Wieder spürte er, wie die Panik sich breit machte. Er zog an seiner Zigarette, schloss die Augen und versuchte an etwas anderes zu denken. An den neuen Song, an dem er gerade arbeitete. Unbewusst begann sein Fuß den Takt vorzugeben und er ging die Handgriffe auf der Gitarre im Kopf durch. Es half… er wurde ruhiger.
Till ging ebenfalls nach draußen, sah kurz nach in welche Richtung Richard lief, folgte ihm aber nicht. Wenn er gerade alleine sein musste, dann sollte er das tun. Stattdessen klemmt er sich ans Telefon. Drei Anrufe und eine Zigarette später ging er dann doch los und fand Richard an die Hauswand gelehnt. Er setzte sich ebenfalls auf den Boden und wartete, bis Richard ihn wahrnahm und ansah. "Wie geht es dir?", fragte Till vorsichtig.
"Beschissen! Wo warst du?“
"Ich hab Flake angerufen und nach der Handynummer von Pauls Vater gefragt. Dann habe ich ihn angerufen. Sie sind auf dem Weg. Wenn er seine Eltern erkennt, ist es vielleicht besser, er geht mit zu ihnen. Wenn ihn Lilly aber zu sehr aufwühlt, könnte auch das schwer werden, wenn sie auch dort ist. Und was Arielles Eltern betrifft, so sind die gerade selbst total am Ende und können Lilly auch nicht zu sich holen. Außerdem hab ich mit dem Management telefoniert. Unsere Anwälte sollen schon mal die Sachlage checken und sich für den Fall der Fälle bereithalten."
"Tja und ich hab zwei Zigaretten geraucht und diese verfickte Welt verflucht..."
"Gelungene Aufgabenteilung, würde ich sagen."
"Das ist alles grad zu viel für mich", gestand Richard.
Till sah ihn an. "Wenn du dich wirklich um Paul kümmern willst, wird das nicht leichter..."
"Ist ne scheiß Idee, oder?"
"Dass du das alleine machen willst? Definitiv. Aber wozu hat man ein Kollektiv?", schmunzelte Till. "Es wird trotzdem ne Herausforderung. Und ob das wirklich gut für ihn ist... Keine Ahnung. Der Gedanke, dass wir es verbocken, macht mir Angst."
"Und mir erst... Aber ihn in ne Psychiatrie stecken... Scheiße..."
"Er soll entscheiden was er will. Notfalls bleibt der Weg immer noch. Außerdem… Der Unfall war erst gestern Vormittag. Wir sollten da nichts übereilen. Er wird so oder so noch ein paar Tage hier zur Beobachtung bleiben müssen. Ich glaube kaum, dass sie ihn direkt in die Klapse verfrachten."
„Körperlich geht es ihm gut…“
„Trotzdem. Komm wir gehen nochmal zu Lilly und schauen mal, ob sie einen Schlüssel von zuhause hat und etwas von dort braucht. Und für Paul wären ein paar andere Klamotten auch nicht schlecht. Ich will auch nochmal mit dem Arzt sprechen, wie es nun weitergeht. Vor allem mit Paul.“
Richard nickte und stand auf.
„Ach und noch was… Du bist mir noch ne Erklärung schuldig, woran Paul sich da genau erinnert hat.“
