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1. Laub
Leo war kein Fan von Herbst, und erst recht nicht von regnerischen Herbsttagen. Wenn die Sonne schien, war alles okay. Es wurde sogar richtig schön im Sonnenlicht, wenn das Laub leuchtete. Aber sobald es grau wurde, wollte er sich am liebsten im Bett zusammenrollen und den ganzen Tag liegenbleiben. Wenn aber Adam mit Dringlichkeit im Blick vorschlug – oder eher, ihn darum bat, denn Leo wusste es besser – nach der Schule noch Fußball im Park zu spielen, dann sagte er natürlich nicht Nein.
Nicht nur, weil er gerne Zeit mit seinem besten Freund verbrachte, sondern auch, damit Adam nicht direkt nach Hause gehen musste. Denn das wollte er meistens nicht, und Leo wusste nicht genau, wieso. Er war bisher erst einmal bei Adam zuhause gewesen, um ihm die Hausaufgaben zu bringen, als er krank war – und da hatte er nicht weiter als in den Flur gedurft. Und Adam hatte er auch nicht zu Gesicht bekommen.
Es nieselte ekelhaft, als sie im Park ankamen, aber nach einigem Rumgelaufe merkte Leo es kaum noch. Sie waren schlau gewesen und hatten nach der letzten Stunde – nämlich Sport – ihre schon durchschwitzte Kleidung gar nicht erst ausgezogen. Leo rutschte auf dem matschigen Rasen aus und sammelte einige Gras- und Matschflecken, aber dafür hatten Adam und er auch massig Spaß. Nur zu zweit spielen hatte so wenig Druck, dass Leo Sport sogar mal Spaß machte, während er es in der Schule so ziemlich immer hasste. Er konnte ganz gut Dauerlauf durchhalten, aber er war weder besonders schnell noch besonders groß, also waren die meisten Ballsportarten nichts für ihn. Und über etwas anderes konnten sich Jungs in seinem Alter quasi nicht profilieren. Also litt er still und freute sich, wenn Adam (der natürlich ein Sport-Ass war und zuhause angeblich einige Kampfsport-Trophäen rumstehen hatte) mit ihm kicken wollte. Ohne Druck.
Als Leo nach zu vielen Ausrutschern nicht mehr wollte und ihm seine Haare schon nass ins die Stirn hingen, gingen sie zu Leo nach Hause. Adam musste nicht mehr angemeldet werden, Leo brachte ihn einfach mit oder halt nicht, und seine Mutter hatte meistens sowieso genug Essen für zwei Tage gemacht. Auf dem Weg zu Leo, durch das nasse Laub, was bereits alle zwanzig Meter zu riesigen Haufen aufgetürmt war, verfielen sie in eine hitzige Diskussion über die Chancen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM nächstes Jahr.
„Niemand gewinnt im eigenen Land, so ist das einfach–“
„–ja, also … mit der Einstellung sowieso schon mal gar nicht–“
Leo lachte auf. „Oho! So ist das also?!“ Und er schubste Adam in den nächstbesten Laubhaufen, an dem sie gerade vorbeiliefen. Adam schien zum Glück relativ weich zu fallen.
„Ieehh! Oah, Leo, du Sau!“
Adam griff nach Leos Handgelenk und zog ihn mit einem Ruck mit in den Haufen, in den Leo sich unter großem Geschrei hineinfallen ließ. Er warf sofort eine Handvoll Blätter in Adams Gesicht. Hoffentlich waren sie nicht auf einem überwinternden Igel gelandet … bei dem Gedanken rappelte Leo sich schnell wieder auf, aber sie schienen keine Tiere gestört zu haben. Adam stand mit einem Ächzen wieder auf.
„Du hast da noch Blätter“, murmelte er, plötzlich gar nicht mehr so frech. Bei Adam konnte das immer schlagartig wechseln. Er deutete vage auf Leos Haare und Leo strich sich ein Blatt vom Kopf.
„Da auch“, sagte Adam, deutete hin und zupfte dann selber vorsichtig ein weiteres aus Leos Haaren. „So, weg.“
Von 100 auf 0.
„Danke.“ Leo lächelte ihn an, aber Adam traf kaum seinen Blick, stattdessen ging er schnell weiter in Richtung Leos Straße.
Leos Mutter fand ihren Matsch-Look natürlich gar nicht so witzig, und schickte sie sofort hoch zum Duschen, bevor sie zum Essen die Küche betreten durften.
„Am besten gleich in euren Klamotten!“, rief sie ihnen hinterher, aber Leo und Adam nahmen das beim Wort und jagten sich gegenseitig die Treppe hoch ins Badezimmer – natürlich erst, nachdem die dreckigen Turnschuhe vor der Haustür gelassen wurden. Zum Glück hatte Familie Hölzer eine geräumige Duschbadewanne, in der die Jungs bald den Dreck aus ihrer Kleidung und den Regen von der Haut spülten.
Über die Logistik, die triefnassen, schweren Klamotten aus- und frische anzuziehen, ohne sich völlig voreinander auszuziehen, hatte aber keiner von ihnen nachgedacht. Dadurch, dass der Sportunterricht immer auf die letzte Stunde fiel, duschte niemand in der Schule, sondern erst zuhause, obwohl die Turnhalle über Gemeinschaftsduschen verfügte.
Leo stellte das Wasser ab, sah an Adam und sich herab und entschied, dass er den Anfang machen musste: er zog sich umständlicher als nötig bis auf die Unterhose aus, dankte seinem Vergangenheits-Ich dafür, heute Boxershorts mit besonders abgedrehten Muster ausgesucht zu haben, und ließ die nasse Kleidung einfach in der Wanne zu Adams Füßen liegen.
„Ich, äh … gehe mal einen zweiten Bademantel suchen“, sagte er und zog schnell zwei große Handtücher aus dem Regal. In eins wickelte er sich, das andere legte er auf den Badewannenrand. „Ich komm’ gleich wieder. Die Sachen kann meine Mama einfach schnell waschen, wenn wir essen, und dann trocknen.“
Adam sah ihn und an und nickte leicht. Er sah unverhältnismäßig ängstlich aus, schon wieder ganz anders als noch vor ein paar Minuten.
Leo lief aus dem Bad, um Adam Privatsphäre zu gewähren, und blieb extra länger weg. Natürlich wusste er, wo die Bademäntel waren und musste sie nicht erst suchen. Aber das musste Adam ja nicht wissen.
2. Wellen
Leo rühmte sich nicht mit allzu vielen Freunden – wo andere Leute in ihrem Alter fette Partys feierten und sich illegal abschossen, konnte Leo nicht mal an einer Hand abzählen, wen er zu seinem Geburtstag einladen sollte. Es lief also darauf hinaus, „etwas Nettes“ mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester zu unternehmen. Und für einen Geburtstag durfte sogar Adam mal einen ganzen Nachmittag von zuhause weg.
Es lief darauf hinaus, dass sie ins Schwimmbad fuhren – etwas, was Leo nicht besonders oft tat, erstens wegen dem Mangel an Freunden, zweitens, weil er sich höllisch unwohl in seinem immer noch wachsenden Körper fühlte und nur eine Badehose zu tragen nicht wirklich half, und drittens, weil er sein Taschengeld heimlich für Adam ausgab. Um ihm hier und da etwas zu Essen zu kaufen, wenn er mal wieder besonders hungrig aussah. Sie redeten nicht darüber, aber Leo machte es nichts aus. Dafür, Adam wieder ein bisschen Lächeln zu sehen, wenn er nicht mehr vor Hunger starb, lohnte es sich schon.
Aber heute bezahlte seine Mutter und ließ Leo und Adam danach zum Glück alleine, um mit Caro für ihren Rettungsschwimmer zu üben – und sie 30 Mal am Ende der Wasserrutsche aufzufangen, wahrscheinlich.
Das Schwimmbad hatte eine Wellenmaschine, die einmal die Stunde eingeschaltet wurde, und Leo und Adam schnappten sich ein Schaumstoff-Floß, sobald sie eins herumlagen sahen. Die Flöße waren ziemlich rar, und umso mehr waren sie wert, denn alle wollten eins für die Wellen ergattern.
Leo hatte in einigen Urlauben schon gerne schwerelos in einem Schwimmring in den Wellen gelegen und sich von ihnen tragen lassen, aber zuhause bekam er die Chance nicht so oft.
Als es losging, saßen Adam und Leo erst nebeneinander auf dem Floß, aber besonders groß war es leider nicht.
„Ich glaub, einer von uns muss runter“, sagte Leo mit klaren Absichten.
„Ich glaub, das bist dann wohl du“, rief Adam mit einem kleinen Hieb in Leos Seite.
„Ich glaub, es hackt!“ Leo stieß zurück.
Sie kabbelten sich etwas, bis Adam eine Sekunde nicht aufpasste, und Leo ihn mitten in die nächste Welle schubste.
Sein triumphierender Juchzer blieb ihm schnell im Hals stecken, als er Adam nicht auftauchen sah.
Vor ihm, hinter ihm, um ihn herum waren zahllose Kinder, Familien, andere Teenager, die vor Freunde schrien, aber von Adam war keine Spur.
Leo sah sich weiter hektisch um. Musste er Adam hinterher springen? Er war doch so ein guter Schwimmer. Warum zum Teufel tauchte er nicht wieder auf?
Im nächsten Moment krallte sich eine Hand in den Schaumstoff und Adams Kopf tauchte endlich wieder aus dem Wasser auf. Hustend, keuchend, nach Luft ringend.
„Scheiße, Adam …“
Leo versuchte, ihn auf das Floß zu ziehen, aber er war einfach zu schwach. Er umklammerte Adams Hand, damit er nicht zurück ins Wasser rutschte, und paddelte so schnell er konnte zurück in den flachen Bereich des Beckens. Zum Glück war das Becken nicht allzu groß. Leo zog sie ein paar Schritte weiter, sodass sie in Sicherheit im seichten Wasser sitzen konnten.
„Hey, ist alles okay? Adam …“
Adam hustete fürchterlich, die Hände immer noch in das Floß gekrallt, und atmete weiterhin schwer.
„Das tut mir so leid … ich wusste nicht— kannst du atmen? Soll ich jemanden holen?“, redete Leo auf ihn ein, und Adam schüttelte nur den Kopf.
„Ich–“, er hustete wieder, „muss klarkommen.“
Leo nickte, unschlüssig, was er tun sollte.
„Ich muss klarkommen“, flüsterte Adam noch einmal, als wäre es ein Mantra.
Als Adam wieder atmen konnte, ließen sie das Floß links liegen, setzten sich erstmal an den Beckenrand vom Schwimmerbecken und beobachteten das allgemeine jugendliche Kräftemessen an den Sprungtürmen. Wie die gleichaltrigen Jungs sich fast gegenseitig vom Fünfer schubsten, einen Salto ins Becken machten, sich boxten, die Mädchen hochhoben, dass sie kreischten – all das drehte Leo den Magen um. Dieses hormongesteuerte Getue war nichts für ihn, aber manchmal wünschte er sich doch, ein Teil einer großen Freundesgruppe zu sein. Zu solchen Ausflügen eingeladen zu werden. Und zu Partys, auf denen getrunken und geknutscht wurde.
Aus dem Augenwinkel sah er, dass Adam das Treiben ebenfalls genau beobachtete. Ob er das Gleiche dachte?
In dem Moment schaute Adam zurück und Leo an.
„Willst du Pommes?“, hörte Leo sich plötzlich selber fragen, ohne Zusammenhang zu dem, was er eigentlich gerade gedacht hatte.
Adam nickte sofort – zu Essen sagte er sowieso nie Nein – und wie gerufen kamen Caro und Leos Mutter auf sie zu geschwommen. Schwimmbad-Pommes zum Abschluss fanden alle eine gute Idee, und wenig später saßen sie im Gastro-Bereich und ließen es sich schmecken. Und Adam fand sein Lächeln wieder.
3. Büro
Leo zitterte vor Wut, als er vom Besprechungstisch aufstand. Nach der Pause hatte er sich kurz im Arbeitsmodus befunden, aber jetzt, wo das Meeting vorbei war – zu dem Adam auch noch zu spät kam, nicht mal zum pünktlich kommen hatte er sich herablassen können – schob die Tatsache, dass Adams Vater nicht mehr im Koma lag, alle anderen Gedanken beiseite.
„Adam …?“, sagte Leo, wie beiläufig, und bewies ihm mit einem Blick, mit in ihr Büro zu kommen. Kaum hatte er die Tür geschlossen und Adam seine Jacke auf den nächsten Stuhl geworfen, kochte alles in Leo hoch.
„Dein Vater ist aufgewacht“, presste er hervor, während er langsam näher kam. Versuchte, in Adams Gesicht eine Regung zu erkennen.
Adam senkte den Blick, sah kurz aus dem Fenster, überall hin, aber er traf nicht Leos Blick.
„Wann?“, hakte dieser nach.
„Vor zwei Monaten.“
Leo schubste ihn von sich weg, sodass Adam mehrere Schritt nach hinten stolperte.
„Und warum sagst du mir nichts?“
Adam trat wieder zwei Schritte nach vorne. Er war so gottverdammt ruhig. Als wäre sein Vater jetzt nicht da draußen am Reha machen und könnte sich sofort an alles erinnern.
„Genau deswegen, Leo, weil du ausrastest.“
„Ja. Und du? Du bist ganz cool, oder?“ Leo trat wieder bedrohlich an ihn heran. Adams Ruhe machte ihn fuchsig. Warum rastete er bitte nicht aus?
„Warum bist du nur so cool, Adam? Ach so ja, stimmt, du hast ihm ja auch keinen Spaten über den Schädel gezogen!“
„Das ist 15 Jahre her.“
„Ja, 15 Jahre. 15 Jahre Koma. Was ist, wenn es nicht als gefährliche Körperverletzung gewertet wird, hm? Sondern als versuchter Totschlag. Dann verjährt das nicht. Dann geh ich in den Knast!“
„Wir, Leo“, sagte Adam. „Mittäterschaft bei Kapitalverbrechen verjährt auch nicht.“ Er hielt Leos Blick stand.
Wie konnte er das einfach so wegdrücken? Leo verschlug es die Sprache.
Adam ging an ihm vorbei und schnappte sich seine Jeansjacke vom Stuhl.
„Tja“, sagte er. „Ein Ex-Bulle im Knast, das würde ihm gefallen.“ Er zog sich die Jacke an. „Könnte er ein paar Interviews geben.“
Leo fiel dazu nichts mehr ein. Adam wollte sich nicht mit ihm streiten, Adam war viel zu ruhig was die ganze Sache anging, Adam machte zum ersten Mal diese Woche Anstalten, sich mal am Fall zu beteiligen und schnell zum Auto zu kommen. So kannte Leo ihn gar nicht. Aber er folgte ihm nach draußen. Jetzt wurden erstmal ein paar arme Teenager befragt, und danach konnten sie sich immer noch weiter streiten.
4. Busch
Leo war müde. Sie saßen seit Stunden am dunklen Waldrand und beobachteten den Eingang einer Lagerhalle, aus dem ihr Verdächtiger schon längst hätte rauskommen sollen. Zum Glück konnten sie im Auto sitzen, denn bei diesen Temperaturen hätte Leo es ohne Bewegung nicht so einfach draußen ausgehalten. Sie hatten schon viel zu viele M&Ms gegessen und Leo hatte versucht, so wenig wie möglich zu trinken, damit er nicht irgendwann pinkeln musste.
„Ich geh da gleich rüber und hol den Typen da raus“, grummelte Adam. „Will der da drinnen übernachten?“
„Nicht, solange da Licht an ist“, sagte Leo und stopfte sich noch einen Pocket Coffee in den Mund.
Adam schauderte. „Alter, das Zeug ist so eklig.“
„Ich muss halt wachbleiben“, verteidigte Leo sich. „Und bevor ich so einen Energydrink anfasse, muss schon echt was passieren. Dann lieber Espresso.“
Adam warf ihm einen langen Blick zu und leerte wie zur Antwort seinen dritten Red Bull Blue. Das ganze Auto stank nach einem Mix aus Kaffee und Heidelbeere. Leo ließ sein Fenster einen winzigen Spalt herunterfahren.
Zehn Minuten später wurde es Adam wirklich zu doof. Er steckte sich seine Waffe ins Holster.
„Ich geh da jetzt echt rüber. Nachher ist der Typ aus irgendeinem anderen Ausgang raus und wir sitzen umsonst hier.“
„Auf gar keinen Fall! Du bleibst im Auto“, zischte Leo und griff nach Adams Handgelenk.
„Halt mich doch auf“, grinste Adam, während er die Tür aufmachte und wand sich gekonnt aus Leos Griff.
Na toll.
Fluchend fummelte Leo seine Waffe in sein Holster unter der Jacke und stieg ebenfalls aus dem Auto. Adam war schon ein paar Meter weitergelaufen, hielt sich nah an der Begrenzung vom Parkplatz zum Waldstück auf, und Leo folgte ihm leise. Er wollte heute überhaupt gar keinen Zugriff machen, doch nicht, wenn sie nur zu zweit waren!
Kaum hatte er diesen Gedanken gefasst, hörte er Stimmen und Schritte aus Richtung Auto.
Er drehte sich um und sah eine ganze Gruppe Männer über den großen Parkplatz schlendern, laut redend und definitiv gewaltbereit.
„Fuck, Adam,“ zischte Leo und griff wieder nach Adams Ärmel. „Da kommen welche!“
„Was willst du?“, fragte Adam, viel zu laut.
In diesem Moment öffnete sich die Tür, die sie seit Stunden angestarrt hatten, und Leo schubste Adam kurzerhand ins Gebüsch und sprang direkt hinterher.
„Ey, was so—“
Leo schlug seine Hand auf Adams Mund. Erst wehrte Adam sich, aber Leo stellte ihn mit einem durchdringenden Blick ruhig.
„Sei leise“, formte er lautlos mit den Lippen und sah durch die Zweige zur Tür herüber.
Dort nahm ihr Verdächtiger gerade die Gruppe Männer in Empfang.
„Er war doch da“, flüsterte Leo, mehr zu sich selbst als zu Adam, und er spürte ihn neben sich und unter seiner Hand nicken. Sanft löste Adam Leos Hand von seinem Gesicht.
„Oh“, machte Leo leise. „Sorry.“
Adam schüttelte leicht den Kopf, ein stummes schon okay, und hielt Leos Hand einfach weiter fest.
Diese Nacht würde noch lang und kalt werden, und jetzt waren sie nicht mal mehr im Auto.
5. Wand
Leo mochte Weihnachten, und Heiligabend bei seinen Eltern, aber länger als einen Tag hielt er es für gewöhnlich nicht bei ihnen aus. Die letzten Jahre hatte er sich an den Weihnachtstagen immer ein bisschen gelangweilt, oder sogar gearbeitet, aber dieses Jahr war Adam wieder da. Adam, der seit Jahren kein Weihnachten mit seiner Familie gefeiert hatte – aus bekannten Gründen – und es natürlich auch dieses Jahr nicht vorhatte. Alle Versuche, ihn zu Heiligabend zu Leos Eltern einzuladen, waren leider fehlgeschlagen, denn Adam pflegte eine Tradition, an Heiligabend zu arbeiten, und wollte nicht mit ihr brechen. Aber zumindest für den ersten Weihnachtstag war Leo mit seiner Idee „Essen gehen und sich danach richtig abschießen“ auf Zustimmung gestoßen.
Und so saßen sie am 25. Dezember nach einem völlig unweihnachtlichen Essen bei ihrem Lieblingsgriechen und dem ersten Ouzo intus in einer unscheinbaren Kneipe, die in den Ecken sehr dunkel und überall sehr laut war. Offenbar wollten alle heute einen draufmachen, denn einen Platz zu bekommen, war gar nicht einfach gewesen. Tatsächlich hatten sie nicht mal einen Tisch bekommen und teilten sich ein Sofa, was gefühlt nur für eineinhalb Personen gemacht war.
Adam kam von seinem ersten Gang zur Bar gleich mit einem ganzen Tablett Shots zurück, zusätzlich zu dem obligatorischen Urpils, und sie tranken sich durch zahlreiche verschiedene Schnäpse.
Über ihnen blinkten Lichterketten, aus den Lautsprechern kamen wahrscheinlich irgendwelche neuen Cover von ollen Weihnachts-Hits und die Gespräche aller anderen Gäste waren fast zu laut, um sich gegenseitig zu hören, aber meistens verstanden sie sich eh ohne Blicke.
Leos Blick wanderte oft zu Adams Lippen, teils um sie zu lesen, und teils einfach so. Natürlich entging Adam das nicht – er sah immer ganz amüsiert aus, wenn Leo ihm wieder in die Augen sah. Seine Augen, in denen sich die bunten, blinkenden Lichter spiegelten, sein warmer Blick, sein langsames Blinzeln.
In Leos Brust zog sich etwas zusammen; die Erkenntnis, dass er alles für Adam tun würde, hatte er schon vor Monaten gehabt. Um Himmels willen, er hatte Adams Vater erst fast umgebracht und ihm dann das Leben gerettet. Zwei Sachen, die er eigentlich beide nicht hatte machen wollen. Aber das war heute, in diesem Moment, auch alles egal. In diesem Moment kam Adam ihm ganz nah, legte seine Hand in Leos Nacken und zog ihn zu sich heran. So weit, dass seine Lippen Leos Ohr streiften.
„Ich geh mal die Toiletten suchen“, sagte er und war schon aufgestanden, bevor Leo überhaupt realisieren konnte, was gerade nicht passiert war.
„Warte“, rief er und griff nach Adams Hand. Dieser drehte sich wieder zu ihm um.
„Soll ich noch Bier holen?“
Adam lächelte. „Klar.“ Dann glitt seine Hand aus Leos und er verschwand er in der Menge.
Leo seufzte den tiefsten Seufzer seines Lebens und ließ sich erstmal zurück in die Kissen fallen. Was war das denn gerade gewesen? Hatte er sich etwas eingebildet? Oder wollte Adam ihn nur ein bisschen verarschen? Auf jeden Fall musste Leo sich eingestehen, dass er sofort bereit gewesen wäre, Adam genau hier, genau jetzt zu küssen. Es brodelte nicht mehr zwischen ihnen, sondern knisterte, das konnte ein Blinder mit ’nem Krückstock sehen, aber Leo hatte so Angst, diese fragile Freundschaft wieder zu zerstören, dass er nüchtern auf keinen Fall den ersten Schritt machen würde.
Er atmete noch einmal durch und machte sich auf den Weg zur Bar.
Eine gefühlte Ewigkeit später kam er mit mehr Urpils und mehr Pfeffi (der war von allen Kurzen auf dem Tablett für sie beide am genießbarsten gewesen) zurück zu ihrer kleinen Ecke und sah, dass Adam schon dort saß und ihn offenbar schon länger fixiert hatte. Aber anstatt sich unangenehm beobachtet zu fühlen, fühlte Leo sich ungemein gut unter Adams Blick. Vielleicht auch, weil er ihn nicht undefinierbar anstarrte, wie so oft, sondern endlich mal entspannt und offen wirkte. Leo wäre ihm am liebsten sofort auf den Schoß gesprungen. Gott, er war langsam wirklich betrunken.
„Nachschub“, flötete er, stellte das Bier ab und reichte Adam einen Pfeffi. Dann setzte er sich hin und warf seine Beine über Adams, der unwillkürlich nach ihnen griff. Er sagte nichts dazu, stieß nur mit Leo an und lächelte sein geheimes nächtliches Lächeln, was Leo noch nie im Tageslicht zu sehen bekommen hatte. Aber in Nachtschichten. Bei Observierungen. Manchmal, auf der Couch, beim Fernsehen. Wenn Leo nur mit zum Rauchen rauskam, um das Gespräch aufrecht zu erhalten und sich den Arsch abfror. In solchen Momenten, wo sie alleine waren, kroch das nächtliche Lächeln auf Adams Gesicht. Und jetzt, wo sie alles andere als alleine waren, auch.
Leo trank schnell seinen Pfeffi, und dann einen zweiten, und griff nach dem dritten. Bevor er ihn anheben konnte, umschloss Adams große Hand seine sanft.
„Alles okay?“ Er lachte beim Fragen, aber unterschwellig meinte er es ernst.
Leo nickte und versuchte, nicht so auffällig auf Adams Hand zu starren. Vielleicht war das Weitertrinken doch keine gute Idee gewesen.
„Lass mich mal aufholen“, sagte Adam und stürzte seine Pfeffis herunter, bevor er sich auch seinen dritten schnappte, und dafür leider Leos Hand loslassen musste.
„Na dann“, sagte er. „Darauf, dass Weihnachten fast schon wieder vorbei ist.“
Leo teilte diese Einstellung zwar nicht, trank aber trotzdem mit.
Irgendwie war die Musik lauter geworden, vielleicht weil jetzt noch mehr Leute in der Bar waren, aber um sich zu unterhalten, musste man sich nun schon sehr nah kommen. Leos Beine lagen immer noch quer über Adams. Adam kratzte geistesabwesend an der Naht von Leos Jeans, während er redete, was die Situation nicht besser machte. Seine Finger an Leos Oberschenkel gemischt mit seinem Atem an Leos Ohr, wenn er etwas sagte, gaben Leo trotz der Körperwärme eine Gänsehaut.
„Danke übrigens“, sagte Adam, so nah, gerade laut genug, dass Leo es hören konnte.
„Wofür?“ Leo lehnte sich etwas zurück, um Adam anzuschauen.
„Dass du dein geliebtes Weihnachten mit mir verbringst.“ Da war es wieder, das nächtliche Lächeln.
Ohne Nachzudenken sagte Leo: „Ja, weil es doch geliebt wird.“
Adam sagte erst nichts, dann nickte er.
„Ach so.“
Wie jemand, der definitiv nicht checkte, was der andere gerade gesagt hatte. War vielleicht auch besser so.
Nur sagten sie jetzt beide nichts mehr, und Leo konnte beobachten, wie Adams Blick nun auch manchmal zu Leos Lippen rutschte.
Das war ihr Moment. Genau hier, in dieser vollgestopften Kneipe.
Adams Hand legte sich fester um Leos Oberschenkel, den Kopf legte er leicht schief: eine Einladung, so deutlich wie selten etwas, was Adam tat. Leo lehnte sich noch ein paar Zentimeter vor, schaffte es, Adams Nase mit seiner eigenen anzustupsen, dann blockierte irgendwas in seinem Gehirn, schrie ihn an: Nicht jetzt. Nicht hier. Warte noch, Leo.
Und Leo wartete, eine Sekunde zu viel, dann zog er sich wieder zurück, aus unerfindlichen Gründen.
Das war nicht ihr Moment, wie es aussah.
Adam sah ihn teils verwirrt, teils erwartungsvoll an. Ganz offensichtlich hatte er auch nicht mit einem Rückzieher gerechnet. Genauso wenig wie Leo selbst.
„Ich … brauche mal Luft, glaube ich“, sagte er, eine total lahme Ausrede, aber vielleicht brauchte er wirklich Luft.
„Wir können auch gehen“, sagte Adam schnell. „Das Bier ist eh leer.“
Leo nickte und schwang seine Füße zurück auf den Boden.
„Aber den Pfeffi nicht vergessen!“, sagte Adam mit Blick auf den Tisch, als sie sich schon halb angezogen hatten.
Sie stürzten die letzten beiden Gläser schnell herunter und bahnten sich ihren Weg durch die Bar nach draußen. Adam griff wie selbstverständlich nach Leos Hand, um sich nach draußen leiten zu lassen.
Auch draußen ließen sie sich erstmal nicht wieder los. Die kalte Nachtluft war beißend auf Leos heißem Gesicht, aber es tat gut. Einen klaren Kopf hatte er trotzdem nicht wirklich.
„Nach Hause?“, fragte Adam. Sie wohnten nicht offiziell zusammen, aber „zuhause“ war immer Leos Wohnung. Immerhin schlief Adam so gut wie immer im Gästezimmer, nur das Hostelzimmer hatte er unnötigerweise immer noch.
„Klar. Können wir … können wir laufen?“
„Klar.“
Leos Wohnung war eigentlich ein bisschen zu weit weg, um zu Fuß zu gehen, aber er brauchte das gerade. Er musste irgendwie den Kopf frei kriegen.
Leider funktionierte das so gar nicht, weil Adam immer noch seine Hand hielt, die Straßen immer noch in warme Weihnachtslichter getaucht waren und Leo immer noch das dringende Bedürfnis hatte, Adam zu küssen.
Er hielt es genau zwei Straßenecken aus, denn an der zweiten passierten sie ein Pärchen, welches in einem leeren Bushaltestellehäuschen saß und Zärtlichkeiten austauschte, und Leo frustrierte es einfach nur noch.
In die nächste Seitenstraße drängte Leo Adam mit den Worten „Lass mal da lang“, als wäre es eine Abkürzung. Hier in der Altstadt gab es ein paar Gassen, die dunkler und schmaler waren, und das war genau, was Leo wollte. Adam gab sofort nach, wusste es ja nicht besser, und im nächsten Moment wurde er gegen die Wand geschubst.
„Was– Aua!“
Leo packte Adam an den Schultern und drückte ihn weiter gegen die Wand.
„Sorry“, hauchte er. „Sollte nicht wehtun.“
Adam grinste leicht. „Hast du dich jetzt mal eingekriegt?“
Leo musste zwischen Adams Augen hin- und herschauen, so nah waren sie sich jetzt.
„Im Gegenteil, glaub ich.“
Adams kalte Hände griffen um Leos Kopf und Leo ließ sich so weit heranziehen, dass ihre Nasenspitzen sich wieder berührten.
Jetzt war es aber wirklich ihr Moment.
Adams Lippen waren kalt und trocken, natürlich, und seine ebenfalls kalte Nasenspitze drückte in Leos Haut, als sie sich endlich küssten, aber das war alles egal. Adam schmeckte nach süßer Pfefferminze und Leo ließ sich gegen ihn fallen, in seine Umarmung. Adams lange Arme schlossen sich um ihn schlossen, hielten ihn fest und wärmten ihn auf.
Der Knoten in Leos Brust platzte endlich und machte Platz für ganz viele neue Gefühle.
+1. Bett
Leo hatte keine festgelegte Silvestertradition. Mal ging er feiern, mal machte er was mit seinen Eltern, mal traf er sich mit Caro, manchmal war er alleine und schaute 10 Mal am Tag Dinner for One. Dieses Jahr war natürlich wieder alles anders. So, wie auch sein Weihnachten ganz anders geworden war. Nicht mal eine Woche her und schon fühlte es sich an, als wären Adam und er schon seit Monaten zusammen. Dabei waren sie nicht mal zusammen. Zumindest nicht offiziell. Ihr erster Kuss war gerade ein paar Tage her gewesen, aber Adam war seitdem nicht mehr von Leos Seite gewichen. Er hatte endlich das Hostelzimmer gekündigt (nach Monaten, in denen er nur manchmal zurückgekehrt war, wenn er Nachtschicht machte und Leo nicht), hatte die letzten fünf Nächte nicht einmal im Gästezimmer geschlafen und Leo war kurz davor, ein neues Klingelschild zu basteln. Adams Name stand da nämlich immer noch nicht drauf.
Dieses Silvester verbrachte Leo also wieder zuhause, nur diesmal nicht alleine. Sie machten mehrere Bleche dünnen, knusprigen Flammkuchen und tranken zu viel Special Edition Pfeffi (der aus irgendeinem Marketing-Grund plötzlich glitzern musste, aber hey, es war halt Silvester), schauten nur einmal Dinner for One, und genossen einfach die Zweisamkeit.
Über ihren Beziehungsstatus redeten sie allerdings nicht.
Um kurz vor zwölf köpfte Leo den Sekt, während Adam noch eine letzte Zigarette im alten Jahr rauchte.
„Hast du eigentlich irgendwelche Vorsätze?“, fragte Leo, als er zu Adam auf den Balkon trat und ihm sein Glas reichte.
„Hab ich alle schon wahr gemacht“, sagte Adam einfach und drückte seine Zigarette aus. Dann warf er Leo einen bedeutungsvollen Blick zu. „Danke, dass du dein geliebtes Silvester auch mit mir verbringst, übrigens.“
Leo lächelte. „Tja“, sagte er, „Natürlich. Weil es doch so geliebt wird.“
Adam hob eine Augenbraue. Er verstand mal wieder nichts. Aber wenn man nicht an Silvester um zwölf Uhr mal was riskieren konnte, wann dann?
Aus einem offenen Fenster war der Countdown aus der Nachbarwohnung zu hören.
Leo fuhr langsam mit der Hand durch Adams Haare. Es musste es jetzt einfach sagen.
„Weißt du, was noch so geliebt wird?“, fragte er, gerade so laut dass Adam es hören konnte.
„Du“, lächelte Adam.
Leo stockte. „N-nein, du! Ich— warte.“ Das hatte gerade seinen smoothen Plan komplett durcheinander gebracht.
„Ach so“, sagte Adam, wie letztes Mal, nur dass er diesmal auf jeden Fall checkte, was hier los war.
Und dann küsste er Leo, während aus der Nachbarwohnung Gläserklirren, auf den Straßen Geschrei und am Himmel Feuerwerk erklang. Leo vergaß fast den Sekt in seiner Hand, stellte ihn blind auf dem kleinen Balkontisch ab und vergrub auch seine andere Hand in Adams Haaren.
Adams kalte Hände wanderten unter Leos offene Jacke, dann unter seinen Pullover, und ließen Leo vor Kälte und Erregung erschaudern. Aber er löste den Kuss, aus einer Reihe von Gründen: erstens – so sehr er die Absicht liebte, so wenig mochte er Adams frischen Raucheratem, und zweitens – so heiß es auch herging, ihm war extrem kalt. Dazu kamen die Nachbarn, die nun auch auf ihren Balkon kamen, und das wirklich nicht mit ansehen mussten.
„Frohes Neues übrigens“, sagte Leo und griff sich wieder sein Glas. Adam stieß mit ihm an und ersetzte dankenswerterweise den Zigarettengeschmack mit Sekt.
Etwa eine Minute lang schafften sie es, sich das Feuerwerk anzuschauen, aber Leos Füße wurden wirklich kalt und Adam wurde wirklich heiß, und so gingen sie schnell wieder zurück ins Wohnzimmer.
Fast sofort schob Adam seine kalten Hände wieder unter Leos Pullover und drückte seine kalte Nase in Leos Halsbeuge, wo er sanfte Küsse verteilte.
Stück für Stück schob er Leo so vor sich her, durch das Wohnzimmer in den Flur, durch die offene Schlafzimmertür bis zum Fußende des Bettes. Dort blieben sie stehen, Adam ließ von Leo ab und sah ihn einfach an. Mit einem Blick, den Leo, wäre er unwissend, als traurig bezeichnet hätte, aber mittlerweile wusste er es besser. Es war Verlangen und Sehnsucht, und – Leo traute sich kaum, den Gedanken überhaupt zu fassen – auch Liebe. Wenn er Adams einsilbige Antwort richtig gedeutet hatte.
Im nächsten Moment schubste Adam ihn einfach auf das Bett und kletterte hinterher, legte sich über ihn.
„Hey, nicht schubsen“, grinste Leo. „Das ist mein Ding.“
Adam schnaubte und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Hey, ich liebe dich, aber manchmal musst du mich auch schubsen lassen.“
Und er sagte es einfach so dahin, als hätte er es schon tausendmal gesagt. Und obwohl Leo es quasi schon wusste, waren die berühmten drei Worte in der Reihenfolge aus Adams Mund trotzdem ein Herzstillstandmoment. Wie gut, dass er sowieso schon auf dem Rücken lag.
„Du musst es nicht sagen“, murmelte Adam, während er sein Gesicht erneut in Leos Halsbeuge vergrub. Seine Nase war nun nicht mehr kalt und die Küsse waren mehr seicht als hungrig.
Leo hob Adams Kopf an, um ihn ansehen zu können. „Will ich aber“, sagte er fest und hielt Adams Blick stand. „Ich liebe dich auch, okay?“
Adam lächelte, erst sein geheimes nächtliches Lächeln, dann wurde es breiter, zu einem Grinsen, was noch viel seltener vorkam.
„Okay.“
„Aber das Schubsen ist trotzdem mein Ding.“
„Außer heute?“
Leo zog Adam wieder zu sich heran. „Okay, außer heute.“
