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Leo hat das Bett nur ganz kurz verlassen. Er war im Bad und in der Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. Das Ganze kann keine fünf Minuten gedauert haben.
Trotzdem sind seine Füße eiskalt, nachdem er barfuß über Laminat und Fliesen getapst ist. Er weigert sich standhaft, um diese Jahreszeit schon die Fußbodenheizung einzuschalten. Da nimmt er es lieber in Kauf, ein bisschen zu frieren. Das findet er gar nicht so schlimm, wenn er sich danach wieder unter seine warme Bettdecke kuscheln kann.
Wenn seine Bettdecke nach seiner kurzen Abwesenheit nicht auf einmal spurlos verschwunden wäre.
Durch den Spalt zwischen den Vorhängen dringt ein schmaler Streifen Licht herein, weil Adam es nicht mag, wenn es im Zimmer stockdunkel ist. Das hier ist ihr Kompromiss gewesen. In diesem Fall ist es von Vorteil, weil Leo deutlich sehen kann, dass sich auf seiner Seite des Bettes, wo er vorhin seine Decke und sein Kissen zurückgelassen hat, nichts befindet außer dem leicht zerknitterten Laken.
Das Kissen findet er auf dem Boden neben dem Bett. Er kann sich nicht erinnern, dass es ihm beim Aufstehen runtergefallen ist, aber vielleicht hat er das einfach nur nicht bemerkt. Er schlägt es einmal aus und legt es sich wieder zurecht.
Die Bettdecke bleibt verschollen.
Auf der anderen Seite des Bettes scheint Adam friedlich zu schlafen und nichts von dem plötzlichen Abhandenkommen von Leos Besitz mitbekommen zu haben. Allerdings könnte es sein, dass Adam den tiefen Schlaf nur vortäuscht. Hauptindiz dafür ist, dass er sich sonst, wenn er allein im Bett schläft, zielsicher in die Mitte oder bis auf Leos Seite bewegt.
Nun liegt Adam fast schon verdächtig nah am Rand. Nicht einmal ein kleiner Zeh übertritt die Grenze zu Leos Seite. Außerdem wirkt seine Form unter der Bettdecke viel zu hoch und breit. Adam hat es zwar raus, im Bett immer so viel Platz einzunehmen wie möglich, aber das hier kommt Leo trotzdem ungewöhnlich vor.
„Hast du…“ Leo klettert auf die Matratze, um näher an Adam heranzukommen, weil er sich davon überzeugen muss, dass er richtig geschlussfolgert hat. „Hast du etwa meine Decke mit unter deiner?“
Von Adam kommt keine Reaktion, zumindest keine verbale. Dafür kann Leo selbst ohne Licht erkennen, wie Adam sich unter der Decke an etwas festzuklammern scheint. Da Leo sein Kissen schon gefunden hat und er selbst als Adams liebstes Umarm-Objekt für den Moment außen vor ist, lässt das nur noch eine Möglichkeit zu.
Eigentlich haben sie genau deswegen zwei Bettdecken: Weil Leo es schon beim dritten Mal, dass Adam hier übernachtet hat, leid war, dass Adam ihm jedes Mal die Decke geklaut hat. Es spielt keine Rolle, wie süß und ausführlich Adam sich im Nachhinein dafür entschuldigt hat – Leo ist ein lösungsorientierter Mensch und weil das mit dem Deckenteilen nicht geklappt hat, hat er sich auf die Suche nach einer anderen Lösung gemacht.
Dass es so auf Dauer nicht geht, war nämlich schnell offensichtlich.
Dabei kam es nicht darauf an, wie sie eingeschlafen sind. Alle von Leos Versuchen, die Decke festzuhalten oder unter sich einzuklemmen, gingen daneben. Es war auch egal, wie nah er sich an Adam herangeschmiegt hat.
Gerade am Anfang, als er es immer noch nicht ganz fassen konnte, dass Adam hier in seinem Bett ist, wollte Leo ihn am liebsten gar nicht loslassen. Vielleicht aus Angst, dass Adam mitten in der Nacht doch wieder geht. Natürlich ist er geblieben und Leo hat gelernt, dass er eventuell nicht mehr so viel Angst haben muss, ihn zu verlieren. Ganz eng umschlungen einzuschlafen war natürlich trotzdem schön.
Nur dass nicht einmal das Leo geholfen hat, wenigstens einen Teil der Decke für sich zu behalten und er immer wieder morgens oder sogar nachts zwischendurch aufgewacht ist, weil ihm kalt war. Gegen Adams diebische Tendenzen kam er einfach nicht an. Selbst mit einem Arm um Adams Mitte und eng mit seiner Brust an Adams Rücken gelehnt, hat Adam es irgendwie geschafft, dass die Decke morgens fast nur ihn bedeckt hat.
In einer denkwürdigen Nacht ist Leo halb auf Adam eingeschlafen, den Kopf auf seiner Brust. Wenn er gehofft hat, dass seine Körperwärme Adam reichen würde, lag er ziemlich daneben. Beinahe millimetergenau hat die Decke beim Aufwachen alle Stellen von Adam bedeckt, die nicht schon von Leo eingenommen wurden – und Leo zog eine Gänsehaut den Rücken hinauf, die sich wahrscheinlich schon Stunden vorher dort festgesetzt hatte.
Die zweite Bettdecke war also eine absolut notwendige Anschaffung. Außerdem hatte sie den schönen Nebeneffekt, dass Leo sich keine weiteren Gedanken über Adams Geburtstagsgeschenk machen musste. So hat Adam eine neue, qualitativ hochwertige Bettdecke bekommen und gleichzeitig die unausgesprochene Einladung, dass er damit jederzeit gerne in Leos Bett übernachten darf.
Das hat Adam oft und ausgiebig in Anspruch genommen, damit sich die Anschaffung der neuen Decke auch gelohnt hat. Inzwischen kann Leo sich gar nicht mehr erinnern, wann Adam das letzte Mal in seiner eigenen Wohnung übernachtet hat. Die Decke ist auf jeden Fall regelmäßig in Gebrauch und Leo konnte seine eigene Decke erfolgreich zurückerobern.
Wie es aussieht, ist seine Siegesserie heute vorbei. „Das ist Diebstahl“, sagt er in die Stille des Raums.
Von Adam kommt keine Antwort. Leo weiß selbst nicht, ob er jetzt um drei Uhr nachts ein umfassendes Verteidigungsplädoyer erwartet hat. Da muss er wohl zu härteren Mitteln greifen – aber erst einmal muss die Beweislage gesichtet werden.
Als er Adams Decke vorsichtig zurückschlägt, kommt darunter wie erwartet seine eigene Decke zum Vorschein. Dabei ist es wirklich nicht so kalt, dass Adam zwei Decken brauchen würde. Von hier kann Leo aber auch sehen, dass ein Zugriff beziehungsweise eine Rückbeschaffung nahezu unmöglich wird. Adam liegt halb auf Leos Decke drauf und hat den Rest mehrmals um sich gewickelt. Wie er das geschafft hat, egal ob im Schlaf oder im wachen Zustand, bleibt Leo ein Rätsel.
Leo weiß, wann er verloren hat. Seine Bettdecke wird er jedenfalls heute Nacht nicht mehr wiedersehen, oder wenn dann nur von weitem. Er fügt sich in sein Schicksal und zieht stattdessen an Adams Decke, die er immer noch angehoben hat. Wie durch ein Wunder erfährt er keinen Widerstand und dann liegt er endlich wieder mit einer Decke im Bett und ihm wird langsam wärmer.
Zumindest kurzzeitig.
„Leo?“
Leo denkt gar nicht daran, Adams Decke wieder abzugeben. Immerhin hat Adam immer noch seine in Beschlag genommen. Da braucht Adam gar nicht so süß und verschlafen seinen Namen zu sagen.
„Leo, was soll das?“
Adams Jammern lässt ihn vollkommen kalt, genau wie die eisige Hand, die sich zu ihm unter die Decke schiebt. Wie schafft Adam es eigentlich, so kalte Hände zu haben, obwohl er gerade noch komplett nicht nur unter einer, sondern sogar unter zwei Decken lag? Bevor Adam sich weiter suchend vortasten und womöglich Leos Wärme wieder wegnehmen kann, fängt Leo die Hand ab und verschränkt ihre Finger miteinander.
Das resultiert jedoch nur darin, dass noch mehr von Adams Körperteilen bei Leo unter der Decke auftauchen.
Leo weiß genau, wie das enden wird: nämlich damit, dass er morgens beim Aufwachen wieder friert. Vielleicht wird er sogar früher wach, weil ihm so kalt ist. Deshalb versucht er, die Decke schützend um sich zu ziehen und alle von Adams Annäherungsversuchen abzuwehren.
Adam quittiert das mit einem Laut, der eindeutig unzufrieden klingt. „Wir wollten doch alles miteinander teilen.“ Er wirkt schon deutlich wacher als vorhin, was Leo ein bisschen leidtut, weil er Adam eigentlich nie vom Schlafen abhalten will. Adam schläft sowieso nie genug. Aber heute Nacht kann Leo nicht von seinem Standpunkt abweichen, was bedeutet, dass er noch weiter Richtung Bettkante ausweichen muss.
„Oder etwa nicht?“ fragt Adam weiter. Es fehlt noch, dass er in dieser jämmerlichen Stimme fragt, ob Leo ihn nicht mehr will. Natürlich will Leo ihn. Er will Adam liebend gerne hier in seinem Bett haben. Eine Bettdecke will er aber auch.
„Wir teilen doch eh schon genug“, sagt er deshalb. „Außerdem sind wir nicht verheiratet.“ Er erinnert sich jedenfalls, dass alles miteinander zu teilen zu den leeren Versprechungen gehört, die man sich zu so einem Anlass macht. Er teilt liebend gerne den steifen Nacken mit Adam, den er sich holen wird, wenn er keine Bettdecke hat, um sich gegen die kalte Luft zu schützen.
„Wenn du so weitermachst, wird es auch nie dazu kommen.“
Adam nutzt es schamlos aus, dass Leo nach dieser Aussage wie erstarrt daliegt, um sich ganz zu ihm unter die Decke zu schieben und einen Arm und ein Bein um ihn zu schlingen. Bei seiner Wanderung über die Matratze muss er Leos Bettdecke unterwegs irgendwo losgeworden sein. Im Gegensatz zu Adams Händen ist sein Körper, der sich nun gegen Leos Seite presst, aber schön warm.
Trotzdem überlegt Leo ernsthaft, ob es sich lohnt, sich aus Adams Griff loszueisen und sich seine Decke wiederzuholen. Immerhin hat er die ganze Zeit gedanklich darauf bestanden, dass kuscheln nicht geht, solange er dabei keine Bettdecke für sich hat. Andererseits ist es schon ziemlich niedlich, wie Adam leise seufzt, endlich zur Ruhe kommt und den Kopf an Leos Halsbeuge vergräbt.
Im Moment ist Leo ohnehin nicht kalt. Nicht nur, weil Adam sich ein bisschen anfühlt wie eine Heizdecke, sondern auch innerlich, weil sein Kopf auf Hochtouren läuft, um Adams Worte zu verarbeiten. Hat er gerade echt impliziert, dass er Leo vielleicht heiraten würde? Oder war das nur, weil Leo es als Tatsache in den Raum gestellt hat?
Nicht, dass Leo da noch nie drüber nachgedacht hat, aber nicht so konkret in Bezug auf Adam und ihn. Er weiß nicht einmal, wie er selbst dazu steht. Aber Adams Formulierung scheint schon in Aussicht zu stellen, dass es unter den richtigen Bedingungen möglicherweise dazu kommen könnte. Auf jeden Fall schwingt darin ein für immer mit, dem Leo gar nicht abgeneigt gegenüberstehen würde.
Das werden sie ausführlich diskutieren müssen, aber das kann auch bis morgen früh warten. Adams regelmäßige Atemzüge lassen sowieso darauf schließen, dass er längst wieder eingeschlafen ist. Dann kann Leo sich in aller Ruhe überlegen, ob er sich überhaupt noch vorstellen kann, den Rest seines Lebens mit Adam zu verbringen, wenn das Unvermeidliche eintritt und er morgen wieder frierend ohne Bettdecke aufwacht.
